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Israels Giftkrieg
»Abschlachten der Araber mit ›neuzeitlichen‹ Waffen«. Der Einsatz von Glyphosat und weißem Phosphor durch die israelische Armee steht in der Tradition kolonialer Kriegführung
Im Februar drangen Berichte an die Öffentlichkeit, wonach die israelische Armee (IDF) im Südlibanon und in Syrien Glyphosat eingesetzt haben soll. Unabhängig bestätigt wurde zudem der Einsatz von weißem Phosphor im Libanon. Zwar schaffte es die Glyphosatmeldung in die deutschen Leitmedien, in eine Regierungspressekonferenz und sogar in eine schriftliche Anfrage im Bundestag. Das Interesse war jedoch insgesamt gering und von einem Aufschrei der Empörung konnte keine Rede sein. Damit steht dieser Fall im krassen Gegensatz zum Umgang Deutschlands mit dem angeblichen Einsatz chemischer Waffen durch das syrische Baath-Regime 2013 oder dem – dann doch nie stattgefundenen – Beschuss Israels mit Giftgas durch den Irak 1991. Dabei stammt nicht nur das Umweltgift Glyphosat, sondern vermutlich auch der als Kriegswaffe geächtete weiße Phosphor von einem deutschen Konzern, nämlich von Bayer. Das Desinteresse ist, wie schon beim Genozid in Gaza, symptomatisch, steht doch Israels Kriegführung in einer langen kolonialen Tradition, mit der auch die Bundesrepublik verbunden ist.
Wenn israelische Rüstungskonzerne heute damit werben, dass ihre Waffen an den Palästinensern im Gazastreifen und im Westjordanland »erprobt« sind, dann legen sie einmal mehr offen, dass es sich beim sogenannten Palästina-Konflikt auch um einen Kolonialkrieg handelt. Von Anfang an waren die Kolonien die Experimentierfelder der Industrien der Kolonialstaaten. Das gilt gerade auch für Rüstungsunternehmen. Die koloniale Expansions- und Unterwerfungspraxis wiederum fußte auf der militärischen Überlegenheit, die durch die Industrialisierung und Automatisierung nicht nur der Waffenherstellung, sondern auch ihrer Technik Ende des 19. Jahrhunderts monströse Ausmaße annahm. So ist das Maschinengewehr (MG) dem Historiker Dan Diner zufolge »eine ihrem Wesen nach koloniale Waffe«.¹ Bevor das MG-Feuer im Ersten Weltkrieg Millionen europäische – und Zehntausende aus den Kolonien nach Europa verfrachtete – Soldaten umbrachte, hatte es in den Jahrzehnten zuvor bereits in Afrika und Asien gewütet und die dortigen Kolonialkriege in Massaker bis dahin unbekannten Ausmaßes verwandelt.
»Zivilisation« aus der Luft
Wie Sven Lindqvist in seiner »History of Bombing« dargestellt hat, nahmen die sogenannten strategischen Fernwaffen, also Flugzeugbomber, später Raketen und Drohnen, einen ähnlichen Weg: Am 1. November 1911 warfen die Italiener in Libyen über zwei Oasen nahe Tripolis erstmals Sprengsätze aus einem Flugzeug auf lebende Ziele ab. Diese Bomben galten als »ein Mittel der Zivilisation«, und man war sich in Europa sicher, dass diejenigen, »die bereits zivilisiert waren, nicht bombardiert werden würden«.² Lenin bezeichnete den italienischen Kolonialkrieg entsprechend sarkastisch als ein »vervollkommnetes, zivilisiertes Massaker, ein Abschlachten der Araber mit ›neuzeitlichen‹ Waffen«.³
Es war denn auch ein italienischer Militär, nämlich Giulio Douhet, der als erster Theoretiker des Luftkriegs in die Geschichte einging. Seine Theorien fasste er 1921 in einem Buch zusammen. Er ging, gestützt auf die Erfahrungen des Ersten Weltkriegs, davon aus, dass in künftigen Kriegen nicht mehr die Streitkräfte, sondern das Hinterland beziehungsweise die Zivilbevölkerung das Hauptangriffsziel darstellten. Deren Vernichtung beziehungsweise Demoralisierung durch Luftangriffe würde die Kriege in kürzester Zeit entscheiden. Es war ein Konzept des totalen Krieges, wie er zuvor nur in den Kolonien Praxis gewesen war. Das Buch erschien in Italien in mehreren Auflagen und wurde 1935 auch ins Deutsche übersetzt. Aber nicht nur die Faschisten waren von Douhet begeistert, auch das US-Militär zeigte sich früh von seinen Ideen fasziniert. Douhet war allerdings nicht der einzige Verfechter des Luftkrieges. Auch in Großbritannien, Deutschland, den USA und Japan fanden sich Enthusiasten der Vernichtung aus dem Himmel heraus.
