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Unbefristete Elternzeit

Auf Druck des Kanzlers

Jens Spahn tritt als Fraktionschef der Union zurück. Kritik an Vaterschaft durch Leihmutter in den USA

Foto: Stefan Boness/IPON
Dieser Skandal kostete ihn den Chefposten in der Fraktion: Jens Spahn (Berlin, 12.2.2021)

Diverse Skandale hat er überstanden – die »Maskenaffäre« oder den Kauf der Millionenvilla in Coronazeiten –, doch dieser fällt Jens Spahn auf die Füße. Dass der Unionsfraktionschef und sein Ehemann Daniel Funke eine Leihmutter in den USA angeheuert hatten, um Eltern zu werden, ließen CDU und CSU ihm nicht durchgehen. Am Sonnabend erklärte Spahn, der sich mit Funke und dem Kind in den USA aufhält, in einem Schreiben an die Fraktion seinen Rücktritt als deren Chef. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hatte ihn laut dpa zuvor dazu aufgefordert. Die Kritik an dem CDU-Politiker war zuletzt sowohl in der Öffentlichkeit als auch in der Union stark angewachsen: Fehlende Glaubwürdigkeit, so der Tenor. Leihmutterschaft ist in der BRD verboten, die CDU spricht sich klar gegen eine Legalisierung aus, und auch Spahn selbst hatte klar gegen »einen gemieteten Mutterbauch« Stellung bezogen.

In seinem Schreiben an die Fraktion geht der 46jährige auf die Kritik nicht direkt ein und gibt auch kein Fehlverhalten zu. Er schreibt, ihm sei in den letzten Tagen bewusst geworden, »dass mein persönliches Glück, gemeinsam mit meinem Mann eine Familie zu gründen und Vater zu werden, nicht vereinbar ist mit meinem politischen Amt«. Eines sei ihm jetzt klarer geworden: »Meine Familie ist mir das Wichtigste.« Der CDU-Mann, der gegen politische Gegner gern hart austeilt, erweist sich in eigener Sache als dünnhäutig: Die »zunehmende Unerbittlichkeit in der öffentlichen Auseinandersetzung« habe ihn »sehr nachdenklich gemacht«.

Das politische Ende für den Westfalen, der die Fraktion 14 Monate führte und dem Ambitionen auf das Kanzleramt nachgesagt wurden, kam schneller als erwartet. Erst am Mittwoch hatten Spahn und Funke via Bild mitgeteilt, dass sie Eltern eines Sohnes mit dem Namen Georg geworden seien und das Kind von einer Leihmutter in den USA ausgetragen worden sei. Die ersten Reaktionen waren positiv: etwa Glückwünsche von Merz, Vizekanzler Lars Klingbeil (SPD) und Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU).

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Doch schnell kam Kritik auf. So erklärte Hubert Hüppe, Bundesvorsitzender der Senioren-Union der CDU, bei einer Leihmutterschaft werde die Frau ausgebeutet. Es sei nicht gut, wenn sich Politiker mit Macht und Geld über nationale Verbote hinwegsetzten. Daniel Peters, Chef der CDU Mecklenburg-Vorpommerns, und Marion Rosin, Schatzmeisterin der Frauen-Union, forderten Spahns Rücktritt. Auch von den Kirchen kam Kritik.

Der frühere Gesundheitsminister wurde von mehreren Seiten daran erinnert, dass er 2015 in einem Interview gesagt hatte: »Als schwuler Mann und Christ kann ich mich persönlich nur sehr schwer mit der Idee eines gemieteten Mutterbauchs anfreunden.« Einfache Rechenaufgabe: Als der CDU-Bundesparteitag in Stuttgart im Februar 2026 das Verbot bekräftigte, schwieg Spahn, obwohl die Leihmutter in den USA zu dem Zeitpunkt bereits schwanger war.

Bei der Union, die eine lange Debatte und einen weiteren Verlust an Glaubwürdigkeit vor den Wahlen im September fürchtete, sorgte der Rücktritt für Erleichterung. »Die Entscheidung ist richtig und war unvermeidlich«, kommentierte Merz den Schritt. Im ZDF-»Sommerinterview« kritisierte Merz, dass Spahn die Partei und Fraktion »erst sehr, sehr spät über alles informiert« habe. »Wenn wir Zeit gehabt hätten, hätten wir das in Ruhe besprechen können, aber die Zeit hatten wir nicht«, sagte er.

