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Ballett

Tanzen ist die beste Medizin

Ballette der Emotionen, Galas, ein toller Kinofilm, ein interessantes Buch und ein Film auf Arte – eine sommerliche Übersicht

Foto: Kiran West/Hamburgische Staatsoper
Das Publikum ist selig: Louis Musin in John Neumeiers Inszenierung von Anton Tschechows »Die Möwe« am Hamburg Ballett

Egal, wie das Wetter wird: Von den typischen Sommergalas ist die Ballettwelt stets entzückt. Wobei es in Stuttgart einmal jährlich traditionell die Hoffnung auf Sonne oder mindestens Regenfreiheit gibt: Dort steigt – dieses Mal am 25. Juli – die große Gala vom Stuttgarter Ballett mit Live-Übertragung auf die Leinwand im Schlosspark. Also dorthin, wo Bäume und Rasenfläche als Oberer Schlossgarten übrig sind, seit das Monsterprojekt »Stuttgart 21« im Bau ist. »Ballett im Park« heißt das populäre Event, das seit 2007 das Publikum nicht nur aus dem Schwabenland anlockt.

Einen Tag später, am 26. Juli, zeigt dann die John-Cranko-Schule in einer Matinee, was der tänzerische Nachwuchs draufhat. Auch das kann man, gegebenenfalls mit Picknickequipment, im Park genießen. Umrahmt werden diese Highlights von formidablen Aufführungen emotionaler Handlungsballette im Opernhaus. »Mayerling« etwa von Kenneth MacMillan beleuchtet zu dramatischer Musik von Franz Liszt den Untergang der Habsburger Monarchie. Bis zum 29. Juli gibt es das Stück in dieser Saison zu sehen.

In Stuttgart begeistert der moderne Ballettklassiker »Onegin« von John Cranko, nach dem russischen Nationalepos »Eugen Onegin« von Alexander Puschkin. Ballettanfänger wie Connaisseure können von dieser lehrreichen Schmonzette, die Puschkin satirisch, Cranko eher anmutig aufbrezelte, nie genug bekommen. In Stuttgart, wo das Stück Ende der 60er Jahre entstand, tanzen derzeit Stars wie Friedemann Vogel, Jason Reilly und Martí Paixà die Titelrolle. Seit Juni war das Stück übrigens für eine Aufführungsserie auch beim Semperoper-Ballett in Dresden zu sehen, wo es erstmals überhaupt aufgeführt wurde. Mit stehenden Ovationen bei der Premiere. Nichts anderes hatte man erwartet. In Dresden geht es damit kommende Spielzeit weiter.

Standing Ovations gab es auch vergangenen Sonntag beim Hamburg-Ballett, wo Lloyd Riggins nun schon zum zweiten Mal die legendäre »Nijinky-Gala« moderierte. Es war die 51. Ausgabe der jährlichen Mammutschau des Tanzes. Höhepunkte bildeten Choreographien von John Neumeier, dessen Stück »Die Möwe« nach dem Drama von Anton Tschechow schon zwei Abende zuvor restlos begeistert hatte. Bei der fünfstündigen Gala faszinierte dann vor allem ein Auszug aus der »Matthäus-Passion« zur Musik von Bach, den das Bundesjugendballett bot: so ergreifend wie virtuos in der Darbietung.

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Zwei kurze Stücke von Martha Graham, der amerikanischen Grande Dame des modernen Tanzes, wurden von einer Solistin der Martha Graham Company hervorragend präzise aufgeführt. Hamburger Teenager, teils aus der Profiausbildung, konnten aber mit dem Stück »Yondering« nahezu perfekt die schwärmerischen Kräfte der Jugend wiedergeben. Was der Gala vielleicht ein wenig fehlte, war mehr Glanz.

Den bot das Ballett Dortmund, das am letzten Wochenende auch seine Galazeit hatte. Die 42. Internationale Ballettgala dort zeigte neben einem Pas de deux aus dem klassischen »Schwanensee« edle Stücke aus dem 20. und 21. Jahrhundert. Darunter einen Paartanz von Rudi van Dantzig, einem verstorbenen niederländischen Genie, das die Kompliziertheit in Beziehungen liebte. Aber auch »Nurejew« von Yuri Possokhov begeisterte mit Haruka Sassa und David Motta Soares vom Staatsballett Berlin. Ebenfalls mit einer Gala wird das Ballett Dortmund am 26. September die neue Spielzeit eröffnen.

Bis dahin muss man unbedingt im Kino gewesen sein, um den Liebesthriller »Dreams – Gefährliches Verlangen« von Michel Franco gesehen zu haben. Franco gelang ein Konglomerat aus politischen, gesellschaftskritischen und erotischen Aspekten. Sein Film fasziniert und ist in dieser Form ein Novum. Als Hauptdarsteller brilliert Isaac Hernández vom American Ballet Theatre. Er stellt einen mexikanischen Tänzer dar, der sich illegal in die USA einschleusen lässt. Jessica Chastain verkörpert die Tochter eines Superreichen, die auf den Jüngling steht, ihm aber jede Möglichkeit, legal im Land zu bleiben, verwehrt. Die Rache des Mexikaners wird allerdings letztlich auch ihm zum Verhängnis. Ab 23. Juli ist »Dreams« im Kino zu sehen, mit Verdacht auf Kultstatus.

Deutlich ruhiger geht es in den Memoiren von Martin Puttke zu. »Geradeaus auf verschlungenen Wegen« nennt der frühere Direktor der Staatlichen Ballettschule Berlin den im Verlag »Neues Leben« erschienenen Band. Puttke kam aus Dortmund und wurde nach seiner Ausbildung in Moskau bald Chef der »Staatlichen«. Unter seiner Ägide gab es deutsche Ballerinen und Ballerinos von Weltrang. Amüsant, aber auch ein wenig selbstherrlich beschreibt Puttke seine abenteuerlichen Erfolge. Als Pädagoge für die Technik des klassischen Tanzes war er zweifellos sehr begabt. Aber er hatte auch viel Glück. Inwiefern? Schon um das zu erfahren, lohnt sich die Lektüre.

Der Fernsehsender Arte gönnt uns dazu am 26. Juli etwas Nostalgie: mit dem Musicalfilm »Fame – Der Weg zum Ruhm« von 1980. Eine fetzige Wiedergutmachung für viel Schmach, die der gute Geschmack im Fernsehen manchmal erleidet. Gegen sie hilft aber immer, wie gegen jede Traurigkeit: Tanzen!

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Erschienen in der Ausgabe vom 10.07.2026, Seite 10, Feuilleton

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