Vor allem aber wurde der Luftkrieg von den imperialistischen Mächten in die Praxis umgesetzt: Nachdem die ersten Bomben bereits vor dem Ersten Weltkrieg in einem arabischen Land niedergegangen waren, wurden sie auch in der Zwischenkriegszeit gegen die arabischen Befreiungsbewegungen eingesetzt: 1923 fand im Irak nicht nur die erste größere Truppenverlegung durch Transportflugzeuge statt. Letztere wurden unter dem damaligen Offizier und späteren Luftwaffenchef Arthur »Bomber« Harris auch kurzerhand so umgebaut, dass sie die irakische Bevölkerung aus der Luft terrorisieren und massakrieren konnten. Auch in Afghanistan, Indien, Iran, Jemen, Somalia und Sudan setzte die britische Kolonialmacht in dieser Zeit Kriegsflugzeuge ein. Die Franzosen und die Spanier wiederum ließen sich in ihrem Krieg gegen die Rif-Republik in Nordmarokko (1921–1926) von der Kriegführung mittels Flugzeugen überzeugen. Dort hatten die Spanier bereits 1913 die ersten speziell für Flugzeuge entwickelten Bomben abgeworfen.
Der Spanienkrieg (1936–1939) und der Zweite Weltkrieg brachten die Luftbombardements aus den Kolonien zurück in die Metropolen. In den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki vermischte sich dieser »imperiale Bumerangeffekt« mit dem in den USA herrschenden antiasiatischen Rassismus. Dieser spielte – neben geopolitischen Interessen und Antikommunismus – nach 1945 denn auch eine zentrale Rolle bei den völkermörderischen Bombenkriegen der USA gegen Korea (1950–1953), Vietnam (1964–1975), Kambodscha (1969–1973) und Laos (1964–1973). Allein in Indochina warfen die USA viermal mehr Bomben ab als im Zweiten Weltkrieg – mit einer Gesamtsprengkraft von etwa 640 Hiroshima-Bomben.
Aber auch in anderen Teilen des Trikonts wurden »die Luftstreitkräfte als Schwertspitze der Aggression eingesetzt«, wie es der Militärhistoriker Olaf Groehler 1981 formulierte.⁴ Die von den USA und ihren Verbündeten geführten Kriege und Anschläge mittels Kampfbombern und Drohnen gegen Afghanistan, Irak, Iran, Jemen, Jugoslawien, Libanon, Libyen, Pakistan, Palästina, Somalia, Sudan, Syrien und Venezuela haben diese Aussage immer wieder bestätigt. Ebenso haben all diese Terrorfeldzüge immer wieder demonstriert, dass die Fähigkeit, ein anderes, noch dazu meist Tausende Kilometer entferntes Land aus der Luft in Schutt und Asche zu legen und dabei unzählige Zivilisten lebendig zu verbrennen, in Stücke zu reißen oder unter Trümmern zu begraben, Ausdruck einer krassen Machtasymmetrie ist, die man nicht anders denn als kolonial charakterisieren kann.
Chemische Experimentierfelder
Im Fall chemischer Waffen verlief die Entwicklung etwas anders: Ihre Anfänge liegen im Ersten Weltkrieg, als es darum ging, innerhalb kürzester Zeit Methoden zu entwickeln, riesige Menschenmengen schnell und kostengünstig zu töten. Dabei wurde sogar argumentiert, der Tod durch Giftgas sei »humaner« als das Zerfetztwerden durch MG-Feuer. Mit der Realität hatte das freilich wenig zu tun: Die Gase zerfraßen Schleimhäute und Lungen, die Soldaten erstickten panisch und qualvoll, teilweise dauerte der Todeskampf Stunden, und die Überlebenden erblindeten häufig und litten unter Folgeerkrankungen wie Krebs und Lungenproblemen. Führend bei der Entwicklung der Giftgase – oder besser gesagt: der Nutzbarmachung chemischer Abfälle für den Krieg – waren die deutschen Chemiekonzerne BASF, Bayer und Hoechst. Das gilt auch für die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg. Während aber nach 1918 der Einsatz von Giftgas in Europa zu einem Tabu wurde, wurde er in den Kolonien zur Normalität.
