Wollen Sie in hiesige Debatten eingreifen?
Die Onlinezeitung Ciudadano will die lateinamerikanische Perspektive in Europa bekannter machen, sagt Bruno Sommer
Die linke Onlinezeitung El Ciudadano aus Chile erscheint jetzt auch in deutscher Sprache. Was war Ihr Antrieb, dieses Medium zu gründen?
El Ciudadano entstand 2005 im Süden Chiles, um über Dinge zu berichten, die andere nicht öffentlich machen wollten, als Sprachrohr sozialer Bewegungen, die von der etablierten Presse oft ignoriert wurden – während die Ausbeutung von Bodenschätzen unsere Region zerstört. Wir wollten diese Missstände anprangern und zugleich Lösungen anbieten. Chile hat ein extrem neoliberales Wirtschaftsmodell, das in der Verfassung aus der Zeit der Pinochet-Diktatur verankert ist. Wir kämpften früh für ihre Abschaffung und spielten eine Rolle im verfassungsgebenden Prozess. Unsere redaktionelle Linie – Selbstbestimmung der Völker, Progressivismus und libertärer Sozialismus – verschaffte uns Glaubwürdigkeit.
Und warum nun das Angebot für eine deutschsprachige Leserschaft?
Der Sprung nach Europa soll die chilenische und die lateinamerikanische Realität bekannt machen. Und zwar mit unserer eigenen Stimme, nicht durch die Linse von CNN oder Deutsche Welle. Wir wollen eine kulturelle Brücke bauen, autonom und aus unserer eigenen Perspektive.
Geht es Ihnen vor allem darum, das europäische Publikum über Entwicklungen in Lateinamerika zu informieren, oder wollen Sie auch in hiesige Debatten eingreifen?
Uns geht es um die narrative Emanzipation Lateinamerikas. Wir liefern unsere Perspektive, das fertige Bild formt sich das deutschsprachige Publikum. Wir können so zum Beispiel die lateinamerikanische Kritik am Zionismus als Ideologie bekannter machen. Oder den lateinamerikanischen Blick auf US-Basen wie Ramstein, von wo aus die Kriege im Nahen Osten und in der Ukraine mit ermöglicht werden. Dabei wird propagandistisch eine Stimmung gegen Russland, China und den arabischen Raum geschürt, um der europäischen Oligarchie den weltweiten Zugang zu Rohstoffen zu sichern. Auch darüber wird in Lateinamerika kritisch diskutiert.
Welchen Spielraum hat eine linke Gegenöffentlichkeit in einer von Konzernen dominierten Medienlandschaft?
Unser Handlungsspielraum hängt von unseren materiellen Möglichkeiten für eine Gegenöffentlichkeit ab, also auch von unseren Unterstützern. Wir haben ein engagiertes Publikum, das nicht nur konsumiert, sondern hinterfragt und teilt. Das zeigt sich in einer durchschnittlichen Verweildauer auf unserem Portal von mehr als zehn Minuten. Das ist unser wahres Kapital. Ein Grundproblem der großen Plattformen ist, dass dort wenige für Millionen entscheiden, ohne dass die Mehrheit einwirken kann. Solange wir unsere digitalen Ökosysteme also nicht stärken, bleibt der Spielraum begrenzt.
Wie überlebt El Ciudadano ohne Geld von Großunternehmen?
Wir haben unsere Finanzierung diversifiziert nach dem Prinzip: Das Volk hilft dem Volk. Neben Werbung und Social-Media-Monetarisierung erhalten wir Spenden, verkaufen unsere Printausgabe und beteiligen uns an Fördertöpfen oder Projekten. Auch haben wir bereits über 1.000 Mitgliedschaften: Gegen einen Beitrag können Menschen und soziale Organisationen werbefrei lesen sowie eigene Beiträge oder Kolumnen veröffentlichen. Auch Lizenzmodelle spielen eine Rolle: In Mexiko läuft bereits eine Ciudadano-Ausgabe gegen Markennutzungsgebühr. So etwas wünschen wir uns auch in Deutschland.
Sie haben den chilenischen Staat 2015 wegen Verletzung der Pressefreiheit verklagt, nachdem Sie und ein Mitgründer wegen eines Artikels verurteilt worden sind. Kriminalisiert die Justiz kritische Medien in Chile weiterhin?
Wir wurden in Chile zu 540 Tagen Haft wegen Verleumdung des ehemaligen Abgeordneten Miodrag Marinović verurteilt, weil wir die Wahrheit gesagt haben. In Chile kann man wegen Ehrverletzung klagen, unabhängig davon, ob man Amtsträger ist. Eine Wahrheitsprüfung findet nicht statt. Wir gingen schließlich bis zur Interamerikanischen Menschenrechtskommision, die den chilenischen Staat zu einer Einigung aufforderte, bislang jedoch ohne Erfolg. Die Kriminalisierung wird weiterhin als Waffe gegen kritische Medien eingesetzt, gerade weil kleineren Redaktionen oft die Mittel für einen Prozess fehlen.
Bruno Sommer ist chilenischer Journalist und Gründer der linken Onlinezeitung El Ciudadano
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