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Duma-Wahl in Russland

Ein Land kreuzt an

In Russland wird an diesem Wochenende die Staatsduma neugewählt. Liberale Opposition weitgehend ausgeschlossen. Linke Parteien setzen auf soziale Programme

Foto: Dmitri Lovetsky/AP/dpa
Unter dem gestrengen Blick des Militärs wird der russische Bürger schon wissen, wen er zu wählen hat (Wahlplakat für die Partei »Einiges Russland«, St. Petersburg, 15.9.2026)

Diesen Freitag wird in Russland die Staatsduma neu gewählt. Um die 450 Sitze bewerben sich insgesamt 4.800 Kandidaten von 17 Parteien und Organisationen. Jeweils die Hälfte der Mandate wird an Direktkandidaten in den Wahlkreisen bzw. über eine landesweite Parteienliste vergeben. In 33 Regionen soll die Stimmabgabe auch elektronisch möglich sein. Dieses Modell wurde 2021 erstmals in sieben Regionen getestet und scheint sich im Sinne der Organisatoren bewährt zu haben. In elf Regionen, die derzeit unter Kriegsrecht stehen, wird sogar schon seit dem 28. August abgestimmt. Dies gilt insbesondere für die 2022 nach Russland eingegliederten ukrainischen Regionen und die beiden Volksrepubliken des Donbass.

Wie die Wahl ausgeht, ist aus verschiedenen Gründen vorab schwer einzuschätzen. Die meisten Umfrageinstitute sind staatsnah und dürften dazu tendieren, den Anteil der seit über 20 Jahren regierenden Partei »Einiges Russland« hoch anzusetzen. Doch selbst hier schwanken die Werte stark: zwischen den knapp 50 Prozent aus der vergangenen Wahl und einem Absturz auf Werte um 35 Prozent. Entsprechend stark schwanken die Prognosen auch für die größeren Oppositionsparteien, etwa die Kommunisten von der KPRF: Waren sie 2021 mit knapp 19 Prozent zweitstärkste Kraft geworden, sagen ihnen die Prognosen für diese Wahl Werte von bis zu 23 Prozent voraus.

Das liegt womöglich auch daran, dass die Kommunisten und die sozialdemokratisch orientierte Partei »Gerechtes Russland« einen Programmschwerpunkt auf soziale Fragen gelegt haben: Es geht um Preiskontrollen und Erhöhungen der Mindesteinkommen auf 100.000 Rubel (900 Euro), um eine Deckelung der Ausgaben für Miete und Nebenkosten auf 15 Prozent des verfügbaren Einkommens, die Abschaffung der Mehrwertsteuer und die Wiederherstellung des aus sowjetischen Zeiten üblichen Renteneintrittsalters von 55 Jahren für Frauen und 60 für Männer.

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Allerdings zeigt gerade das Beispiel der Mehrwertsteuer, dass diese Forderungen wenig Chancen auf Durchsetzung haben: Die Regierungspartei hat mit ihrer verfassungsändernden Mehrheit diese Abgabe, die wie überall Ärmere besonders hart trifft, gerade erst von 20 auf 22 Prozent erhöht. Nach einer eigenen Statistik der Staatsduma sind in der ablaufenden Legislaturperiode knapp 70 Prozent aller Gesetzesvorlagen einstimmig oder mit Unterstützung aller politischen Kräfte verabschiedet worden. Vor allem betrifft das Gesetzentwürfe, die mit der Kriegführung in der Ukraine und der Stärkung der »inneren Sicherheit« in Russland selbst zusammenhängen.

Der Krieg in der Ukraine findet die Unterstützung aller in der Duma vertretenen Parteien. So gut wie aller. Denn die aus diesem Muster herausfallende westlich-liberale Partei »Jabloko«, die unter der Parole »Für Frieden und Freiheit und ein Leben ohne Angst« antreten wollte, ist kurz nach ihrer offiziellen Zulassung Ende Juli bereits am 10. August durch ein Gerichtsurteil von der Wahl ausgeschlossen worden. Der einzige Parlamentsabgeordnete der rechtskonservativen Partei »Rodina« hatte »Jabloko« in einer Strafanzeige Verletzungen des Urheberrechts in Wahlkampfpublikationen vorgeworfen und ihr außerdem eine Finanzierung aus dem Ausland unterstellt. Der Ausschluss wurde auch in zweiter Gerichtsinstanz bestätigt.

Ob die Vorwürfe gegen »Jabloko« im einzelnen zutreffen, ist schwer nachvollziehbar. Unwahrscheinlich ist es nicht, denn es fällt auf, dass sich westliche Staatsmedien wie auch die Deutsche Welle aktiv in die Debatte im liberalen Milieu Russlands einschalten. Sie dreht sich vor allem darum, wie systemoppositionell eingestellte Wähler jetzt vorgehen sollten. Es gibt dazu drei Optionen. Zum einen bedeutet der Ausschluss von »Jabloko« von der landesweiten Parteienliste nicht automatisch den Ausschluss auch aller Wahlkreiskandidaten der Partei. Etwa 80 von ihnen stehen weiterhin auf den Stimmzetteln.

