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Sozialistische Literatur

Ketzerkommunismus

Vor 150 Jahren starb die Schriftstellerin George Sand. Sie rief eine revolutionäre »Kirche der Zukunft« aus und setzte ganz entschieden auf Gewalt

Foto: gemeinfrei
Alte Tempel abreißen. In den frühen Romanen von George Sand (1804–1876) ist die Gewalt mit dem Fortschritt im Bunde (Aufnahme von 1864)

Es gab Zeiten, in denen man hierzulande mehr mit George Sand, der vor 150 Jahren verstorbenen Schriftstellerin, anfangen konnte. Wie sein Biograph Ulrich Enzensberger berichtet, verschlang der revolutionäre Dichter Georg Herwegh ihren Roman »Horace« (1841/1842) geradezu. Auch Herweghs erste Gespräche mit einem neu gewonnenen Freund, dem Anarchisten Michail Bakunin, drehten sich um beider Liebe zu Sand. Ihr Bildnis, das Bakunin und der spätere »Paulskirchenlinke« Arnold Ruge signiert und am Neujahrstag 1843 Herweghs Verlobter Emma Siegmund überreicht haben, zeugt noch heute »im Herwegh-Museum zu Liestal von der emblematischen Bedeutung dieser fast vergessenen Dichterin für die Seelenlage der intellektuellen Kreise des Vormärz«. (»Herwegh. Ein Heldenleben«; 1999)

Fast vergessen ist nicht ganz vergessen, und es fragt sich, was genau an Sand die Erinnerung lohnte. Ihre Liebesgeschichten sind bereits von Kino und Feuilleton ausgeschlachtet und leblos zurückgelassen worden. Und angesichts eines schriftstellerischen Werks, das weit über hundert Bände umfasst, wissen wir nicht recht, wo anfangen. Warum da nicht einfach Herwegh folgen und »Horace« lesen? Der Roman gehört in ihre »prophetische Phase« der 1830er und 1840er Jahre. Damals entwickelte Sand ihren Sozialismus, der von der bürgerlichen Forschung und von den Verlagen mit Bedacht ignoriert wird. Es ist, um das vorwegzuschicken, ein sehr spezieller Sozialismus.

Schreckliche Worte

Sand war in ihrer Lebenszeit die berühmteste Schriftstellerin der westlichen Welt. In Frankreich spaltete sie die Gemüter, niemand kam an ihr vorbei. In Russland wurde sie, außer von Bakunin, von Wissarion Belinski, Fjodor Dostojewski und Alexander Herzen verehrt. Nach Deutschland gelangte sie in einer von Ruge herausgegebenen Ausgabe ihrer Werke.

Ruge schrieb, er habe in seiner Beschäftigung mit »dieser vielgescholtenen und vielgepriesenen Erscheinung« bald Angst vor der eigenen Courage bekommen und sich erschrocken »vor der Verwegenheit, mit der ich mich zu dem Versprechen hatte hinreißen lassen, öffentlich über sie zu reden. Und diese Bedenklichkeit wurde nicht vermindert durch die schrecklichen Worte: Emancipation der Frauen, Republicanismus oder gar Communismus, welche sich an den Namen George Sand knüpfen und bei denen sich natürlich jeder ächte Deutsche nur die Auflösung aller menschlichen Bande und die Wiederherstellung des nackten Paradieses denkt.«

»Horace« hatte schon vor der Veröffentlichung für einigen Ärger gesorgt. François Buloz, der Herausgeber der noch heute erscheinenden Kulturzeitschrift Revue des Deux Mondes, dem der Vorabdruck versprochen war, forderte erhebliche Streichungen. Da Sand schon ahnte, woher der Wind weht, fragte sie ihn ganz offen (15.9.1841): »Mit wem habe ich es zu tun, mit Ihnen, mit Ihren Abonnentinnen und Abonnenten oder gar mit der Regierung?« Auch wenn Buloz (3.10.1841) noch immer nicht glauben mochte, dass sie den Roman »ausschließlich zur Feier der Ideen des Aufstands und des Kommunismus« geschrieben haben könnte, weigerte er sich schließlich, den Text zu drucken. »Sie sind doch nicht etwa Kommunistin? Jedenfalls habe ich bis ›Horace‹ nichts davon bemerkt«, schrieb er, was allerdings von einiger Begriffsstutzigkeit zeugt.