In dem Interview schloss der Kanzler einen Personalumbau nach Spahns Rücktritt nicht aus. Es könne eine Gelegenheit sein, »noch einmal über die Aufstellung der Bundesregierung nachzudenken«. Als Spahns möglicher Nachfolger wird vor allem Kanzleramtschef Thorsten Frei (CDU) genannt, aber auch CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann, Innenminister Alexander Dobrindt (CSU), Fraktionsvize Günter Krings und Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) sind im Gespräch. Merz strebt eine Entscheidung nach Informationen von dpa vor seiner ab Ende Juli geplanten Urlaubszeit an. Der Unionsfraktionschef wird traditionell von den Vorsitzenden von CDU und CSU, also Merz und Markus Söder, vorgeschlagen.

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Erschienen in der Ausgabe vom 20.07.2026, Seite 4, Inland

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→ Leserbriefe
  • Klaus Schittich aus Freiburg 23. Juli 2026 um 10:39 Uhr
    Kristian Stemmler hat einen wohltuend sachlichen Artikel über den Rücktritt von Herrn Spahn geschrieben. Und doch hat er, wie mir scheint, eine wesentliche Komponente übersehen. In der TV-Werbung heißt es z. Zt. bei einem Verdauungsmittel: »Und meine Darmbeschwerden sind ›wie weg‹!« Es heißt dort, vermutlich dem Wettbewerbsrecht geschuldet, keineswegs: »… sie ›sind weg‹!«
    Der sprachlich diskret beschworene Schein der Wirklichkeit kaschiert hier ein vermutlich völlig haltloses Versprechen. Der Schein, das symbolische Handeln, oft vom Betrug nur um Haaresbreite entfernt, ist ein kaum beachtetes Grundelement unseres öffentlichen Lebens geworden. Vor diesem Hintergrund lässt sich zeigen: Herr Spahn ist eben nicht »weg«, er ist lediglich »wie weg«.
    Der Rummel um seinen Rücktritt, der zum existenzvernichtenden Absturz hochgejazzt wird, ist eine schamlos inszenierte, billige Farce der politischen Clique und nahezu aller Medien. Hätte die Person Spahn einen Funken von Anstand oder gar von Ehre, dann hätte es heißen müssen: »Er ist von allen politischen und anderen öffentlichen Ämtern zurückgetreten.« Davon ist nicht einmal ansatzweise die Rede, danach fragt auch niemand im politischen Klüngel in Berlin. Eine Krähe, weiß man, hackt der anderen kein Auge aus.
    Dieser infame Mensch Spahn wird uns bleiben, den kriegen wir nicht los. Er wird als Abgeordneter im Bundestag reden, er wird durch die Talkshows geschleust werden. Infam deshalb, weil der Tag kommen wird, an dem er erklärt, er habe ja nichts getan, was in Deutschland strafbar wäre. Womit er recht hat. Die Leihmutterschaft ist zwar in Deutschland nicht erlaubt, aber Strafen bis zu drei Jahren Gefängnis werden nur für das Handeln von ärztlichem Personal und kommerziellen Agenturen angedroht. Durch seinen sog. Rücktritt ist Spahn eng im Dunstkreis der Macht geblieben, er wird an die Macht zurückkommen wollen.
    Manche Wiederholungen sind nötig, deshalb sage ich: Herr Spahn gehört in die Kategorie der Darmbeschwerden, die nicht »weg«, sondern nur »wie weg« sind.
  • Onlineabonnent*in Ulf G. aus H. 21. Juli 2026 um 13:52 Uhr
    Leihmutterschaft ist ein Problem. Es ist unwürdig, einen Menschen zu kaufen. Was wird so ein Handel im Kopf des heranwachsenden Georg anrichten? So ein Wissen, von der eigenen Mutter für Geld verkauft worden zu sein? Kann gut gehen. Kann aber auch psychologische Krisen auslösen oder verstärken. Und was macht der erzwungene Verzicht auf die Erfahrung des Stillens mit einem Kind? Früher hieß es, das Stillen senke das Allergierisiko. Heute ist man da anderer Ansicht. Vielleicht ein Grund für Spahns Meinungsänderung? Nun ist der Wunsch, für einen anderen Menschen zu sorgen, ja im Grunde etwas sehr Sympathisches. Dass so etwas abgesägt und etwa durch einen Dobrindt mit seinem Wunsch nach einer Lizenz zum Töten ersetzt