Bereits 1918 fragte der spanische König bei dem Chemiker und Unternehmer Hugo Stoltzenberg Proben für chemische Kampfstoffe an. 1921 wurde ein Geheimvertrag geschlossen, auf dessen Grundlage deutsches Giftgas für den Kolonialkrieg in Marokko geliefert wurde. Mittelsmann zwischen der Chemischen Fabrik Stoltzenberg, der Reichswehr und Spanien war der Chefchemiker von BASF, Fritz Haber. Stoltzenberg und Haber verband eine Freundschaft: Gemeinsam hatten sie am 22. April 1915 in Belgien den ersten Giftgaseinsatz der Kriegsgeschichte geleitet. Allerdings verschanzten sich die Kämpfer Abdel Krims nicht in Gräben wie während des Weltkriegs, sondern führten einen Guerillakrieg. Daher kombinierte man den Giftkrieg kurzerhand mit dem Luftkrieg und tüftelte eine Möglichkeit aus, das Giftgas in Form von Bomben von Flugzeugen abzuwerfen. Dieser Giftkrieg aus der Luft diente nicht nur als Vorbild für das Vorgehen des faschistischen Italien ein Jahrzehnt später in Äthiopien, sondern begeisterte auch Franco, der im Rif-Krieg zum jüngsten General Europas aufstieg, so sehr, dass er auch die von den Republikanern gehaltenen Städte während des Spanienkriegs mit Giftgas bombardieren lassen wollte. Schon der Vordenker des Luftkriegs, Douhet, hatte es als »erlaubt und verdienstvoll« bezeichnet, »bewohnte Städte mit Giftgasbomben zu belegen«.⁵ Letztlich sahen die Faschisten jedoch davon ab, Giftgas in Europa als Kampfmittel wieder einzuführen, und beschränkten sich – wie ihre liberalen Gegner – auf die Kolonien. Ein Sonderfall ist der Einsatz durch die Nazis in den Vernichtungslagern. Das »Zyklon B« stammte ebenfalls von den deutschen Chemiemonopolen. Diese hatten sich 1925, noch während des Rif-Kriegs, zur I. G. Farben zusammengeschlossen.
War der Giftgaseinsatz in Europa nach 1918 geächtet worden, so war er für die liberalen Kolonialmächte nach dem Sieg über den Faschismus auch in »Übersee« nicht mehr länger tragbar. Das bedeutet jedoch weder, dass der Westen auf den Einsatz von Chemiewaffen gegen die Völker des Trikonts verzichtet hätte, noch dass westliche Unternehmen kein Giftgas mehr in die ehemaligen Kolonien exportierten. So wurde zwar die I. G. Farben aufgrund ihrer zentralen Rolle im Zweiten Weltkrieg und bei der Vernichtung der europäischen Jüdinnen und Juden nach 1945 zerschlagen, doch waren deutsche Chemieunternehmen immer wieder in die Herstellung chemischer Kampfstoffe involviert. Der bekannteste Fall ist die Beteiligung deutscher Unternehmen, darunter auch I.-G.-Farben-Nachfolgern, am irakischen Chemiewaffenprogramm in den 1980er Jahren, dem Tausende kurdische Zivilisten und iranische Soldaten zum Opfer fielen.
