Wie Luft, die wir atmen
»Winter Songs«, das neue Album des Jazz-Bassisten Steve Swallow
Wenn es um zeitgenössischen Jazz geht, der sich weit aus dem Fenster lehnt, so ist Steve Swallow eine seiner Galionsfiguren. Und ein Garant dafür, dass auch Verwegenes gelingt. Gefühlt seit Menschengedenken speisen sein unvergleichliches Bassspiel und seine kühnen Kompositionen die kontinuierliche Weiterentwicklung dieser Musik – viele ihrer heute prägenden Figuren wären ohne den inzwischen 85jährigen Nestor nie in diesen Rang gekommen, und wer als Newcomer mit Swallow im Rücken Musik machen darf, kann kaum fehlgehen.
Nun sind die Solisten auf seinem neuen Album »Winter Songs« zwar keine aufstrebenden Jungspunde mehr, aber Trompeter Mike Rodriguez, Saxophonist Chris Cheek und Gitarrist Steve Cardenas gehen je eine Spur frecher, hungriger und auch mal schmutziger ans Werk als Swallow und seine alten Kämpen Gil Goldstein am Klavier und Adam Nussbaum am Schlagzeug. Schon aus dieser Generationenlücke im Line-up, sei sie nun mutwillig herbeigeführt oder nicht, zieht das musikalische Programm einen Großteil seiner Lebendigkeit und Überzeugungskraft. Was hat ein Gil Goldstein früher bemüht virtuos und nicht wenig streberhaft in die Tasten gegriffen – heute glänzt er wie auch Nussbaum und Swallow mit eleganter Ökonomie, die obendrein so ansteckend ist, dass die Jungen mit den Alten meist problemlos zusammenfinden.
Swallows Präsenz auf dem E-Bass ist nach wie vor einzigartig: Er spielt warm und wohldosiert, mit immer wieder überraschender tonaler Reichweite und diesem unnachahmlich murmelnden Sound. Der eigentliche Mehrwert liegt jedoch darin, Schweres so leicht klingen zu lassen. Wie gut er sich darauf schon als Kontrabassist verstand, kann man auf quasi prähistorischen Aufnahmen des Pianisten Paul Bley oder des Saxophonisten Jimmy Giuffre nachhören. Von letzterem hat Swallow einst gelernt, »dass es beim Komponieren nicht reicht, eine reizende Melodie zu schreiben oder passende Harmonien zu finden, sondern dass man dem Improvisator ein ganzes Feld von Möglichkeiten eröffnen muss«. Bei Gary Burton konvertierte Swallow schließlich zur elektrischen Bassgitarre, war 1972 an Carla Bleys epochaler Jazz-Oper »Escalator over the Hill« und an vielen weiteren Alben der extravaganten Dame (mit der er auch lange privat verbandelt war) beteiligt, wirkte ewig und drei Tage in den Bands von Schlagzeuger Paul Motian und an der Seite des Gitarristen John Scofield. Der war in den 1980ern am Berklee College sein Schüler gewesen und bescheinigte dem Lehrer einmal, als einer der wenigen die Architektur von Musik zu verstehen. Eine graue Eminenz ist Swallow trotz aller Verdienste aber nie geworden, dafür steckt zuviel von einem freundlichen Schrat in seiner Person.
In allen erdenklichen Konstellationen hat er schon bella figura gemacht, nie um eine melodische Wendung verlegen, aber immer das große Ganze im Blick – das manchmal auch über Musik hinausging wie etwa auf dem Album »Home« von 1976, als er Gedichte von Robert Creeley für die Stimme von Sheila Jordan vertonte. Die namenlosen, lediglich von eins bis neun durchnummerierten »Winter Songs« dürften dermaleinst ein weiteres Paradebeispiel für Substanz und Langlebigkeit in Swallows Schaffen abgeben. Die Musik auf dem Album hat nichts Ausgeklügeltes, scheint vielmehr dem natürlichen Kreislauf von Werden und Vergehen zu entspringen. Sie kann auf viel gegenseitiges Zutrauen aller Mitspieler bauen – und auf die stete Präsenz von Steve Swallow, der genau weiß, wann und wo und wie er ordnende Hand anlegen muss. Der Mann hat außerdem, im übertragenen Sinn, einen grünen Daumen und schreitet hier entsprechend zufrieden Beet für Beet seines Gemüsegartens ab, wo alles wächst und gedeiht und wo unter den fachkundig beschnittenen Obstbäumen auch so manches Unkraut nicht vergeht.
Was sagt der rüstige Gärtner selbst? »Vor ›Winter Songs‹ hatte ich der Musik alles gegeben, was ich nur konnte. Bei der Arbeit an diesem Album wendete sich das Blatt, und sie gab mir, was ich brauchte. Musik ist elementar wie die Luft, die wir atmen.« Long may you breathe!
→ Steve Swallow: »Winter Songs« (ECM)
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