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Änderung der Spielregeln
Der ukrainische Exgeneral Walerij Saluschnij kritisiert bisherige Militärhilfe der NATO für Kiew: Russland habe es immer geschafft, Gegenmittel zu entwickeln
Die Militärhilfe der NATO bringt der Ukraine bisher nichts. Zumindest nichts Wesentliches, wenn man der Aussage des früheren Oberkommandierenden der Armee Walerij Saluschnij folgt. Sein Land habe außer Flugzeugträgern, »Tomahawk«-Marschflugkörpern und Atomwaffen alles bekommen, was die NATO im Arsenal habe, sagte Saluschnij am Mittwoch auf einer Veranstaltung im »Diplomatischen Klub« in Kiew, also vor den versammelten westlichen Botschaftern. Aber Russland habe noch für jede westliche Innovation innerhalb kurzer Zeit ein Gegenmittel gefunden.
Saluschnij forderte die NATO auf, sich an die militärischen Erfahrungen der Ukraine anzupassen und eine völlig neue Militärdoktrin zu entwickeln; erst dann sei sie bereit dazu, die Ukraine aufzunehmen. Mit dieser Bemerkung hatte der ukrainische General vermutlich die Klausel im NATO-Vertrag im Auge, die die Aufnahme von Staaten ausschließt, die in laufenden Kriegen stecken. Seine Ausführungen sind eine bemerkenswerte rhetorische Umkehrung der politischen Kräfteverhältnisse zwischen Kiew und der NATO. Saluschnij gilt als aussichtsreichster Kandidat für die Nachfolge von Präsident Wolodimir Selenskij, wenn dieser irgendwann Neuwahlen ansetzen muss. Voraussetzung hierfür wäre allerdings laut der ukrainischen Verfassung ein Ende des Kriegszustandes; Selenskij lehnt dies bisher ab.
Saluschnijs Einschätzung bestätigt sich an einigen aktuellen Entwicklungen der Militärtechnologie. So hat Russland nach eigenen Angaben ein eigenes weltraumgestütztes Kommunikations-system namens »Rasswet« (Morgendämmerung) in Konkurrenz zum US-amerikanischen »Starlink« entwickelt und setzt es bereits ein. Von »Starlink« war Russland Anfang des Jahres abgeschnitten worden, was für Probleme bei der Zielerfassung gesorgt hatte. Inzwischen bestätigt die Ukraine, dass die russischen Raketen und Gleitbomben zuletzt immer zielgenauer geworden seien. Wie das Magazin Focus am Donnerstag unter Berufung auf das französische Portal BFM Tech meldete, arbeite Russland außerdem an der Entwicklung eines Systems zur aktiven Störung des »Starlink«-Signals. Es beruhe nicht darauf, die Satelliten von »Starlink« physisch zu zerstören – und damit den USA einen möglichen Kriegsgrund zu verschaffen –, sondern darauf, ihre Antennen zu überlasten und so die Kommunikation mit den Endgeräten am Boden zu unterbrechen.
Beide Kriegsparteien setzen ihre Angriffe auf Ziele im gegnerischen Hinterland fort. Die Ukraine beschoss die russischen Raffinerien in Jaroslawl nördlich von Moskau und Ufa im Uralgebiet. Gegen Jaroslawl wurden nach russischen Angaben mindestens 1.200 Drohnen auf einmal eingesetzt. Russland hatte seinerseits in der Nacht zum Donnerstag konzentriert mehrere Logistikzentren in Kiew und Umgebung angegriffen und unter anderem das Zentrallager des Versandhändlers Rozetka bei Kiew irreparabel zerstört. Die Betreiberfirma bezifferte den Schaden am Donnerstag auf umgerechnet 40 Millionen Euro. Insgesamt 17 Menschen wurden im Zuge der Angriffe getötet. Diese Zielauswahl war eine offenkundige Vergeltung für die ukrainischen Schläge gegen den Onlinehändler Wildberries. Beide Seiten begründen die Angriffe auf Logistikzentren damit, dass diese für die Versorgung der gegnerischen Armee genutzt würden.
An der Front hat Russland nach Aussagen ukrainischer Soldaten die von Drohnen kontrollierte »Todeszone« beträchtlich ausgeweitet. Ersatztruppen müssten inzwischen im Schutze der Nacht bis zu 40 Kilometer zu Fuß marschieren, um in ihre Stellungen zu kommen. Fahrzeuge kämen nicht mehr durch, weil entlang potentieller Nachschubrouten in engen Abständen russische »Schläferdrohnen« im Gebüsch lägen und bei Annäherung von Konvois aktiviert würden.
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