-
10.06.2026
- → Inland
Plädoyer für einen »dunklen Sozialismus«
Japanischer Philosoph Kohei Saito präsentiert neues Buch: Warnung vor anhaltender Klimakrise und gesellschaftlichem Kollaps
»Am Ende des Fortschritts. Überleben in den Ruinen des Kapitalismus« heißt das neue Werk des japanischen Philosophen Kohei Saito, das am Montag in der Rosa-Luxemburg-Stiftung vom Autor vorgestellt wurde. Saito, der 2016 an der Humboldt-Universität zu Berlin zu Marx und Ökologie promovierte und Mitherausgeber der Marx-Engels-Gesamtausgabe ist, warnt davor, dass die ökologischen Grundlagen des modernen Wohlstands gerade zerstört werden, während die Welt in ein Kriegsregime mit autoritären Tendenzen verwandelt wird. Bernd Riexinger stellte den Denker und sein Werk vor: »Die Analyse in dem Buch in Zeiten des Klimakollapses ist schonungslos und teilweise auch düster.« Saito schreibe, »dass die Menschheit die Tür zur Hölle geöffnet hat und wir am Rande des Abgrunds stehen, der zu unserem eigenen Untergang führen wird oder führen kann«.
Es gehe nicht um momentane Konjunktur, sondern um eine Konstellation aus mehreren Krisen, die sich gegenseitig verstärken. Saitos Buch würde einen wichtigen Beitrag zur Frage leisten, wie eine sozialistische Gesellschaft heute aussehen kann. »Eine Debatte, die wir auch in der Rosa-Luxemburg-Stiftung führen und die auch in der Partei Die Linke geführt wird«, sagte der Gewerkschafter und frühere Kochef von Die Linke. Riexinger lud Saito überdies zu einem »wirklich großen Kongress mit internationaler Beteiligung« ein, den Die Linke 2028 zu diesen Fragen abhalten wolle.
Die Klimakrise, die Stagnation der Wirtschaft durch die ökologischen Grenzen des Planeten, aber auch die Inflation und die Konkurrenz um knappe Ressourcen führten zu einer anhaltenden Notlage, der zu begegnen sei, erklärte Saito. Die Vorstellung, dass sich gesellschaftliche Entwicklung linear in Richtung Wohlstand und Freiheit bewege, sei angesichts der ökologischen Realität nicht länger haltbar. Sein Werk geht mit Bündnis 90/Die Grünen hart ins Gericht. Ihre Befürwortung von Aufrüstung setzt er in Zusammenhang mit möglichen Tendenzen eines »Klimafaschismus«.
In dieser Situation müsse ein »dunkler Sozialismus«, eine Art demokratische Planwirtschaft, entwickelt werden, welche die Endlichkeit der Ressourcen akzeptiert und das, was noch an Freiheiten möglich ist, sichert. Ziel sei es, zentrale Lebensgrundlagen zu erhalten, soziale Infrastruktur zu stärken und Wirtschaft nicht länger an Profitlogik, sondern an gesellschaftlichen Bedürfnissen auszurichten. Eigentumsverhältnisse müssten dabei neu gedacht und stärker demokratisiert werden, ohne dabei notwendigerweise auf reine Verstaatlichung zu setzen.
Saito möchte eine Debatte über die Frage anstoßen, wie sich eine postkapitalistische Gesellschaft vorstellen lässt, die sowohl ökologische Grenzen als auch soziale Gerechtigkeit berücksichtigt. Dafür erwähnt er mehrere Beispiele aus der Praxis, die schon ein paar Jahre älter sind, schließlich wurde das Buch bereits 2023 auf Japanisch veröffentlicht. Saito wurde weltweit bekannt mit seinem Bestseller »Systemsturz«, worin er Teile seiner Marx-Analyse aus ökologischer Perspektive sowie eine radikale Kapitalismuskritik verfasste, die für eine sozial-ökologische Transformation der Gesellschaft plädiert.
Im Gespräch mit der Klimaaktivistin Carla Reemtsma erklärte Saito schließlich, dass der Begriff »Technofeudalismus«, der unter anderem vom Ökonomen und früheren griechischen Finanzminister Yanis Varoufakis verwendet wird, nicht korrekt sei. Zwar sei richtig, dass in der Transformation kapitalistischer Machtverhältnisse gerade die Entstehung digitaler Monopolstrukturen und sogenannter »Techno-Oligarchien« zu beobachten sei, in denen wenige große Technologieunternehmen enorme ökonomische und politische Macht konzentrieren.
Doch er erkenne weiterhin die kapitalistische Akkumulation darin, auch wenn sich diese von der im 20. Jahrhundert unterscheidet. In diesem Zusammenhang diskutiert er auch Konzepte wie »Rentierkapitalismus«, welcher die wachsende Bedeutung von Plattformen, Abonnementsystemen und digitalen Abhängigkeiten beschreibe. Diese Entwicklungen interpretiert er als Zeichen einer Umstrukturierung des Kapitalismus hin zu neuen Formen der Kontrolle und Wertabschöpfung.
Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Durchschnittliche Bewertung: 3,0
Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwahnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Revision möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.
Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!
