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Kongress »Gesundheit und Armut«

»Bewerben hält fit«

Auch wenn es zuwenig Jobs gibt und der Erfolg ausbleibt. Was die Forschung interessiert und sich in Jobcentern abspielt

Foto: IMAGO/Christian Ohde

Es ist bekannt, vieles bereits seit Jahrzehnten. Erwerbslosen geht es gesundheitlich schlechter als denen, die Arbeit haben. Mit längerer Erwerbslosigkeit geht Armut einher. Arme sterben früher, Männer im Schnitt 7,2 Jahre und Frauen 4,3 Jahre eher als Wohlhabende. Wer will, kann auch das wissen: Seit der Nachkriegszeit gab es – bis auf zwei kurze Episoden in den 1960er Jahren – durchgängig mehr Arbeitssuchende als Stellenausschreibungen. Da ist es naheliegend, dass sich inzwischen eine ganze Riege an Wissenschaftlern mit dem Thema Gesundheit und Gesundheitsförderung von Erwerbslosen beschäftigt. Die Ergebnisse aber sind zum Teil grotesk.

Auf dem diesjährigen Public-Health-Kongress »Armut und Gesundheit« in Berlin, der seit 1995 unter anderem von dem Verein »Gesundheit Berlin-Brandenburg« ausgerichtet und vom Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit gefördert wird, wurden ein paar vorgestellt. Der Psychologe Karsten Paul aus Linz fragte: Hat die Stellensuche Einfluss auf Depression? Das Ergebnis seiner Untersuchungen: Wer intensiv sucht, läuft später weniger Gefahr, depressiv zu werden.

Ein paar Zuhörer sahen sich offenbar bestätigt und im Bewerben einen Therapieansatz; in Vorstellungsgesprächen ein Training. Ausbleibender Erfolg könne als Ansporn und Motivation betrachtet werden. Sie selbst habe nach einer Reihe an Misserfolgen schließlich einen Master gemacht, gab eine Frau aus dem Publikum zum besten. Doch was im Einzelfall funktionieren mag, ist für viele unrealistisch. Unter anderem, weil Studierende in der Regel keinen Anspruch auf Bürgergeld bzw. Grundsicherung haben.

Hinzu kommt: Was die Wissenschaft als positives Feedback kennt – nämlich eins, das auf die Aufgabe fokussiert und nicht auf den Menschen –, kommt in der Realität von Langzeiterwerbslosen nicht vor. Viele werden nicht mehr zu Vorstellungsgesprächen eingeladen, auf ihre Bewerbungen bekommen sie entweder gar keine Rückmeldung oder nur eine ganz kurze. Und die Unternehmen bestätigten das auf Nachfrage, erklärte Oksana Götze vom Jobcenter in Dresden im Gespräch mit jW: Je länger ohne Job, um so geringer die Wahrscheinlichkeit einer Reaktion. Insofern hält Götze die nun beschlossene Sanktionsverschärfung in der Grundsicherung für kontraproduktiv. Sie werde nur den Druck weiter erhöhen. Dass Erwerbslose die Jobsuche aufgeben, selbst niedrigschwellige Angebote nicht wahrnehmen, habe viele Gründe. Zum Beispiel staatliche Kürzungen. In Dresden sollen bis 2029/30 bis zu 33 Kindergärten geschlossen werden. Eine junge Erzieherin, die gerade ihre Ausbildung abgeschlossen hat, verkraftet das, sagte Götze. Eine Langzeiterwerbslose, der nach einer Umschulung gesagt werde, es seien gerade keine Stellen offen, stecke das nicht so ohne weiteres weg.

Für sie und ihre Kollegen ist daher Gesundheitsförderung ein großes Thema. Und sie stellen fest, dass nicht nur eine Rolle spielt, ob ein Sportkurs kostenlos ist, sondern auch, wer daran teilnimmt. So seien Langzeiterwerbslose eher bereit, zu einem Kurs zu kommen, wenn ausschließlich Erwerbslose teilnehmen und niemand, der arbeitet. Das Selbstwertgefühl sei niedrig, der Mental Load riesig.

junge Welt

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Erschienen in der Ausgabe vom 24.03.2026, Seite 9, Schwerpunkt

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