Großer Betrug
Pipelinebau Nigeria–Marokko
Die heimische Industrie, die seit der Zerstörung der Nord-Stream-Pipelines über viel zu hohe Energiepreise klagt, um international noch konkurrenzfähig zu sein, kann aufatmen. Denn am Sonntag hat die Westafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft (ECOWAS) auf ihrem jüngsten Gipfeltreffen in Sierra Leone den Bau der Afrikanischen Atlantikgaspipeline (AAGP) beschlossen. Sie soll mehr als 6.000 Kilometer die west- und nordafrikanische Küste entlang verlaufen und die EU am Ende über Marokko an die Gasfelder Nigerias anschließen.
Es gibt also Erdgas genug in naher Zukunft, wenn alle Ankündigungen wahr werden. Dazu zählt auch ein weiteres Projekt, das sich sogar schon in der Umsetzung befindet: die mehr als 4.000 Kilometer lange Transsaharagaspipeline (TSGP), die Europa über Algerien mit Nigeria verbinden soll. Ins Umfeld dieses Vorhabens gehört zudem eine spezielle Gasleitung, durch die Wasserstoff von Algerien Richtung Deutschland fließen soll. Ihr Bau wurde vergangene Woche beim Besuch des algerischen Präsidenten Abdelmadjid Tebboune in Berlin beschlossen.
Doch Hand aufs Herz, hinter allen diesen schönen Plänen steht ein großer Betrug. Genauer: der Versuch, den Verbrauch fossiler Brennstoffe noch bis weit in die Zukunft zu verlängern, Klimakatastrophe hin oder her. Dazu wurde der Trick erdacht, die Wasserstoffnutzung als »nachhaltig« und Erdgas als »Brückentechnologie« zu kennzeichnen. Wie man es aber dreht und wendet: Ausreichend Wasserstoff für Industrie und gar Privatverbrauch lässt sich auf ökologische Weise in absehbarer Zukunft nicht gewinnen. Aus Erdgas hingegen schon – und das ist für eine »Übergangszeit« tatsächlich geplant.
Der bei der Gewinnung von Wasserstoff aus Erdgas anfallende Klimakiller CO2 könnte sozusagen im Boden verbuddelt werden – mit Hilfe einer in großem Maßstab kaum erprobten Technik. Ob in der algerischen Wüste – oder in der Westsahara, an der die AAGP zwangsläufig vorbeiführt und von der Marokko seit Jahrzehnten drei Viertel völkerrechtswidrig besetzt hält. War eigentlich ein Vertreter der Westsahara-Befreiungsfront Polisario auf dem ECOWAS-Treffen in Sierra Leone dabei? Über die Köpfe der Sahrauis hinweg und ohne ihre Zustimmung ist die Gasleitung ohnehin nicht zu verwirklichen. Das wissen auch die EU-Länder – denn ihr höchster Gerichtshof hat ihnen das 2024 letztinstanzlich bestätigt.
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