Die erste Option, zu der aus dem Ausland finanzierte Medien wie die Nowaja Gaseta raten, lautet, dort, wo diese Kandidaten noch zugelassen sind, für sie zu stimmen. Auch wenn sie die Wahl nicht gewinnen würden, sei ihr Ergebnis doch ein Stimmungstest. Die zweite Strategie schließt an diesen Gedanken an. Sie wird vor allem von der einst von Alexej Nawalny gegründeten Antikorruptionsstiftung propagiert: »kluges Wählen«, also Teilnahme und Stimmabgabe für irgendeine Partei außer dem »Einigen Russland«. Die dritte Strategie, ungültig zu wählen oder die Wahl zu boykottieren, wird von russischen Exilanten in Westeuropa und in den USA propagiert. Gegen sie wenden Vertreter der ersten beiden Strategien allerdings ein, dass etwa eine geringe Wahlbeteiligung den Stimmenanteil des »Einigen Russlands« automatisch erhöhe und dass ungültige Stimmen – etwa durch das Ankreuzen mehrerer Listen – von der Staatsmacht leicht unter den Tisch geschoben werden könnten. Generell wird geraten, sich nicht auf die elektronische Wahlbeteiligung einzulassen und möglichst erst am letzten Wahltag, also am kommenden Sonntag, zur Abstimmung zu gehen, um Fälschungen aufgrund erster ungünstiger Zwischenergebnisse zu erschweren.

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Erschienen in der Ausgabe vom 18.09.2026, Seite 9, Schwerpunkt

