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An der Grenze
Kirkenes im Nordosten Norwegens hat eine lange linke Tradition. Vor dem Krieg in der Ukraine gab es einen regen Austausch mit den russischen Nachbarn. Oslos NATO-Kurs stößt nicht bei allen auf Verständnis
Kirkenes ist die entlegenste Stadt Norwegens. 3.500 Einwohner, 2.000 Kilometer entfernt von Oslo gelegen, zehn Kilometer von der russischen Grenze. Bekannt als Endstation der Hurtigruten-Fähre und militärischer Hotspot. Während des Zweiten Weltkriegs waren hier Tausende Soldaten der Wehrmacht stationiert. Bei ihrem Abzug 1944 brannten sie alles nieder, in Kirkenes genauso wie in der gesamten Provinz Finnmark, zu der Kirkenes zählt. Die knapp 40.000 Einwohner der Provinz wurden allesamt zur Flucht in südlichere Gebiete Norwegens gezwungen, nur ein paar störrische samische Rentierhalter harrten im Landesinneren aus. Nach Kriegsende kehrten die meisten Bewohner auf eigene Faust zurück – obwohl die norwegische Regierung ihnen das eigentlich verboten hatte. Sie wollte Finnmark zur Militärzone machen. Doch die Menschen, die ihre Heimat nicht aufgeben wollten, widersetzten sich. Es war eine der größten Aktionen zivilen Ungehorsams im Europa des 20. Jahrhunderts.
Doch Kirkenes ist mehr als Krieg und Kreuzfahrttourismus. Die Stadt hat eine reiche gewerkschaftliche und politische Geschichte. 1906 wurde hier Nordens Klippe gegründet, eine Gewerkschaft von Bergbauarbeitern, die in der drittgrößten Eisenerzmine Europas schufteten. Die Mine wurde vom Unternehmen AS Sydvaranger geleitet, an dem von Anfang an deutsches Kapital beteiligt war. Nach dem Zweiten Weltkrieg ging das Unternehmen ins Staatseigentum über. 1996 wurde der Betrieb eingestellt, die norwegische Regierung erachtete die Mine als nicht mehr profitabel. Der spätere norwegische Ministerpräsident und NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg durfte in seiner damaligen Rolle als Wirtschaftsminister nach Kirkenes reisen, um die frohe Botschaft zu überbringen. In seiner 2016 erschienenen Autobiographie beschrieb er das als »schwierig«. Der Versuch eines australischen Unternehmens, die Mine ab 2009 wieder in Betrieb zu nehmen, endete 2015 im Konkurs. Momentan erwägt ein schwedisches Unternehmen, Grangex AB, sie wieder zu öffnen. Entschieden ist noch nichts.
Nordens Klippe
Nordens Klippe war eine der ersten und militantesten Gewerkschaften Norwegens. In dieser Rolle wurde sie bald auch zu einer der bekanntesten. Als sich 1923 die Kommunistische Partei Norwegens gründete, fanden viele ihrer Mitglieder dort eine politische Heimat. Immer wieder organisierten sie Arbeitskämpfe. Unterstützt wurden die Gewerkschafter unter anderem von der Schriftstellerin und Fotografin Ellisif Wessel, die in Kirkenes lebte. Wessel arbeitete als Sekretärin und Schatzmeisterin für die Gewerkschaft.
