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Geo- und Energiepolitik

Holy Sprit!

Ölriesen machen Extrakasse: Spritpreise steigen auf Allzeithoch. Koalitionäre bringen Kartellaufsicht und Preisdeckel ins Spiel. Verbrauchern droht unterdessen Energiearmut

Öl
Foto: Rene Traut/IMAGO
Autobahn A 45, Raststätte Siegerland West: Nur noch ganz knapp unter der Schallmauer von drei Euro pro Liter

Grauer, nieseliger Montagmorgen: Ein schwerer, öliger Dieselgeruch liegt unter dem Vordach, steigt warm aus den Tanks. Die Hand fest am Zapfhahn, während der Literpreis rattert, unaufhörlich rattert – und klack. Randvoll ist er, der Spritspeicher. Auf dem Display flackert die Endsumme. Wieder mehr Euro für eine Füllung, wieder tiefer in die Tasche greifen, wieder Stunk an der Säule.

Der Schock an der Tankstelle ist zurück, berichtete Tagesschau.de am Montag. Wegen der Eskalation im Nahen und Mittleren Osten werden Benzin und Diesel immer teurer – am Wochenende gab es ein neues Allzeithoch. Auch die Preise für Heizöl steigen deutlich.

Zu Wochenbeginn zahlen Autofahrer nach ARD-Daten im Schnitt 2,25 Euro für einen Liter Superbenzin der Sorte E 10 – ein Plus von elf Cent im Vergleich zu Ende August. Ein Liter Diesel kostete 2,38 Euro pro Liter und damit 20 Cent mehr als vor zwei Wochen. Das ergibt die SWR-Datenanalyse aller Kraftstoffpreise der rund 15.000 deutschen Tankstellen.

Ein Ende der Preisrallye ist nicht in Sicht. Das weiß auch der Tankstelleninteressenverband (TIV). »Wir werden uns damit auseinandersetzen müssen, dass wir Spritpreise um drei Euro bekommen«, sagte TIV-Pressesprecher Herbert Rabl der Rheinischen Post (Montagausgabe). »Und wir haben sie an den Autobahnen ja schon.«

Rabl kritisiert das Vorgehen der Mineralölkonzerne scharf. »Es wird abkassiert. Und auch die Tankstellenbetreiber leiden unter den hohen Preisen.« Zwar seien die Blockade der Straße von Hormus und der Konflikt mit den Ansarollah um die Meerenge Bab Al-Mandab ein Problem, doch der Anteil des hierzulande verbrauchten Öls aus der Golfregion sei vergleichsweise gering. »Da in den USA die Spritpreise gerade niedrig gehalten werden, müssen die Konzerne woanders das Geld verdienen«, erklärt Rabl. »Und das ist bei uns, das ist in Europa.«

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Der ADAC bremst die Debatte: Von drei Euro pro Liter etwa bei Diesel sei Deutschland weit entfernt, meinte ein Verbandssprecher am Montag. Dafür müssten die Ölpreise weltweit noch einmal kräftig anziehen. Ganz ausschließen will der größte deutsche Verkehrsverband neue Spitzenwerte aber nicht – vor allem dann, wenn sich die geopolitische Lage weiter verschärfe.

Selbst der CDU-nahe Wirtschaftsrat hat sich eingeschaltet – und forderte am Montag seitens des Bundeskartellamts, den Wettbewerb auf dem Kraftstoffmarkt zu überprüfen. »Wir sehen derzeit in Deutschland keine Knappheit ‌bei Benzin und Diesel«, sagte dessen Generalsekretär Wolfgang Steiger den Zeitungen der ‌Funke-Mediengruppe. Und aus der SPD wurden am Wochenende Rufe nach einem Spritpreisdeckel laut. Kurz: Die »schwarz-roten« Koalitionäre bangen um die kapitalistische Marktlogik.

Davon unabhängig: Die aktuelle Preistreiberei ist vor allem ein altbekanntes Schauspiel – mit klarer Rollenverteilung. Die Kraftstoffbosse argumentieren mit globalen Krisen, auch wenn die BRD nur kleine Ölmengen vom Persischen Golf bezieht. Hauptsache, die Misere taugt als Kulisse für weitere Bestmarken. Zugleich trifft jeder zusätzliche Cent jene Gruppen am härtesten, die ohnehin kaum Spielräume haben: Pendler ohne ÖPNV-Optionen, prekär Beschäftigte, Haushalte in ländlichen Regionen.

Die Bundesregierung müsse krisenbedingte ­Extraprofite der Ölkonzerne mit einer Übergewinnsteuer abschöpfen, verlangte deshalb unlängst Janine Wissler, wirtschaftspolitische Sprecherin der Fraktion Die Linke im Bundestag. Laut Greenpeace-Berechnungen kassierten Energiemultis seit Beginn des US-Kriegs gegen den Iran rund vier Milliarden Euro an Übergewinnen.

Hinzu kommt: Hohe Energiepreise verteuern nicht nur das Tanken. Kostspieliger werden ebenso Transport, Produktion und nicht zuletzt der Gang an die Supermarktkasse. Zusätzlich braucht es gezielte Entlastungen wie ein Energiekrisengeld und ein neues Neun-Euro-Ticket, um Alternativen zum Auto zu schaffen, so Wissler weiter. Ein Energiemarkt, der sich selbst überlassen bleibt, produziert keine Stabilität, sondern systematische Abzocke – sprich: Immer mehr Verbraucher rutschen in die Energiearmut.

Unter dem Vordach hängt der schwere Dieselgeruch noch in der Luft, während die Säule wieder auf null springt und auf den nächsten Wagen wartet. Ein kurzer Flackerschimmer über dem Display – dann steht der neue Preis, bereit für den nächsten Schock.

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Erschienen in der Ausgabe vom 15.09.2026, Seite 1, Titel

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