Traurige Berühmtheit erlangten nach 1945 insbesondere die Brandwaffe Napalm und das Pflanzenvernichtungsmittel »Agent Orange«. Sie verbanden den Luft- und den Giftkrieg miteinander und wurden zum Sinnbild der US-Aggression gegen Vietnam. Dabei warf die amerikanische Flugwaffe Napalmbrandbomben bereits während des Zweiten Weltkriegs über Japan und im Korea-Krieg in großem Stil ab. Im juristischen Sinne ist Napalm allerdings kein Chemiekampfstoff, sondern eine Brandwaffe. Zur Herstellung wird brennbarer Treibstoff mit Geliermittel vermengt, damit es auf Oberflächen wie Gebäuden, Kleidung und Haut haftet. »Agent Orange« wiederum wurde offiziell nicht als Giftgas eingesetzt, sondern zur »Entlaubung« der Urwälder, in denen die vietnamesischen Befreiungskämpfer operierten. Diese Art der Kriegführung hatten die Briten bereits in den 1950er Jahren gegen die Befreiungsbewegung Malaysias erprobt. Dabei ging es – ganz im Sinne der Luftkriegstrategie und der kolonialen Kriegführung – nie nur darum, den Guerillas den Unterschlupf zu nehmen, sondern immer auch darum, die Lebensgrundlage der Bevölkerung zu vernichten und ihre Moral zu brechen. Mehr als 45 Millionen Liter »Agent Orange« wurden in Vietnam versprüht und vergifteten rund ein Viertel der dortigen Fläche. Zu den »Agent Orange«-Produzenten gehörte – beziehungsweise gehört bis heute – Monsanto. Das Unternehmen ist weltweit vor allem für das Pestizid Glyphosat bekannt und wurde 2018 von der Bayer AG gekauft.
Seit und durch diese Übernahme wurde der I.-G.-Farben-Nachfolger Bayer zuletzt mehrfach in Verbindung mit dem Einsatz chemischer Kampfstoffe gebracht. Denn Glyphosat wurde in den letzten Jahren sowohl in Kolumbien als auch in Brasilien gegen indigene Gemeinschaften eingesetzt, um diese im Interesse großer Landwirtschaftskonzerne von ihrem Boden zu vertreiben. Dafür wird das Gift aus der Luft versprüht. Betroffene berichten von Schwindel, Kopf- oder Magenschmerzen, Übelkeit und Durchfall, Ärzte sprechen von Vergiftungserscheinungen. Zudem ist Glyphosat krebserregend und soll auch weitere schwere Krankheiten fördern. Kritiker sprechen daher von einem »Giftkrieg«, und auch die Aussage »Glyphosat ist das ›Agent Orange‹ unserer Zeit« fällt immer wieder.
Von Libanon nach Gaza und zurück
Es überrascht kaum, dass die zionistische Kolonialbewegung und der von ihr gegründete Staat ebenfalls zu derlei Methoden der Kriegführung griffen. Schon 1948 setzten zionistische Milizen und die israelische Armee Flugzeuge ein und bombardierten arabische Dörfer, Städte und Stellungen. Bis 1956 hatte Israel eine starke Luftwaffe aufgebaut und bombardierte gemeinsam mit Frankreich und Großbritannien Ägypten. 1967 zerstörte die israelische Armee innerhalb weniger Stunden nahezu die gesamte Luftwaffe Ägyptens, Jordaniens und Syriens. Während der Nakba (1947–1949) und des Junikrieges (1967) wurden die schlimmsten Verbrechen von Bodentruppen begangen. Das änderte sich mit Israels Angriff auf den Libanon 1982: Die als Völkermord eingestuften Massaker an mehr als 3.500 Einwohnern der palästinensischen Flüchtlingslager von Sabra und Shatila fanden zwar unter den Augen der israelischen Besatzungsarmee und mit ihrer Unterstützung statt, sie wurden aber von rechten libanesischen Milizen ausgeführt. Zuvor allerdings waren den israelischen Bombardements mit Streu- und Splittermunition, weißem Phosphor und Napalm mehr als 17.000 Libanesen und Palästinenser zum Opfer gefallen, die allermeisten davon Zivilisten. Wie Napalm ist auch Phosphor eine Brandwaffe: Bei Kontakt mit Sauerstoff entzündet er sich und brennt mit einer Hitze von mehr als 800 Grad Celsius. Er verbrennt Fleisch bis auf die Knochen, hinterlässt großflächige Verbrennungen und kann in den Blutkreislauf eindringen, was häufig zu Organversagen oder schweren Folgekrankheiten führt. Zudem zerstört er nachhaltig Pflanzen und Böden, wie der Fall Südlibanon beweist.