Heute steht am Rathausplatz in Kirkenes eine Statue zu Ehren von Nordens Klippe. Ich treffe dort Charles Mortensen. Während des letzten großen Streiks, in den Jahren 1985 und 1986, saß er im Vorstand. Was als Interview gedacht war, wird zu einem Vortrag. Der drahtige Pensionär referiert über die Geschichte der Gewerkschaft, ohne jemals seine Sonnenbrille abzunehmen, obwohl der gesamte Platz im Schatten liegt. Als ich es wage, eine Frage zu stellen, meint er: »Warte! Dazu komme ich noch.«
Mortensen war Teil der Initiative, die die Errichtung der Statue ermöglichte. Eingeweiht wurde sie 2023. Zu der Gruppe gehörte auch Stein Larsen, der die Website redcliff.no betreibt, auf der alle möglichen Dokumente und historischen Informationen zur Gewerkschaft einzusehen sind. Mortensen erweist sich als Gewerkschafter alter Schule. Ihm geht es um die Sicherung von Arbeitsplätzen. Als ich ihn nach einer Botschaft für die Leser einer schwedischen Zeitung frage, für die ich ebenfalls aus Kirkenes berichte, meint er kurz und bündig: »Ich hoffe, dass Grangex AB die Mine wieder aufmacht.«
Skeptischer ist die Umweltaktivistin Anne Greve. Sie ist seit langem im Naturvernforbund aktiv, der norwegischen Mitgliedsorganisation von »Friends of the Earth International«. Die deutsche Schwesterorganisation ist der Bund für Umwelt und Naturschutz. Greve erzählt uns bei einem morgendlichen Treffen im Grenzlandmuseum, das die Geschichte der Stadt dokumentiert, dass es im Umweltschutz vor Ort vor allem um die Rettung der Naturwälder und den Schutz des Varangerfjords gehe. Der Bergbau hat viel zur Verunreinigung des Fjords beigetragen. Greve ist nicht kategorisch gegen eine Wiedereröffnung der Mine, fordert jedoch eine umweltverträgliche Produktionsweise. Ich frage, ob sie und ihre Mitstreiter von jenen, die die Mine wieder in Betrieb nehmen wollen, als Nestbeschmutzer betrachtet würden – als verrückte Umweltaktivisten, die das ökonomische Wohlergehen des Ortes aufs Spiel setzten. Nach kurzem Überlegen meint sie: »Nein. Hier kennen alle alle. Du kannst dir wegen politischer Fragen keine persönlichen Fehden erlauben.« Die Bedeutung der Mine für die Wirtschaft vor Ort hält sie jedoch für überschätzt: »1996, als sich AS Sydvaranger zurückzog und die Mine erstmals geschlossen wurde, wurden alle möglichen Schreckensszenarien an die Wand gemalt. Eingetreten ist davon nichts. Die Menschen fanden andere Jobs.« So sei der Tourismus zu einer Alternative geworden, selbst wenn Greve diesen mittlerweile auch kritisch sieht. »Übertourismus« ist nicht nur in Barcelona und Salzburg ein Thema, sondern mittlerweile auch in Kirkenes. Zu viele Kreuzfahrtschiffe.
Rødt
Die Kommunistische Partei Norwegens war in Kirkenes immer verhältnismäßig stark. Die 1973 gegründete maoistische Arbeidernes kommunistparti (AKP) ebenso. 2007 war die AKP die größte Fraktion der marxistischen Allianz, die die Partei Rødt gründete. Die heutige Vorsitzende der Partei, Marie Sneve Martinussen, stammt aus Kirkenes. Als sie 2021 noch stellvertretende Vorsitzende war, interviewte ich sie für jW. Damals meinte sie: »Es gibt den Mythos, dass in Norwegen soziale Gleichheit herrscht. Dabei bestehen deutliche Klassenunterschiede, und die sind in den letzten Jahren immer größer geworden. Wir sind revolutionär orientiert und stehen auf einer deutlichen marxistischen Grundlage.« Martinussen übernahm den Parteivorsitz zwei Jahre später, nachdem ihr Vorgänger, Bjørnar Moxnes, am Osloer Flughafen beim Klauen einer Hugo-Boss-Sonnenbrille erwischt worden war.
Rødt wächst im ganzen Land. Ich treffe zwei Mitglieder der Ortsgruppe der Partei, Ellen Rygg und Merete Eriksson. Rygg stammt ursprünglich aus Oslo, Eriksson hat ihr ganzes Leben in der Region verbracht. Wir treffen uns um sechs Uhr abends vor der Stadtbibliothek. Die ist geschlossen, doch Rygg und Eriksson haben einen Schlüssel. Wir setzen uns ins Foyer. Das Gespräch wird immer wieder unterbrochen, da Eriksson Menschen begrüßt, die einen Sprachkurs im Gebäude besuchen. Sie engagiert sich seit langem in der Flüchtlingshilfe.
Die Parteipolitik ist Neuland für Rygg und Eriksson. Ihr Engagement bei Rødt verbindet sich mit einer Verteidigung der Landbevölkerung, vor allem Nordnorwegens. Die Politiker in Oslo hätten keine Ahnung vom Leben im Norden und den Bedürfnissen der Menschen dort. Sie würden ständig die strategische Bedeutung von Kirkenes betonen, aber nichts für die Menschen tun, die in der Stadt leben. Die häufigen Besuche seien reine Wahlkampfpropaganda. Das Geld, das vor Ort investiert wird, fließe ausschließlich ins Militär, die Zivilgesellschaft bekäme davon nichts zu sehen.
