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Noboa in Erklärungsnot
Ecuador: Hinter dem Fall der getöteten Aktivistin Monika Silva scheint ein kriminelles Netzwerk auf, das bis zum Präsidenten reichen könnte
In Ecuador bleibt die Zahl der Tötungsdelikte auf Rekordniveau. Unter der Regierung des rechten Staatschefs Daniel Noboa, der seine zweite Amtszeit vor einem Jahr mit dem Versprechen angetreten hatte, die Kriminalität zu reduzieren, steigt die Zahl der Morde kontinuierlich an. Allein zwischen Januar und Mai dieses Jahres gab es laut Innenministerium 3.485 Opfer. Fast eine Versiebenfachung gegenüber 2017, dem letzten Amtsjahr des linken Präsidenten Rafael Correa. Der Bananenmillionär Noboa gerät indes nicht nur wegen seines Versagens bei der Verbrechensbekämpfung in Bedrängnis. In Erklärungsnot bringt ihn vor allem der Mord an der Antikorruptionsaktivistin Monika Silva Koniuszek, die unter anderem vermutliche Verbindungen des familieneigenen Obstkonzerns Noboa Trading zu Drogenkartellen untersucht hatte.
Die aus Polen stammende 41jährige Aktivistin, die sich in den vergangenen Jahren als unbequeme Kritikerin von Korruption, Umweltverbrechen und Machtmissbrauch einen Namen gemacht hatte, wurde am 8. Juni tot in ihrem Haus in der Küstenstadt Montañita aufgefunden. Gemeinsam mit lokalen Journalisten und Bürgerinitiativen hatte sie zuletzt mutmaßliche Fälle von Landraub, zweifelhafte Immobiliengeschäfte und Verbindungen zwischen Politik, Wirtschaft und organisierter Kriminalität dokumentiert. Freunde und Kollegen beschreiben Silva als eine der wenigen Personen in dieser Küstenregion, die öffentlich Missstände anprangerte, obwohl Einschüchterungen und Drohungen zum Alltag gehören.
Nur wenige Wochen vor ihrem Tod hatte Silva erklärt, konkrete Hinweise auf einen geplanten Auftragsmord erhalten zu haben. In sozialen Netzwerken berichtete sie, man kenne ihre Gewohnheiten und Bewegungsprofile, und warf dem ecuadorianischen Staat vor, ihr keinen Schutz zu gewähren. Zudem verwies sie mehrfach auf den Mord an dem kritischen Journalisten Robinson del Pezo, der Ende 2025 erschossen worden war. Beide hatten zu denselben Strukturen aus Korruption und illegalen Grundstücksgeschäften recherchiert.
Schon kurz nachdem die Polin in ihrem Haus tot aufgefunden worden war, erklärte Innenminister John Reimberg, alle Hinweise deuteten auf einen Suizid hin. Eine auf Drängen von Menschenrechtsaktivisten erfolgte Obduktion stellte dagegen schwere Kopfverletzungen sowie Anzeichen einer Strangulation fest. Anwälte der Familie warfen den Behörden daraufhin vor, die Suizidthese vorschnell verbreitet zu haben, um vom eigentlichen Tathergang abzulenken. Die Interamerikanische Menschenrechtskommission und Vertreter der Vereinten Nationen fordern nun eine unabhängige Untersuchung und verlangen ausdrücklich, auch einen möglichen Zusammenhang zwischen dem Mord und Silvas Recherchen zu prüfen.
Neben der Korruption im Immobiliensektor versuchte Monika Silva zuletzt vor allem, Licht in das Dunkel um vermutliche Verbindungen zwischen Noboas Firmenimperium und südamerikanischen Drogenkartellen zu bringen. Dabei ging es insbesondere um Noboa Trading, einen der wichtigsten Exportzweige des Familienkonzerns. Internationale Medien berichteten wiederholt über mehrere Kokainfunde in Bananencontainern des Unternehmens. Nach Angaben von Rechercheplattformen wurden in den Jahren 2020, 2022 und 2024 insgesamt mehrere hundert Kilogramm Kokain in für Europa bestimmten Lieferungen entdeckt.
Besonders belastend erschienen Dokumente aus den sogenannten Pandora Papers, die 2021 geheime Offshoregeschäfte, Steuerhinterziehung und Geldwäsche von Hunderten Politikern, Prominenten und Milliardären weltweit offenlegten. Recherchen von Agencia Pública, OCCRP und anderen Medien stellten zudem die Frage, ob Ermittlungen gegen Beteiligte politisch beeinflusst oder behindert worden seien. Der Journalist Andrés Durán, der die Vorwürfe publik machte, berichtete später von Morddrohungen und verließ nach eigenen Angaben aus Sicherheitsgründen das Land.
Handfeste Beweise für eine Beteiligung der Präsidentenfamilie am Drogenhandel wurden bislang zwar nicht vorgelegt, doch weisen Sicherheitsexperten darauf hin, dass die Nutzung von Containern durch kriminelle Netzwerke in Ecuador weitverbreitet ist. Gleichzeitig werfen Kritiker die Frage auf, wie wiederholt große Mengen Kokain in einer Lieferkette auftauchen konnten, die von der Produktion bis zum Export weitgehend unter Kontrolle des Konzerns steht. Der Mord an Monika Silva und das dubiose Verhalten des Innenministers haben den Fokus erneut auf die Verbindungen von Präsidentenfamilie, Politik, Wirtschaft und organisiertem Verbrechen gelenkt.
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