Alles offenhalten
Türkei nimmt an Luftüberwachung im Baltikum teil
Es ist eine Premiere: Zum ersten Mal seit der Eskalation des Ukraine-Konflikts im Jahr 2014 beteiligt sich die Türkei mit fünf Kampfjets vom Typ F-16 am »Baltic Air Policing« der NATO, also an der Luftraumüberwachung über den Territorien Estlands, Lettlands und Litauens. Vor ziemlich genau 20 Jahren hatte die türkische Luftwaffe diesen Job schon einmal übernommen. Seit aber der Konflikt zwischen der NATO und Russland eskalierte und vor allem, seit er 2022 mit dem russischen Angriff auf die Ukraine in offenen Krieg überging, blieb Ankara fern. Man darf spekulieren, dass es sich in der angespannten Lage nicht exponieren wollte. Nun ist der Krieg immer noch nicht zu Ende. Wieso also schickt die Türkei auf einmal doch Kampfjets auf die Ämari Air Base in Estland?
Die Wahrnehmung, die Türkei habe eine besondere Nähe zu Russland, weil sie sich nicht an den westlichen Sanktionen beteiligt, weil sie ökonomisch unverändert mit der Russischen Föderation kooperiert und weil sie immer wieder bemüht war, zwischen Moskau und Kiew zu vermitteln, stimmt nur halb. Ankara unterhält tatsächlich produktive Beziehungen zu Russland, arbeitet aber gleichzeitig mit der Ukraine zusammen. Nicht nur vor Kriegsbeginn, auch danach hat es die ukrainischen Streitkräfte mit Waffen beliefert, darunter die bekannten »Bayraktar«-Drohnen. Erst kürzlich haben Ankara und Kiew, um ihren Warentausch über das Schwarze Meer hinweg zu intensivieren, ein Freihandelsabkommen ratifiziert. Für die Außenpolitik der Türkei unter Erdoğan ist das charakteristisch: Ankara lässt sich nicht festlegen, kooperiert mit allen – mit Moskau ebenso wie mit Kiew, mit den USA nicht anders als mit China. Und indem es das tut, steigert es sein Gewicht.
Dies gilt auch für die Aktivitäten in der NATO. Es stimmt: Die Türkei ist Dialogpartner der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ), weil sie Vorteile aus guten Beziehungen zur SOZ und zu ihren Mitgliedstaaten zieht. Für Ankara ist das aber überhaupt kein Grund, die Mitgliedschaft in der NATO nicht genauso zum eigenen Vorteil zu nutzen – und sei es nur, weil die NATO-Staaten mehr als die Hälfte der türkischen Rüstungsexporte abnehmen. Natürlich nimmt die Türkei auch an NATO-Manövern teil. Aktuell ist das für sie besonders interessant, weil die NATO dabei ist, sich zu europäisieren – also immer besser ohne Rückgriff auf US-Truppen und -Strukturen auszukommen. Die Beteiligung daran stärkt die Stellung der Türkei in Europa. Im Februar etwa drangen türkische Kriegsschiffe im Rahmen der NATO-Übung »Steadfast Dart« erstmals in die Ostsee vor. Nun stationiert die türkische Luftwaffe im Rahmen des »Baltic Air Policing« – vor dem Hintergrund der Europäisierung der NATO – auch wieder Kampfjets in der Region.
Und Russland? Wenn es nicht in türkischem Interesse liegt, gegen Moskau zu Felde zu ziehen, wird Ankara es – Manöver hin, Luftüberwachung her – nicht tun. Sollte es aber dereinst einmal türkischem Interesse entsprechen, könnte man sich nicht mehr so sicher sein. Die Türkei hält sich alles offen. Daraus resultiert ihre Stärke, ihr Aufstieg zu einer einflussreichen Macht.
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