Rygg und Eriksson stören sich auch an anderem. Ihrer Ansicht nach mangele es an Respekt für die Partisanen, die Widerstandskämpfer gegen die Nazibesatzung. Während die Widerstandskämpfer im Süden gefeiert werden, würden die im Norden oft nur als sowjetische Spione, im schlimmsten Fall als Landesverräter angesehen. Das entspräche nicht der Wahrheit. Ja, es waren viele Kommunisten unter den Partisanen, aber der Widerstand wurde lokal organisiert.
Es gibt ein Monument in Kirkenes, das an den Widerstand erinnert. Es liegt etwas außerhalb der Stadt in einem kleinen Waldstück beim Krankenhaus. Dort wird »elf Partisanenhelfern« gedacht, die im August 1943 von der Wehrmacht hingerichtet wurden. Menschen, die 50 Meter von der Gedenkstätte entfernt leben, haben keine Ahnung, dass es sie gibt.
Weil die norwegischen Grünen in Kirkenes keine Ortsgruppe haben, profiliert sich die Ortsgruppe von Rødt auch in Umweltfragen. Zu Anne Greve hat sie guten Kontakt. Auch Rygg und Eriksson sind der Meinung, dass man eine Wiedereröffnung der Eisenerzmine von einer Umweltverträglichkeitsprüfung abhängig machen müsse. Die Unterstützung der Wähler für Rødt liegt in Kirkenes bei ungefähr zehn Prozent. Das entspricht dem Prozentsatz in der Provinz Finnmark; mehr als im nationalen Durchschnitt.
Eine autonome linke Szene gibt es in Kirkenes nicht wirklich. Es gab einmal einen Infoladen, aber der ist seit langem geschlossen. Auch Initiativen wie den »Sozialistischen Chor« gibt es nicht mehr. So kann Rødt viele Kräfte sammeln. Auch der Sänger von Ondt Blod gehört dazu. Die Hardcore-Punk-Band aus Kirkenes ist in Norwegen eine Szenegröße. Ihr Sänger, Aslak Heika Hætta Bjørn, arbeitet als politischer Berater für die Parlamentsfraktion von Rødt in Oslo. Die Partei ist mit neun Abgeordneten im Stortinget, dem norwegischen Parlament, vertreten.
Hætta Bjørn ist auch dafür bekannt, traditionelle samische Kleidung zu tragen. Sámi gab es in Finnmark schon immer. Die Rentiere, die man auf den Hügeln um Kirkenes ständig sieht, zeugen davon.
Entgegen vieler Vorurteile war Nordkalotten (der hohe Norden Norwegens, Schwedens und Finnlands sowie die russische Halbinsel Kola) immer schon eine multikulturelle Region. Im Fußballstadion von Kirkenes stoße ich auf ein Transparent der »Mii-Met-Vi«-Kampagne. Die Wörter bedeuten »Wir« auf Samisch, Kvenisch und Norwegisch.
Auch zahlreiche Migranten finden im hohen Norden eine neue Heimat. Dort ist man stolz darauf, dass es mit der Integration besser zu klappen scheint als in anderen Teilen des Landes. Oft hört man das Argument, dass es einer traditionell multikulturellen Gesellschaft leichter falle, andere zu integrieren. Da mag etwas dran sein. Doch steht es in gewissem Widerspruch zur geschlossenen Grenze nach Russland. Womit wir bei einem Dauerbrenner in der Stadt wären.
Dauerthema Russland
Dem Thema Russland entkommt in Kirkenes niemand. Jahrzehntelang reichte der Eiserne Vorhang direkt in den Varangerfjord. Das änderte sich 1991 abrupt. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion verteilten das russische Generalkonsulat in Kirkenes und das norwegische Generalkonsulat in Murmansk bereitwillig Visa für den Grenzübergang. Menschen, die im unmittelbaren Grenzgebiet lebten, konnten die Grenze für Tagesausflüge ohne Visum überqueren. Viele Norweger begannen, mit russischen Partnern zu handeln oder beruflich in Russland tätig zu werden. Nicht wenige legten sich in Murmansk einen Zweitwohnsitz zu. Die Sanktionen, die 2022 nach dem Angriff auf die Ukraine gegen Russland verhängt wurden, setzten dem ein jähes Ende. Heute können im Prinzip nur noch Menschen mit norwegisch-russischer Doppelstaatsbürgerschaft die Grenze überqueren. Es werden weniger als 100 Grenzübertritte pro Tag registriert.