werden soll, finde ich da eher unsympathisch. Passt allerdings in das militaristische Gedröhn der BRD, das aus meiner Sicht weit mehr an der Glaubwürdigkeit unserer Regierung kratzt als das Kind der Familie Spahn-Funke. Die auf bpb.de verlinkte und damit quasi-offizielle Ukraine-Chronik der BRD schreibt zum Beispiel, dass es erst am 17. Februar 2022 zu einer Eskalation der Gewalt im Donbass gekommen sei (https://laender-analysen.de/ukraine-analysen/chronik?c=ukraine&d1=2022-02-12&d2=2022-02-20). Der OSZE-Bericht vom 17.2. zu den Ereignissen am 16.2. weist indes schon für den 16.2. eine Eskalation der Gewalt aus (https://www.osce.org/files/2022-02-17 Daily Report_ENG.pdf?itok=21446, Übersichten der Berichte https://web.archive.org/web/20250320030056/https://www.osce.org/ukraine-smm/reports?page=3). In den OSZE-Berichten fehlt die Info, wer auf wen geschossen hat. Diese Info steht im Buch »What I Saw in Ukaine« des OSZE-Beobachters Benoît Paré: »The Ukrainians are firing a lot in Popasna« (Seite 569ff). Es wären demnach die Westukrainer, die den Krieg »angefangen« hatten (https://globalbridge.ch/die-verbotene-vorgeschichte/). Dass die Donbassrepubliken da ein (auch kollektives) Selbstverteidigungsrecht haben, wird von Merz und Co indes tunlichst ignoriert.
    • renate c. aus berlin 22. Juli 2026 um 10:56 Uhr
      Genau. was das alles dereinst mit dem leihgezeugten Georg Spahn macht, danach fragt niemand … nur Horst Tomayer, bereits 2005, mit seinem im Roten Salon Berlin vorgetragenen Lied »Leihmütterlein«. Auf der leider nur noch antiquarisch erhältlichen CD (Titel: »Interessieren Sie sich für Sexualität?«) befinden sich noch viele andere Perlen, etwa das »35-stunden-sind-genug-lied-der-deutschen-rüstungsarbeiter« – ein anderer hochaktueller Beitrag zur Gegenwart.
  • Roland Weinert aus 65366 Geisenheim 20. Juli 2026 um 14:34 Uhr
    Causa Jens Spahn: »Glaubwürdigkeit ist in der Politik das höchste Gut« … höchstes Gut in der Politik, Herr BlackRock-Kanzler Merz? Das glauben Sie doch selber nicht (mehr)! Gehen Sie besser mit Herrn Stoch von der SPD frz. Pastete essen oder mit Herrn Wegner in Berlin Tennis spielen – oder mit irgendeinem BlackRocker wie Trump Golf. Aber bitte: Lassen Sie das größtmögliche Allgemeinwohl Deutschlands aus dem Spiel. Sie können das nicht! Haben Sie einmal nachgezählt, wie oft Sie Versprechen gebrochen haben seit zwei Jahren? Sehen Sie! – Der Gipfel typischer Politbigotterie aktuell: »Der Kanzler gestand aber auch, er habe nicht mit einer Empörung in diesem Umfang gerechnet. Ihm sei erst gestern im Laufe des Tages ›überdeutlich geworden‹, welchen Schaden Spahns Verhalten für die Glaubwürdigkeit der Union habe. ›Und deswegen haben wir dann ja auch gehandelt‹, sagte Merz« (https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/spahn-ruecktritt-leihmutterschaft-merz-100.html). Bullshit, sage ich mit Frau Bas. – Allein diese Erklärung ist schon Ihren Rücktritt wert. In der Causa Spahn geht es um Menschenhandel, um das Kaufen von Menschen, um die perfide und dekadent-perverse Vorstellung, dass der Mensch an sich Ware sein kann, wenn sich damit egoistische Bedürfnisse z. B. von zwei Männern befriedigen lassen. Mir fällt hierzu der Fall Epstein ein. – Sie können mir und Millionen BürgerInnen in diesem Lande gar nichts erklären. Wieviel Jahrzehnte regiert(e) CDU/CSU in Deutschland federführend? Wer ist also für die Schieflage Deutschlands hauptverantwortlich? Ich helfe nach: Es sind u. a. nicht AfD, Trump, Putin, der Iran, das Orakel von Delphi, der Kaiser von China … – Sie und u. a. Ihre Partei haben fertig, das Land vollends gegen die Wand gefahren, den sozialen Frieden destabilisiert, Armut befördert, Wohnraum unbezahlbar gemacht usw.! Das Sommerinterview zeigt Ihre totale Überforderung eindeutig. Treten Sie schnellstmöglich zurück. Streichen Sie das »C« im Parteinamen.
