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Doku zu Bürgergeld

ZDF tritt nach unten

Klischee Sozialleistungsbetrug: Verein »Sanktionsfrei« reicht Programmbeschwerde gegen Berichterstattung über Bürgergeldbezieher ein

Foto: Sebastian Wagner/ZDF
»Verzerrtes Bild«: Reporterin Sarah Tacke vor dem Jobcenter in Bremen

Bisher war die Hetze gegen Empfänger staatlicher Transferleistungen eine Domäne von rechten Boulevardblättern wie Bild oder privaten TV-Sendern wie RTL 2 mit Formaten wie »Armes Deutschland – Stempeln oder Abrackern?«. Dass sich längst auch öffentlich-rechtliche Sender an dieser Meinungsmache beteiligen, zeigte die am 14. Mai im ZDF ausgestrahlte Dokumentation »Am Puls mit Sarah Tacke – System Bürgergeld: Leben ohne Leistung?«. Der Verein »Sanktionsfrei« hat jetzt eine Programmbeschwerde gegen die Sendung beim ZDF-Fernsehrat eingereicht, weil diese ein »verzerrtes Bild« von Bürgergeldbeziehenden gezeichnet habe.

In der Beschwerde, die junge Welt vorliegt, wird den Machern der Doku eine lange Liste journalistischer Fehler und falscher Darstellungen präsentiert. So würden in der Sendung »extreme Einzelfälle« geschildert, aber nicht als solche eingeordnet, sondern als exemplarisch ausgegeben. Ein Langzeitarbeitsloser werde vorgestellt, der behauptet, das System seit Jahrzehnten auszunutzen. Es bleibe unklar, heißt es in der Beschwerde, wie der Mann angeblich über lange Zeit »fast ununterbrochen« Anspruch auf Arbeitslosengeld I (ALG I) gehabt haben soll.

Dann prahlt ein Handwerker anonym mit jahrelanger ertragreicher Schwarzarbeit. Das Jobcenter zahle weiter, obwohl er jahrelang zu keinem Termin gegangen sei und die angeforderten Paypal-Kontoauszüge nicht liefere, behauptet der Mann. »Sollten die Schilderungen der beiden Männer zutreffen, würde es sich um außergewöhnliche Betrugsfälle handeln«, heißt es dazu in der Beschwerde. Tacke ordne dies jedoch nicht ein, wodurch der Eindruck entstehen könne, systematischer Missbrauch von Sozialleistungen sei »unkompliziert und weit verbreitet«. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall, wie »Sanktionsfrei« betont. So registrierte die Bundesagentur für Arbeit für das Jahr 2025 rund 110.000 Verdachtsfälle von Sozialleistungsbetrug – bei etwa 5,5 Millionen Bürgergeldbeziehern. Und die Zahl mutmaßlicher Fälle »bandenmäßigen Missbrauchs« lag demnach bei gerade einmal 406 Verdachtsfällen. Diese Zahlen werden in der Sendung aber nicht genannt. Statt dessen behauptet Tacke ohne jeden Beleg: »Viele Großstädte werden Opfer von Sozialleistungsbetrug im großen Stil, weil kriminelle Netzwerke offenbar ein Geschäftsmodell entdeckt haben.« Ebenso aus der Luft gegriffen ist offenbar die Betrugsquote von 30 bis 40 Prozent, die ein ehemaliger Jobcentermitarbeiter in der Doku nennt. Dann heißt es in der Sendung, das System mache »Missbrauch einfach«. In Wahrheit müssen Bezieher von Bürgergeld, wie es in der Beschwerde heißt, umfassend ihr Einkommen und Vermögen nachweisen, zum Beispiel sämtliche Kontoauszüge offenlegen. Steuern zu hinterziehen dürfte in der BRD jedenfalls einfacher sein, als das Jobcenter zu betrügen.

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Die Macher der Doku schreckten auch nicht davor zurück, das Klischee zu transportieren, bestimmte Gruppen von Migranten aus dem EU-Ausland, etwa Bulgaren und Rumänen, kämen in die BRD, um Leistungen zu beziehen und Teil krimineller Strukturen zu werden. »Differenzierende Einordnungen zur tatsächlichen sozialen Lage von EU-Arbeitsmigrantinnen und -migranten oder zu wissenschaftlichen Einschätzungen der sogenannten Pullfaktor‑These fehlen weitgehend«, heißt es in der Beschwerde.

Gerade öffentlich-rechtliche Formate hätten eine besondere Verantwortung dafür, »gesellschaftlich sensible Themen faktenbasiert und differenziert darzustellen«, erklärte Helena Steinhaus, Gründerin von »Sanktionsfrei«, laut Mitteilung. Statt dessen würden in der Sendung »immer wieder suggestive Zuspitzungen« verwendet, die »Vorurteile gegenüber armutsbetroffenen Menschen verstärken können«. Öffentlich-rechtlicher Journalismus solle »Vorurteile hinterfragen – nicht zur besten Sendezeit reproduzieren«, so Steinhaus.

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Erschienen in der Ausgabe vom 29.05.2026, Seite 14, Medien

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