Ab den 2000er Jahren griff Israel zunehmend zum Mittel des Luftkrieges und zum Einsatz von weißem Phosphor: 2006 überzog Israel den Libanon, 2008/09, 2012, 2014 und 2021 den Gazastreifen mit Bombenangriffen und tötete dabei insgesamt etwa 5.500 Menschen. Auch im seit 1967 besetzten Westjordanland beschoss Israel wiederholt Städte wie Jenin, Nablus und Tulkarem, die als Hochburgen des palästinensischen Widerstands gelten, vor allem während der Zweiten Intifada (2000–2005) und nach dem 7. Oktober 2023. Auch weißer Phosphor kam im Libanon- und in fast jedem Gazakrieg zum Einsatz.
Den bisherigen Höhepunkt des Luftkrieges Israels stellt der Völkermord in Gaza dar: Laut dem dortigen Gesundheitsministerium liegt die Zahl der seit Oktober 2023 registrierten Getöteten bei derzeit fast 73.000. Etwa 10.000 Leichen werden noch unter den 60 Millionen Tonnen Trümmern vermutet. Seit dem offiziellen Inkrafttreten des Waffenstillstands im Oktober 2025 hat die israelische Armee im Gazastreifen durchschnittlich fünf Menschen pro Tag getötet, zumeist aus der Luft. Bei diesem Luftkrieg setzte sie ein breites Arsenal an gelenkten wie nicht gelenkten Bomben, auch Raketen und weißen Phosphor ein. Der Einsatz von künstlicher Intelligenz und Algorithmen soll zudem eine bislang unbekannte Rolle bei der Auswahl von Angriffszielen gespielt haben.
Am 8. Oktober 2023 hatte die Hisbollah vom Libanon aus eine zweite Front eröffnet. Israel reagierte mit heftigen Luft- und Drohnenangriffen und tötete dabei etwa 4.000 Libanesen. Bereits am 10. Oktober 2023 setzte die IDF weißen Phosphor im Südlibanon ein. Amnesty International sprach damals von einem »Kriegsverbrechen« und einem »wahllosen Angriff«, bei dem Zivilisten und zivile Gebäude getroffen wurden.⁶ Für den Einsatz der chemischen Waffen bemühen Israel-Apologeten verschiedene Erklärungen: So diene der weiße Phosphor als Rauchgranate, um Militäreinheiten vor Maßnahmen des Widerstands zu schützen. Human Rights Watch weist allerdings darauf hin, dass es für diesen Zweck ungefährliche Alternativen gebe, »darunter auch einige, die von israelischen Unternehmen hergestellt werden« und von der IDF in der Vergangenheit auch eingesetzt wurden.⁷
In bezug auf das Glyphosat hat sich Israel bis heute nicht geäußert. Bürgerliche Medien und »Experten« sprechen allerdings vor allem über die Schaffung einer »Pufferzone« im Süden Libanons, »um künftige Angriffe der Hisbollah zu verhindern«.⁸ Das mag aus militärischer Perspektive durchaus korrekt sein. Es lässt aber einerseits den imperialistischen Kontext außer acht – denn es geht im Libanon genausowenig wie in Vietnam nur um die militärtaktische Frage der besseren Übersicht, sondern um die Terrorisierung und Demoralisierung der Bevölkerung. Die Menschenrechtsorganisation »Euro-Mediterranean Human Rights Monitor« wirft Israel daher auch vor, eine »Politik der verbrannten Erde« zu verfolgen.⁹
Andererseits unterschlägt diese Sicht auch den spezifischen siedlerkolonialen Kontext in Palästina und Libanon. Wie Patrick Wolfe schrieb, ist »das primäre Ziel der Siedlerkolonisierung« – im Gegensatz zum »klassischen« Kolonialismus – »das Land selbst«.¹⁰ Die zionistische Bewegung begann entsprechend um 1900 herum, systematisch unbebautes Land in Palästina aufzukaufen, ging in den 1920er Jahren unter dem Schutz der britischen Kolonialmacht zur Vertreibung von Palästinensern von ihrem Boden über und begann 1947 die großangelegte »ethnische Säuberung« Palästinas, die bis heute anhält.
