-
22.05.2026
- → Ausland
Wer profitiert von der Krise in Ecuador?
Mit den USA im Rücken zementiert die Noboa-Regierung im Drogenkrieg ihre Herrschaft, kritisiert Luis Córdova-Alarcón
Ecuador befindet sich in einer schweren Sicherheitskrise. Präsident Daniel Noboa spricht von einem »internen bewaffneten Konflikt«. Wie sehen Sie die Lage?
Ich sehe zwei grundsätzliche Entwicklungen: Während die Regierung auf die Militarisierung der inneren Sicherheit setzt, nimmt die Gewalt neue Formen an. Waren es früher vor allem Morde, kommt es heute vermehrt zu gewaltsamen Vertreibungen. Fischer werden auf hoher See attackiert, Aktivisten sozialer Bewegungen oder aus dem Widerstand gegen Bergbauprojekte werden ausgeschaltet. Zweitens ist diese Sicherheitskrise bzw. die Inszenierung eines Kriegszustands für die Regierung sehr nützlich. Das erleichtert es ihr, ihre institutionellen Reformen und ihr Wirtschaftsprojekt voranzutreiben.
Noboa rief den »internen bewaffneten Konflikt« Anfang 2024 aus. Handelte es sich dabei also zuvorderst um eine politische Strategie?
Ohne Zweifel. Ich spreche vom Kriegszustand als Mechanismus der politischen Herrschaft. Die von der Regierung angestrebte neue Welle der Rohstoffausbeutung mit der Ausweitung des Bergbaus und der Ölförderung durch Fracking oder im Meer ruft Gegenwehr vor allem in der Landbevölkerung hervor. Mit der Ausrede des Kriegszustands und des Kampfes gegen das organisierte Verbrechen neutralisiert die Regierung jeglichen Widerstand im Voraus oder bringt ihn mit kriminellen Akteuren in Verbindung.
Im »Krieg gegen die Drogen« setzt Ecuador auf die Unterstützung der US-Regierung unter Donald Trump. Welche Rolle spielt Washington?
Seit 2018 kreist Ecuador außenpolitisch wieder um die USA. Damals wurde das Büro für Sicherheitszusammenarbeit in der US-Botschaft in Quito wiedereröffnet. 2023 unterzeichneten das ecuadorianische Verteidigungsministerium und das Pentagon eine Absichtserklärung, die den Rahmen für die heute beobachtbare Militärkooperation liefert.
Welche Interessen verfolgen die USA mit ihrem Engagement in Ecuador?
Zunächst wollen sie ihre eigenen Erfolgsindikatoren erfüllen, also Kokain beschlagnahmen und Anführer krimineller Organisationen neutralisieren. Washington geht es nicht darum, das Problem der Gewalt in Ecuador zu lösen, ganz einfach deswegen, weil die Gewalt zu großen Teilen überhaupt nichts mit dem Drogenhandel zu tun hat. Die USA wollen ihren Einfluss auf den ecuadorianischen Staat ausbauen, um so bessere Geschäftsbedingungen für US-Unternehmen durchzusetzen.
Unter Trump hat die Bedeutung Lateinamerikas für die US-Außenpolitik zugenommen. Dabei geht es Washington nicht zuletzt darum, China aus der Region zu verdrängen. Gilt das auch für Ecuador?
Obwohl Trump China bereits in seiner ersten Amtszeit als strategischen Konkurrenten definiert hat, sind die USA weit davon entfernt, China aus Lateinamerika zu verdrängen. Der Fall Ecuador ist bezeichnend: Trotz aller Rhetorik und der militärischen Präsenz der USA konnte China seinen wirtschaftlichen Einfluss zuletzt sogar ausbauen. Von den neun wichtigsten Bergbauprojekten befinden sich sieben in der Hand der Chinesen. Und erst vor kurzem hat die Noboa-Regierung den Betrieb des wichtigsten Wasserkraftwerks Coca Codo Sinclair an ein chinesisches Unternehmen übergeben.
Auch wenn die USA betonen, sie wollten den Einfluss Chinas eindämmen, sieht es in der Realität anders aus. China ist in der Lage, seine eigenen Interessen gefestigt zu verfolgen, da es im Gegensatz zu den USA über wirtschaftliche Stärke, Prestige und vor allem diplomatisches Geschick verfügt.
In Kolumbien findet in nur wenigen Tagen die für die gesamte Region bedeutende Präsidentschaftswahl statt. Zuletzt hatte die Noboa-Regierung einen Konflikt mit dem Nachbarland vom Zaun gebrochen und absurd hohe Zölle verhängt. Ist das Zufall?
Noboa agiert als Teil der lateinamerikanischen Rechten. Die versucht, den derzeit in Kolumbien regierenden linken Pacto Histórico von der Macht zu verdrängen. Ich spreche von einem trumpistischen Dreigestirn in der Region: Nayib Bukele in El Salvador, Javier Milei in Argentinien und Noboa. Die drei Präsidenten tun alles, um Trump zu gefallen. Der nutzt das selbstverständlich aus und instrumentalisiert sie. Dass die USA unter Trump versuchen, Wahlen in Lateinamerika zu beeinflussen, haben wir nun schon öfter gesehen, so in Honduras oder Argentinien.
Luis Córdova-Alarcón ist Politikwissenschaftler und arbeitet an der Universidad Central del Ecuador, wo er das Programm »Ordnung, Konflikt und Gewalt« leitet
Unabhängiger Journalismus braucht deine Unterstützung.
Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Durchschnittliche Bewertung: 3,0
Das Verwaltungsgericht Berlin hat entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jahrlichen Verfassungsschutzberichten erwahnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden.
In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.
Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!