Damals ließ sich Sand von dem Philosophen Pierre Leroux anregen, aber nicht, wie Heinrich Heine (»Lutetia«; 1854) spottete, weil »die Weiber, selbst die emanzipationssüchtigsten, immer eines männlichen Lenkers, einer männlichen Autorität bedürfen«. Leroux tadelte sie im September 1841, sich überhaupt auf Buloz’ Blatt eingelassen zu haben. Sei ihr denn nicht aufgefallen, dass dort alles Linke abgekanzelt werde? Das gehe auch sie an, denn »Sie sind Kommunistin, ich bin Kommunist. Nur (Abbé) Lamennais will keiner sein, jedoch zu Unrecht.« Das war eine Einschätzung, die Karl Marx teilte, als er 1843 über die Lage in Frankreich schrieb: »Pierre Leroux, der Metaphysiker, George Sand, die mutige Verteidigerin der Rechte ihres Geschlechts, Abbé de Lamennais, der Verfasser der ›Worte eines Gläubigen‹, und noch sehr viele andere sind den kommunistischen Doktrinen mehr oder minder zugetan.« In diesem Geist gründeten Leroux, Sand und der Schriftsteller Louis Viardot die Revue indépendante, und dort erschien »Horace«.

Prinzip Solidarität

»Horace« beginnt als feine Satire mit viel Gespür für Klassenverhältnisse. Horace ist ein Jurastudent aus der Provinz, der sich die Revolution herbeiwünscht, damit er Karriere als Parlamentarier machen kann. Als sie dann aber vor der Tür steht, wirbt er lieber um eine Gräfin. Der Erzähler Théophile – angehender Arzt aus verarmtem Adel, Demokrat zwar, aber entschieden antirevolutionär gestimmt – stellt Horace seine proletarischen Freunde Eugénie und Paul vor. Eugénie, Théophiles Gefährtin, bekennt sich zu der Lehre des Utopisten Henri de Saint-Simon, erkennt also das Geschlechterverhältnis als Klassenverhältnis, bleibt jedoch häuslich nach alter Mütter Sitte. Paul, der Schustersohn, leidet an seiner künstlerischen Berufung und verdient lieber Geld.

Das Milieu ist die Bohème der verbummelten Studenten und der Schauspielerinnen, aber auch das des hart um sein Brot kämpfenden Proletariats. Es gibt unter ihnen Aufrührer, etliche gehören der »Société des amis du peuple« (Gesellschaft der Volksfreunde) an, einige neigen gar zum »babouvisme«, zu den sozialistischen Lehren des Gracchus Babeuf. Gut saint-simonistisch lebt man in offenen Beziehungen. Wie Sand in ihrer umfangreichen Autobiographie (»Geschichte meines Lebens«; 1854/1855) ausführen wird, lag ihr daran, das Prinzip der Familie durch das Prinzip der Solidarität zu ersetzen. Auch um verschiedenen in Not Geratenen zu helfen, wird aus der Wohngemeinschaft um Théophile bald eine bescheidene Textilmanufaktur. Horace liegt derweil lethargisch auf dem Sofa. Théophile, der ihn auf andere Gedanken bringen will, führt ihn in adelige Kreise ein, wo der Kleinbürger fürchtet, »die Pfote eines Schoßhündchens zu zertreten«. (Deutsch von Wilhelm Ludwig Wesché)

Die junge Gräfin Chailly prüft, ob bei dem herausgeputzten Horace der »Gesang seinem Gefieder entspräche«, und zeigt sich von seinen Schmeicheleien entzückt. Da haben sich zwei narzisstische Persönlichkeiten gefunden – aber sie sind einerseits einander zu ähnlich, andererseits liegt eine Klassenschranke zwischen ihnen. Als Horace der Gräfin lästig wird, ist er doch nur »espèce« (Sorte), wie der Adel des 18. Jahrhunderts die Gemeinen nannte. In einer irren Wendung des Schicksals hat Horace zwar nach dem Pech in der Liebe Glück im Spiel und schreibt außerdem einen Erfolgsroman. Doch der Erfolg steigt ihm zu Kopf, die kompromittierte Gräfin verfolgt ihn mit ihrem Hass, er stürzt erst in die Bohème zurück und ergreift schließlich doch den Beruf des Anwalts, für den er wie geschaffen ist.

Sand schaltet in diese ebenso böse wie vergnügliche Erzählung eine krasse Nebenhandlung mit einer jungen Frau, Marthe, ein, die vom Vater sexuell missbraucht worden ist und sich in die Arme eines Verführers flüchtet, nur um einzusehen, dass sie lediglich »den Tyrannen gewechselt« hat. Und ein, wenn auch kleinerer, dritter Tyrann wartet schon – es ist wiederum Horace. Zwar spielen bereits der zweite und der vierte Roman Sands, »Indiana« (1832) und »Lélia« (1833), auf sexuellen Missbrauch an, aber in »Horace« wird er manifest. Auch das Elend der Grisetten, also der unverheirateten Näherinnen, zeichnet »Horace« mit wenigen Strichen. Sand schreibt mit der Anschaulichkeit von Honoré de Balzac, der Finesse von Stendhal und dem Mut von Victor Hugo, aber genießt nicht deren Renommee. Kaum einer Autorin ist von der mackerdominierten Nachwelt so übel mitgespielt worden wie ihr.