Zu dieser anhaltenden kolonialen Verdrängungs- und Besiedlungspolitik gehört auch die Umgestaltung des Landes selbst nach den Vorstellungen und Bedürfnissen der Siedler: angefangen bei der Neuaufteilung des Territoriums und den neuen Formen der Landwirtschaft über die Ersetzung bestehender Dörfer und Agrarflächen bis hin zur Einführung neuer Pflanzen und Tiere. Einerseits ist die Umwandlung selbst ein Akt struktureller Gewalt, weil sie die indigene Gesellschaft nachhaltig zerstört und eine Rückkehr zu ihr verunmöglicht. Andererseits läuft sie mit brachialer Gewalt ab, nämlich mit Überfällen, Pogromen, Massakern und Vertreibungen sowie dem Niederbrennen ganzer Dörfer, der Rodung von Plantagen und Hainen, dem Abschlachten und dem Raub von Vieh und dem Raub von Grundwasser. Diese – im ursprünglichen Sinne des Wortes – Vergewaltigung des Landes wurde und wird von den Zionisten selbst in kolonialistischer Manier als »Zivilisierung« dargestellt. Dieser Mythos hat sich in dem Diktum niedergeschlagen, wonach die Siedler »die Wüste zum Blühen gebracht« hätten.
Deutsche Waffen, deutsches Gift
Der Einsatz von Pestiziden wie Glyphosat ist eine logische Fortsetzung dieser Politik der gewaltsamen Aneignung und Umformung des Bodens. Dass der zionistische Expansionismus auch vor libanesischem und syrischen Territorium keinen Halt macht, ist kein Geheimnis: Seit 1967 sind Teile Libanons besetzt, bis zum Jahr 2000, als die Hisbollah den Abzug der IDF nach 18 Jahren erzwang, waren es noch deutlich mehr. Israels Verteidigungsminister Israel Katz erklärte im vergangenen März offen, er wolle den Südlibanon dauerhaft besetzen, und radikale Zionisten stehen schon bereit, um das Gebiet zu besiedeln. Die 1967 besetzten syrischen Golanhöhen hat Israel 1981 offiziell annektiert und das besetzte Gebiet seit Ende 2024 stark ausgeweitet.
Angesichts dessen macht sich Deutschland mit seinen Waffenlieferungen und seiner offenen Unterstützung für Israels »Drecksarbeit« nicht nur der Beteiligung am Genozid in Gaza und am völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen Iran schuldig, sondern auch an zahlreichen Kriegsverbrechen im Libanon. Im übrigen stammt wohl nicht nur das von den IDF als Chemiewaffe eingesetzte Glyphosat aus deutscher Hand. Denn die Bayer-Tochter Monsanto betreibt auch die einzige Phosphatmine in den USA. Aus dem Mineral wird neben Glyphosat auch weißer Phosphor hergestellt. Offiziell hat der Bayer-Vorstand auf der letzten Aktionärshauptversammlung bestritten, das israelische oder das US-Militär direkt mit Glyphosat zu beliefern. Für Phosphor gilt das aber nicht. Es ist bekannt, dass Israel seinen weißen Phosphor zu einem Großteil aus den USA bezieht. Zudem hat die US-Regierung Glyphosat, kurz nachdem die Berichte über den Einsatz im Libanon aufgekommen waren, per Dekret als relevant für die »nationale Sicherheit« erklärt. Damit dürfte klar sein, dass der I.-G.-Farben-Nachfolger auch künftig am Gift- und Chemiekrieg Israels und anderer US-Verbündeter verdienen wird.
→ Anmerkungen
1 Dan Diner: Das Jahrhundert verstehen. Eine universalhistorische Deutung. München 1999, S. 44.
2 Sven Lindqvist: A History of Bombing. New York 2001, S. 34
3 Lenin: Werke, Bd. 18, S. 329
4 Olaf Groehler: Geschichte des Luftkriegs. 1910 bis 1980. Berlin 1981, S. 608
5 Zit. n. ebd., S. 115
6 www.amnesty.de/informieren/aktuell/libanon-rechtswidriger-einsatz-weisser-phosphor-israelische-armee
7 www.hrw.org/de/news/2026/03/09/libanon-israel-setzt-rechtswidrig-weissen-phosphor-ein
8 www.tagesschau.de/ausland/asien/libanon-israel-pflanzengift-100.html
10 Patrick Wolfe: Settler Colonialism and the Transformation of Anthropology. London 1999, S. 163
→ Leon Wystrychowski schrieb an dieser Stelle zuletzt am 21. November 2025 über antipalästinensische Straftaten in der Bundesrepublik: »Ermittlungen verbieten sich«
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