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→ Leserbriefe
  • Martin aus Paris 21. Sept. 2026 um 20:51 Uhr
    Die beiden Artikel von Lauterbach sind enttäuschend. Sätze wie »Ob die Vorwürfe gegen ›Jabloko‹ im einzelnen zutreffen, ist schwer nachvollziehbar.« Wie naiv muss man sein, um Wahlmanipulation festzustellen? Egal ob in Russland, Kolumbien, Ecuador, Honduras, Peru, USA (Gore scheiterte in Florida, wo sich im Nachhinein herausstellte, dass er dort gewonnen hatte), und mit dem Versuch auch in Brasilien eine extrem rechte Regierung an die Macht zu bringen. Israel und die USA sind Spezialisten dafür. Die jW braucht JournalistInnen, die einen differenzierten Blick auf die russische Politik, auch auf die autoritäre Innenpolitik zeigen. Der Marxist Boris Kagarlitzki sitzt immer noch in Haft, aufgrund eines politisch motivierten Prozesses. Die jW hat mal ansatzweise darüber berichtet. Offensichtlich herrscht nun Funkstille bei jW. Kagarlitzki zeigt die Probleme und die Korruption in Russland auf. Ein Vergleich wäre, dass die Redaktion der jW nun in Stammheim verurteilt und als politische Gefangene für Jahrzehnte eingekerkert würde. Die jetzige russische Regierung ist weit entfernt von den »Idealen« der UdSSR, obwohl Letztere Sozialismus und Internationalismus am Ende nur selektiv umgesetzt hat. Der unangekündigte Angriff Russlands gegen die Ukraine – ein klarer Verstoß gegen das Völkerrecht –- kann nicht mit dem Vordringen der NATO gerechtfertigt werden. Sowohl Putin (der Russland wieder autonom machte, aber offensichtlich an einem Realitätsverlust leidet) als auch Selenskyj (eine Marionette der Kriegstreiber von GB, D, Polen, F, USA etc.) sollten von ihren Posten zurücktreten, um diesen sinnlosen Krieg mit vielen, vielen Opfern unter Brudervölkern zu beenden.
  • Fred Buttkewitz aus Ulan - Ude 18. Sept. 2026 um 04:45 Uhr
    »Unter dem gestrengen Blick des Militärs wird der russische Bürger schon wissen, wen er zu wählen hat (Wahlplakat für die Partei «Einiges Russland», St. Petersburg, 15.9.2026).« Wenn ich so etwas als Bildunterschrift lese, habe ich eher das Gefühl, dass meine Gedanken manipulativ in eine bestimmte Richtung gelenkt werden sollen. Und ich dagegen vermisse in Deutschland ein Wahlplakat, auf dem nicht gewinnend gelächelt wird, um anschließend die große Sozialsparkeule herauszuholen. Wenn man die Vorschläge der vier in der jetzigen Duma vertretenen Parteien miteinander vergleicht, so gibt es im Bereich Innenpolitik und Soziales gigantische Unterschiede bei den Wegen, die man beschreiten will, wesentlich größere Unterschiede und viel weniger Konformität als beispielsweise bei den im Bundestag Deutschlands vertretenen Parteien oder in den USA. Die KPRF propagiert ganz offen im Wahlkampf und im Parlament die Rückkehr zum Sozialismus nach dem Vorbild der UdSSR. Eine solche Partei könnte in Deutschland wegen »Verstoßes gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung« niemals im Parlament sitzen, mit 20% der Wählerstimmen. In Russland kann eine Partei gewählt werden, die das System radikal abschaffen will. Wo werden also mehr Abweichler vom Mainstream zugelassen, in Deutschland oder in Russland? Außenpolitisch, betreffs des Ukrainekrieges vertreten alle Parteien in der Duma eine Einheitsmeinung. Die Parteien im Bundestag nicht? Unterstellt sich da jemand nicht im Rahmen der NATO einem Oberbefehlshaber aus den USA? Wenn also unter dem Strich in der Duma wenigstens innenpolitisch mehr Vielfalt von Präsident Putin zugelassen wird als im Bundestag unter der Schirmherrschaft von Bundespräsident Steinmeier, warum sollte man dann in Russland mehr Interesse daran haben, Wahlen oder die öffentliche Meinung zu manipulieren, als in Deutschland? Abweichender als das Ziel, das gesamte System abzuschaffen, wie von der KPRF vertreten, kann man im Meinungspektrum ja gar nicht sein.
    • Frank B aus G 20. Sept. 2026 um 10:21 Uhr
      Also im Bundestag sind mehrere Parteien vertreten, die lieber heute als morgen unser heutiges System abschaffen und unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung demontieren wollen. Und sie dürfen offen sprechen, ohne mit Repressalien rechnen zu müssen. Und eine Zeitung wie die junge Welt wäre, wenn sie so gegen Regierung und Staat agitieren würde, in Russland schon längst der Zensur zum Opfer gefallen!
      • Fred Buttkewitz aus Ulan - Ude 21. Sept. 2026 um 13:54 Uhr
        »Also im Bundestag sind mehrere Parteien vertreten, die lieber heute als morgen unser heutiges System abschaffen und unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung demontieren wollen. Und sie dürfen offen sprechen, ohne mit Repressalien rechnen zu müssen.« Das dürfen sie eben nicht, falls sie das überhaupt vorhaben. Welche im Bundestag vertretene Partei hat verbindlich als Partei (nicht als persönliche Meinungsäußerung einzelner Mitglieder), das Ziel benannt, die freiheitlich - demokratische Grundordnung abschaffen zu wollen? Wann bitte und wo? Eine solche Partei wäre verfassungsfeindlich und nicht im Bundestag. Sie, sehr geehrter Herr Frank B, schreiben weiter: »Und eine Zeitung wie die junge Welt wäre, wenn sie so gegen Regierung und Staat agitieren würde, in Russland schon längst der Zensur zum Opfer gefallen!« Also erstens agitiert junge Welt nicht gegen den Staat und ist in ihren Beiträgen mit Vorschlägen für die Verbesserung des sozialen Klimas geradezu staatserhaltend. An den Fundamenten des Staates sägen andere. jW übt bei der Beachtung des Wortlautes des Grundgesetzes die Wächterrolle aus, die verschiedene Parteien, die meisten Medien oder auch das Bundesverfassungsgericht nicht in ausreichendem Maße wahr nehmen. Das Friedensgebot im Grundgesetz, die Beachtung abgeschlossener Verträge (2+4 Vertrag), die soziale Bindung und Verantwortung des Kapitals oder der märchenhafte Satz: »Eine Zenzur findet nicht statt«- junge Welt nimmt das Grundgesetz ernst. Zweitens kann ich nicht nur junge Welt sondern etliche andere deutsche Zeitungen mit teils krass antirussischen Beiträgen hier in Russland im Internet abrufen, auch in russischer Übersetzung. Es wäre ein Leichtes für Russland, kriegsbedingt alle (!) antirussischen Medien zu sperren. Vieles kann man jetzt auch nicht mehr abrufen. Aber es wird dennoch nicht so umfassend alles sanktioniert wie umgekehrt die Nachrichten aus Russland in Deutschland.
    • Onlineabonnent*in Mario G. aus O. 19. Sept. 2026 um 14:25 Uhr
      Danke Fred Buttkewitz.
    • Onlineabonnent*in Joachim S. aus B. 18. Sept. 2026 um 19:31 Uhr
      Wie schön, endlich wieder etwas aus dem fernen Ulan-Ude zu hören. Manches sieht man aus der Ferne eben doch deutlich besser als aus der Nähe. Wahrscheinlich, weil dann der Überblick leichter fällt. Übrigens missfiel auch mir der gehässige Ton der Bildunterschrift gehörig.
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