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Jazz

Mut zum Risiko

Improvisierte Musik aus Freilandhaltung und Zuchtlabor: Neue Alben des Berliners Gebhard Ullmann

Foto: Sven Thielmann/IMAGO
Gebhard Ullmann beim 52. Moers Festival (Mai 2023)

»Hörst du wieder Kiffermusik?« Das will die Dame des Hauses zwar gar nicht genauer wissen, aber doch wenigstens angemerkt haben. Also besser die Tür wieder geschlossen und in mich gegangen. Kiffermusik? Durchaus, sehr gefährliche sogar. Sage noch jemand, Free Jazz hätte keinen Groove! Antje Messerschmidt (Geige), Gerhard Gschlößl (Posaune und Tuba), Gebhard Ullmann (Tenorsax und Bassklarinette), Maike Hilbig (Bass), Jan Leipnitz (Schlagzeug) und Michael Haves (Live Sound Processing) bilden die Band Gulf of Berlin und machen Musik nach einer berauschenden Rezeptur, die kaum als jugendfrei durchgeht. Kann jedenfalls nicht schaden, wenn man vorher schon mal Albert Aylers »Healing Force of the Universe« gehört oder wenigstens eine halbe Stunde Tortoise überstanden hat.

Ausgangspunkt ist, eine Handbreit über dem Boden der Tatsachen, das handelsübliche Free-Jazz-Trapez, auf dem spontanes Improvisieren mit Ton, Klang und Geräusch als urdemokratischer Prozess verhandelt wird und die Musik dann zügig kühne Gestalt annehmen lässt. Noch dazu wird hier aber jede einzelne Instrumentalstimme in Echtzeit elektronisch moduliert und wie von einem akustischen Spiegel in den laufenden Prozess zurückgeworfen. »Jedes Bandmitglied reagiert auf ein verfremdetes Ich«, wie es im Bandinfo heißt. Magisch ist die Wirkung dieses Live-Sound-Processings durchaus: Nie zuvor klang Klappengeklapper so klar und Mundstückgeschmuse dermaßen wollüstig! Wie muss sich das erst für die Band selbst anfühlen – als habe man plötzlich je drei Hände zur Verfügung und an jeder einen sechsten Finger noch dazu. Kiffermusik, ich sag’s ja, doch dieses Etikett darf hier getrost als Adelsprädikat verstanden werden, denn so ebenbürtig aufeinander konzentriert wie auf dem Album »For Timothy« hat man sechs Personen kaum je gemeinsam musizieren gehört.

Wo kann man die musikalischen Freigeister von Gulf of Berlin verorten? Vergangenheit in Form von Free-Jazz-Tradition klingt kaum je an, und selbst das Hier und Jetzt weicht schon hörbar einer diffusen Zukunft. Also sind,nachdem alle molekularen Baupläne sämtlicher Lebensformen entschlüsselt sind, mehr denn je auch akustische Utopien gefragt, Berührungen mit benachbarten Genres wie Ambient oder Prog-Rock inklusive. Das ist exakt die Baustelle von Gebhard Ullmann. So umtriebig und vielschichtig dieser Rädelsführer seit Jahrzehnten in der Berliner Szene agiert, so gut kennt er sich auch in den einschlägigen New Yorker Zirkeln aus. Das Album »Coffee and Berries« hat er dort mit seinem langjährigen Posaunenpartner Steve Swell sowie mit Charles Downs am Schlagzeug und Joe Morris am Bass eingespielt. Auf der Basis nur rudimentärer vorheriger Absprachen geht es gleich rein ins Vergnügen: vom heillosen Durcheinander zum ordnenden Ritual, vom Tohuwabohu zum Potlatch und wieder zurück, eine mirakulöse Klang- und Zeitreise unter Gleichgesinnten. Dieses Spielverständnis hat Morris, üblicherweise als stilbildender Gitarrist in der Szene aktiv, an anderer Stelle so charakterisiert: »Ich möchte wissen, was passieren kann, und gleichzeitig nicht wissen, was passieren kann – damit ich ausreichend vorbereitet bin, um die Kontrolle über das Unkontrollierbare zu haben.«

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Die beiden neuen Alben sind gerade mal zwei Splitter aus Gebhard Ullmanns schier uferloser Musizierpraxis, die inzwischen auf über 70 Alben unter eigenem Namen dokumentiert ist. Was einst mit jazzrockig verspielten Experimenten mit dem Gitarristen Andreas Willers in Bands wie Out to Lunch und Minimal Kidds begann, erstreckt sich längst auch auf verwegene Varianten von Kammer- und Orchestermusik und auf ergebnisoffene Kollaborationen mit so unterschiedlichen Überzeugungstätern hüben und drüben wie Eric Schaefer, Hannes Zerbe oder Tyshawn Sorey. Ihnen allen geht es um die Erforschung neuer Resonanzräume, um Klänge wie dreidimensionale Vexierbilder, die sich gleich wieder verkrümeln, sobald das nächste Motiv von links hinten einschwebt. Indem Ullmann & Co. auch im Studio zu bannen versuchen, was man normalerweise so innig und direkt nur in der Konzertsituation erfasst, ist ihr Beharren auf radikal ungebundene Formen auch eine Lektion in Sachen intellektuelle Schärfe und Eigenständigkeit.

Solcherart freie Ensemblemusik ist eine Extremsportart. Und eine extreme Randsportart. Nirgendwo sonst steht so viel Mut zum Risiko auf dem Spiel. Was aber keineswegs heißen soll, dass man deswegen das Potential einer extra­ordinären Primaballerina oder eines richtig guten Eisenplastikers unterschätzen darf.

→ Gulf of Berlin: »For Timothy«, ESP/Trouble in the East

→ Gebhard Ullmann: »Coffee and ­Berries«, ESP/Trouble in the East

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Erschienen in der Ausgabe vom 08.06.2026, Seite 11, Feuilleton

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