  • Wieland König aus Neustadt in Holstein 20. Juli 2026 um 13:29 Uhr
    Herr Spahn tritt als Fraktionsvorsitzender der CDU/CSU-Fraktion zurück. Toll. Und sonst so? Er sitzt weiterhin im Bundestag bei erklecklichen Diäten, geht seinen Lobbyaufgaben nach und kümmert sich um seine Familie. Die vermutlich kriminellen Machenschaften um die Masken-Deals und seine Grunewald-Villa bleiben ebenso unberücksichtigt wie seine faustdicken Coronalügen in Kumpanei mit Drosten, Streeck und Wieler. Die Kaufhallenkassiererin wird staatsanwaltlich verfolgt, weil sie während der Schicht eine zurückgelegte Schokolade verzehrt hat oder ein Flaschenbon in ihrer Schürze steckte, der Renter bekommt Besuch vom Staatsschutz, weil er das geistige Niveau eines ehemaligen Wirtschaftsministers auf ein Plakat brachte. Der Spahn-Rücktritt ist doch ein Sturm im Wasserglas. Die immer unbeliebtere CDU mit Mr. Blackrock an der Spitze brauchte ein Bauernopfer, um am angekratzten Messing ihrer Aushängeschilder etwas Glanz draufzubekommen. Und der liebe deutsche Durchschnittsbürger ist glücklich, diese Meldung zwischen Fußball, Dumping-Kreuzfahrten und Arbeitsplatzerfolgen bei Rheinmetall zu finden. Gelderkürzungen bei den Kindern und Alten, na und? Man ist weder Kind noch alt und Bürgergeldempfänger ist man auch nicht. Aber die CDU ist gut, die sorgt für Einheit und Reinheit in ihren Reihen. Die ist fast so gut wie die in Populismus schwelgende AfD, die ja so was von volksverbunden ist und dabei mit einem Auge auf die schwachbrüstige Umfallerpartei SPD schaut, wann diese denn nun als Koalitionspartner der CDU abtritt und ab wann man dann eventuell als neuer Koalitionär sich bei Herrn Blackrock andienen kann. In Abwandlung eines bekannten Antikriegs-Buchtitels könnte man sagen: »Nicht nur im Westen, sondern in ganz Germanien nichts Neues.« Ob Spahn als Fraktionsvorsitzender abtritt oder in China fällt ein Sack Reis um, in zwei Tagen ist alles vorbei.
  • Onlineabonnent*in Joachim S. aus B. 19. Juli 2026 um 20:54 Uhr
    In der Schule lernten wir einst, auf den Unterschied zu achten, der zwischen Anlass und Ursache besteht. Könnte das nicht auch nützlich sein, wenn man über Jens Spahns Sturz nachdenkt? Wenn die Milliardenverluste seiner Maskendeals nicht ausreichten, ihn vom Thron zu stürzen, warum dann die politisch deutlich weniger bedeutsame Leihmutterschaft? Könnte die eigentliche Ursache nicht in dem immer deutlicheren Grummeln liegen, das die Merzschen Umfrage»rekorde« zunehmend im Zentrum der CDU auslösen? Wer von uns weiß denn schon genau, wer die Lawine aus welchem Grunde gerade jetzt losgetreten hat, obwohl doch die reinen Fakten bei den Insidern bestimmt seit Monaten bekannt waren? Ein Anzeichen von Sicherheit und Stabilität innerhalb der CDU ist dieser Vorgang jedenfalls gewiss nicht. Mal sehen ob wir je erfahren, wer dort mit welchen Motiven glaubte, den Alarmknopf drücken zu müssen. Und ob es dabei nicht doch eine Spur gibt, die Richtung Süden führt.
  • Karl-Heinz Schmidt aus Braunschweig 19. Juli 2026 um 20:44 Uhr
    Der Rücktritt von Herrn Spahn vom Fraktionsvorsitz der CDU/CSU war überfällig.Er ist aber bei weitem nicht ausreichend.Nun muss zeitnah auch sein Mandat im Bundestag fallen.Doppelmoralisten können wir uns im Bundestag echt SPAHN
    • Reinhard Hopp aus Berlin 21. Juli 2026 um 14:10 Uhr
      Ohne »Doppelmoralisten« wäre es dann aber ziemlich leer im (gewählten) Deutschen Bundestag. Und ist nicht letztlich jeder Konsument in diesem Land ein »Doppelmoralist«?
    • Ricardo Cárdenas aus Dietzenbach 20. Juli 2026 um 23:11 Uhr
      100 Prozent damit einverstanden. Spahn muss sein Mandat zurückgeben. Doppelmoral sollte auch eine CDU nicht dulden.
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