Der Grenzübergang, zehn Kilometer östlich von Kirkenes gelegen, ist unscheinbar. Es gibt einen Korridor zwischen der norwegischen und der russischen Grenzstation, der nur mit einem Fahrzeug durchquert werden darf. Die russische Grenzstation sieht man von der norwegischen Seite aus nicht, die norwegische ist eingezäunt. Vor dem Zaun gibt es einen Souvenirladen. Dieser ist geschlossen, als ich vorbeischaue, und es sieht so aus, als wäre er schon lange nicht mehr geöffnet gewesen.
2015 machte der Grenzübergang bei Kirkenes internationale Schlagzeilen, als immer mehr Migranten versuchten, hier in den Schengen-Raum zu gelangen, dem Norwegen angehört. Die Balkanroute war nicht mehr sicher, und wer es nach Russland schaffte, wurde von den russischen Behörden nicht am Grenzübergang nach Norwegen gehindert. Im Gegenteil. Migranten wurden mit Fahrrädern ausgestattet, um den Grenzkorridor gesetzeskonform durchqueren zu können. Einige dieser Fahrräder, die auf der norwegischen Seite meist liegengelassen wurden, gibt es heute im Grenzlandmuseum zu bewundern.
Die russische Gemeinde in Kirkenes besteht aus mehreren hundert Menschen. Man spricht von fünf bis zehn Prozent der Bevölkerung. Viele Schilder in der Stadt sind zweisprachig. Es gibt mehrere Monumente zur russisch-sowjetischen Geschichte. Aus diesen sticht das Denkmal zur Befreiung Kirkenes durch die Rote Armee 1944 heraus. Es liegt auf einem Hügel über der Stadt. Als ich diesen erklimme, finde ich am Fuß des Monuments mehrere Kränze – darunter auch einen, der der Toten in der Ukraine gedenkt. Zweifelsohne eine politische Botschaft. Genauso wie das einzige Auto, das neben dem Denkmal parkt. Es trägt gelb-blaue Farben und Aufschriften wie »Stop War« und »Stop Putin«. Ich erfahre später, dass es einem in Kirkenes ansässigen russischen Oppositionellen gehört. Alle in der Stadt würden das Auto kennen.
Thomas Nilsen ist Redakteur der Onlinezeitung Barents Observer, die 2002 in Kirkenes gegründet wurde. Er meint, dass prorussische Kräfte die russisch-sowjetischen Monumente der Stadt für Propagandazwecke nutzen würden. Dass an entsprechenden Veranstaltungen nur wenige Menschen teilnehmen, sei kein Problem. In den sozialen Medien ließe sich trotzdem über sie berichten.
Barents Observer veröffentlicht auf englisch und russisch. Der Gründer der Zeitung und jetzige Chef vom Dienst, Atle Staalesen, nimmt ebenfalls an dem Gespräch teil, zu dem ich in die Redaktion eingeladen wurde. Nilsen und Staalesen meinen, dass von Russland eine große sicherheitspolitische Gefahr ausgehe. Sie sprechen von einer »Verteidigung Europas«, die »an der Grenze« beginnen müsse. Russland würde die Region um Kirkenes als »Laboratorium« für seine Auslandspolitik verwenden.
Aufgrund der Artikel, die auf russisch veröffentlicht werden, ist Barents Observer den russischen Behörden ein Dorn im Auge. 2019 wurde die Website in Russland blockiert, 2025 erklärte das russische Justizministerium die Zeitung zu einer »unerwünschten Organisation«. Barents Observer erhielt daraufhin viel Unterstützung von anderen norwegischen Medien. Die Pressefreiheit wird im Land großgeschrieben.
Ich spreche mit einer der russischstämmigen Mitarbeiterinnen. Die Journalistin Farida Kurbangalejewa lebt seit Jahren im Exil. 2025 wurde sie von einem russischen Militärgericht in ihrer Abwesenheit wegen der »Verbreitung von Falschnachrichten« und der »Rechtfertigung von Terrorismus« zu acht Jahren Haft verurteilt. Grund dafür war ein Interview, das sie mit einem Mitglied der »Freedom of Russia«-Legion geführt hatte, einer aus Russen bestehenden paramilitärischen Einheit, die im Krieg auf seiten der Ukraine kämpft. Kurbangalejewa lebte lange in der Tschechischen Republik. In Kirkenes ist sie seit gut einem halben Jahr. Sie freut sich über die feste Anstellung bei Barents Observer, auch wenn es etwas »unbehaglich« sei, so nahe an der Grenze zu wohnen.
