- → Inland
Hoch gepokert und verloren
NRW: Machtkampf zweier Strömungen im AfD-Landesverband. »Völkischer« Flügel verlässt den Saal und überlässt »gemäßigtem« Lager über 30 Listenplätze
In Erfurt war es der AfD bei ihrem Bundesparteitag noch gelungen, angesichts entscheidender Landtagswahlen in Ostdeutschland Geschlossenheit zu demonstrieren. Der Streit der Parteienströmungen eskalierte nun an anderer Stelle: im größten AfD-Landesverband, in Nordrhein-Westfalen. Am Freitag kam es zu Tumulten, lauten Beschimpfungen und schließlich zum Eklat: Ein Antrag, eine Pause zu machen und die Wahl weiterer Kandidaten erst an diesem Sonnabend fortzusetzen, bekam keine Mehrheit. Daraufhin verließen zahlreiche Vertreter des völkischen Lagers, das dem Vernehmen nach von der Bundeskovorsitzenden Alice Weidel unterstützt wird, den Saal.
Zum Start des Landesparteitags in Marl am 12. Juli, der die Liste für die Landtagswahl im April 2027 aufstellen sollte, waren das »gemäßigte« Lager um den Landesvorsitzenden Martin Vincentz und das völkisch-nationalistische Lager, das sich in NRW »patriotisch« nennt, heftig aneinandergeraten. Angesichts der Auseinandersetzungen hatte sich der AfD-Bundesvorstand schließlich am Donnerstag auf einen Appell an den Landesverband geeinigt, die Listenaufstellung abzubrechen. »Nach den vorliegenden Stellungnahmen bestehen erhebliche Anhaltspunkte dafür, dass bei der bisherigen Kandidatenaufstellung Wahlgrundsätze verletzt wurden«, schrieben Weidel und der Parteikovorsitzende Tino Chrupalla an den Landesvorstand.
Der Appell verhallte und die Aufstellungsversammlung wurde wie geplant am Freitag fortgesetzt. Der stellvertretende Landesvorsitzende Christian Zaum stellte erfolglos einen Antrag auf Abbruch. Er sprach von einem »Parteitag der Schande«. Vincentz konterte, dass ein Abbruch des Wahlparteitags schwerwiegende Folgen für die AfD bei der Landtagswahl 2027 haben könne. Die Delegierten beschlossen schließlich mit großer Mehrheit, den Parteitag nicht abzubrechen.
Laut einem Bericht der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ) vom Donnerstag war es dem Lager um Vincentz schon am Sonntag zuvor gelungen, die ersten 20 Listenplätze fast ausschließlich mit eigenen Gefolgsleuten zu besetzen. Darauf hatte das »patriotische Lager« reagiert, indem es ungleich viel mehr Bewerber aufstellte. So nominierte es für Platz 22 der Liste über 90 Mitglieder. Der Plan ging auf: Da jeder Bewerber acht Minuten Redezeit hatte, konnte die Aufstellung der Liste mit geplanten 80 Plätzen am Sonntag nicht abgeschlossen werden.
Für weitere Aufregung sorgte, dass es sich dabei um kein spontanes Manöver gehandelt haben, sondern vorab in einer Chatgruppe mit dem Namen »Operation Filibuster« vorbereitet worden sein soll. »Filibuster« meint im US-Parlamentarismus üblicherweise das Hinauszögern einer Sitzung oder Abstimmung durch einen ununterbrochenen Redevortrag von möglichst langer Dauer. Hinter der Chatgruppe werde laut tagesschau.de vor allem der Landtagsabgeordnete Sven Tritschler vermutet, ein Protagonist des völkischen Lagers. Beim Bundesparteitag in Erfurt war ihm mit Unterstützung von Weidel der Sprung in den AfD-Bundesvorstand gelungen.
Die WAZ zitierte am Donnerstag aus einem ihr vorliegenden Protokoll der Chatgruppe. Demnach wurde angemahnt, die acht Minuten Redezeit voll auszuschöpfen. Ein anderer Teilnehmer bot von künstlicher Intelligenz (KI) generierte Inhalte an, um die Redezeit einfacher zu füllen: »KI-Reden gibt es bei mir.« Tritschler soll im Chat mit Blick auf die vielen Kandidaten seines Lagers von einer »Schattenarmee« gesprochen haben.
Indem sie am Freitag kurzerhand den Saal verließen, gaben die »völkischen« damit auch ihre Chance auf die Benennung der weiteren Kandidaten für die Landtagswahl auf. Vincentz konnte so weitere seiner Leute durchbringen. Ein ums andere Mal soll er ans Mikrofon gegangen sein und Kandidaten benannt haben. Bis Listenplatz 34 stehen sie nun ohne Gegenkandidaten zur Wahl. Angesichts hoher Umfragewerte rechnet die AfD damit, dass sie mit mindestens 30 Abgeordneten ins Parlament in Düsseldorf einziehen könnte.
Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Durchschnittliche Bewertung: 0,0
Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Revision möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.
Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!