Die russische Bevölkerung in Kirkenes wird als politisch gespalten beschrieben. Manche seien starke Befürworter des Regimes, andere große Kritiker. Auch in der norwegischen Bevölkerung sind die Meinungen zu Russland geteilt. Die Sanktionen stellt kaum jemand offen in Frage, auch nicht die Partei Rødt. Alle bedauern jedoch die geschlossene Grenze. Intellektueller und künstlerischer Austausch, grenzüberschreitende Sportveranstaltungen, Einkaufstouren – vieles, was in Kirkenes lange Zeit den Alltag prägte, ist verloren gegangen. Merete Eriksson, die kommunistische Lokalpolitikerin, betont, wie wichtig der Austausch über die Staatsgrenze sei. Nur dieser könne die Menschen einander näherbringen und den Frieden sichern. Zu oft würde jeder Kontakt zur russischen Seite als suspekt erachtet.
200 Vereine
Ich kehre ins Fußballstadion zurück. Hier ist am Abend Derby angesagt. Die zweite Herrenmannschaft des Kirkenes IF trifft auf die Rivalen des Bjørnevatn IL. Bjørnevatn ist der Vorort von Kirkenes, in dem sich die Eisenerzmine befindet. Einst spielten Arbeiter von dort in beiden Vereinen, heute müssen die Klubs woanders rekrutieren. Viele Spieler kommen von den großen öffentlichen Arbeitgebern der Stadt: dem Krankenhaus, der Polizei und vor allem dem Militär.
»Stadion« ist ein großes Wort für die Sportanlage in Kirkenes. Es handelt sich um einen Kunstrasenplatz mit der schmalsten Aschenbahn, die ich je gesehen habe. Sie bietet genau zwei Läufern Platz. Drumrum viel hoher Maschendraht, dahinter Straße. Auf einer Seite eine kleine, in einen Hang gebaute Holztribüne, hinter einem Tor eine knallgelbe Schule. Was dem ganzen Charme verleiht, ist, dass wir uns mitten in der Stadt mit ihren vielen bunten Wohnhäusern befinden.
Ich sehe mir das Spiel mit der Vorsitzenden des Kirkenes IF, Nina Greiner Iversen, an. Sie ist stolz, dass der Verein viele Jugendliche an sich binden kann. Sektionen im Handball und im Orientierungslauf gibt es auch. Und viel Konkurrenz durch andere Vereine. Das ehrenamtliche Vereinswesen Norwegens ist in Kirkenes noch intakt. 200 Vereine sind in der Kommune (Kirkenes und Nachbargemeinden) registriert. Bei insgesamt nur 7.000 Einwohnern ist das eine ganze Menge.
Sowohl die Herren als auch die Damen des Kirkenes IF spielen in der sechsten norwegischen Liga. Eine höhere Spielklasse wäre allein schon aus finanziellen Gründen ein Problem. Reisen zu den Auswärtsspielen sind so schon teuer genug. Für manche Spiele sind hin und zurück 1.000 Kilometer zurückzulegen. Ein zusätzlicher Kostenpunkt: das Einfliegen von Schlüsselspielern, etwa, wenn diese an der 800 Kilometer entfernten Universität von Tromsø studieren.
Die Sanktionen gegen Russland sind auch im Fußballstadion Thema. Ein Zuschauer erklärt mir, dass er vor den Sanktionen ein Unternehmen betrieben hätte, das in Russland arbeitete. Das ginge nun nicht mehr. Er könne das Unternehmen nur provisorisch am Laufen halten. Gleichzeitig würden für norwegische Großunternehmen, vor allem im Energiesektor und im Fischfang, zahlreiche Ausnahmen gemacht, was die Sanktionen betrifft. Sie stünden immer noch in regem Austausch mit russischen Partnern. Auch der staatliche Pensionsfonds Norwegens investiert weiterhin in russische Unternehmen. Deshalb empfänden einige Menschen vor Ort die harten Auflagen für lokale Kleinunternehmer als heuchlerisch. Eine große Protestbewegung ist deshalb nicht unbedingt in Sicht. Aber unter der Oberfläche brodelt es.
→ Der Artikel wurde unter Mitarbeit von Roland Aspviken verfasst.
→ Gabriel Kuhn schrieb an dieser Stelle zuletzt am 28. Februar 2026 über die rassistische Migrationspolitik in Dänemark: »Haftgrund: Ausländer«
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