Juniaufstand

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Die politischen Diskussionen in »Horace« sind die ewig aktuellen: Wer hat das Recht, für die Unterdrückten zu kämpfen? Welche Mittel sind in diesem Kampf erlaubt? Der Arbeiter und Künstler Paul, der schon während der »Trois Glorieuses«, also den Tagen der Julirevolution 1830, diejenigen umgebracht hat, die ihn umbringen wollten, stürzt sich während des Arbeiteraufstands im Juni 1832 erneut ins Getümmel und entrinnt ihm schwer verwundet. Der Rettung verleiht der ansonsten realistische Roman ungewöhnlich religiöse Obertöne. Es ist, als ob die nackte Wahrheit sich gesträubt hätte, ganz nackt erzählt zu werden, denn Sand hat sie gekannt.

Gerade erst seit einem Jahr in Paris, verfolgte sie mit eigenen Augen, wie der Aufstand niederkartätscht worden war. Kurz darauf schrieb sie ihrer Freundin Laure Decerfz: »Die Entsetzensschreie der Frauen, die ihre Ehemänner und Kinder auffinden, sind schrecklich genug. Schrecklicher noch ist es zu sehen, wie der halbtot Flüchtende, der um sein Leben rennt und um Gnade fleht, massakriert wird, oder das Röcheln des Verwundeten zu hören, dem niemand helfen darf und den dreißig Bajonette zum Tode verurteilen.«

»Horace« erhebt, wie schon zuvor »Le Compagnon du Tour de France« (»Der französische Handwerksbursche«; 1840), proletarische Gestalten zu Protagonistinnen und Protagonisten, was zu seiner Zeit höchst ungewöhnlich war. Anders als von konservativen Interpreten behauptet, idealisiert Sand diese Gestalten nicht, sondern sieht die Ursache etwa der Labilität von Marthe oder der Gehässigkeit von Pauls Schwester Louise nicht in einer Charakterschwäche, sondern in der Unterdrückung, die diese Frauen geformt hat. Zugleich übt der Roman kaustische Kritik nicht nur an Parvenüs wie Horace, sondern, wie gesehen, auch am Adel.

Um Sands ambivalentes Verhältnis zum Adel zu begreifen, ist es nützlich zu wissen, dass ihr Vater aus der hohen Aristokratie stammte, ihre Mutter aber eine Modistin, Tochter eines Vogelhändlers war. Vögel sollten der Enkelin als die edelsten Lebewesen gelten. Über einen venezianischen Vogelhändler schrieb sie: »Er hatte zu lange mit Vögeln gelebt, um nicht Künstler zu sein.« Sie stammte also nicht nur gleichzeitig von Reichen und Armen, von Mächtigen und Ohnmächtigen, sondern auch von Herrschern und von Künstlern ab. Dabei hat das, was heute mit mehr oder weniger großem Recht an Sands Auftreten für queer gehalten wird – die sexuelle Selbstbestimmung, das Tragen von Männerkleidung, das Rauchen in der Öffentlichkeit – durchaus etwas Aristokratisches. Als Herrin über das Gut Nohant in der Provinz Berry war sie daran gewöhnt, dass für sie andere Gesetze gelten als für die Landbevölkerung.

Joachimidische Politik

Eine weitere Ambivalenz darf in ihrem Verhältnis zur Religion gesehen werden. Da das Mädchen ungestüm war, wurde es zur Disziplinierung ins Kloster der englischen Augustinerinnen gesteckt. Dort gefiel es der kleinen Aurore Dupin, wie sie damals noch hieß, ausnehmend gut. (Sand nannte sie sich, nachdem sie mit dem Bohemien Jules Sandeau ein Buch unter diesem Pseudonym geschrieben hatte.) Der Mystizismus der Klosterjahre sollte sich bei ihr nie ganz verlieren, verband sich jedoch mit einer immer stärker werdenden antikatholischen Stimmung zu einem explosiven Gemisch. »Lélia« gibt davon erst einen Vorgeschmack, obwohl für einen anonymen deutschen Rezensenten das Buch bereits »eine verkörperte Blasphemie« war: »Alles und Jedes wird frech zertrümmert, nicht um etwas Anderes, geschweige Besseres, an die Stelle zu setzen – nein, aus purer Zerstörungswuth, aus Robespierrescher Mordgier!« (Blätter für literarische Unterhaltung; 11/1835).

Das stimmte nicht ganz, denn Sand wollte (wie übrigens Robespierre) durchaus einen »neuen Tempel« errichten, aber dass dafür der alte Tempel (der Katholizismus, die bürgerliche Ordnung) abgerissen werden muss, verschwieg sie nicht. Ihr theologisches Denken kreist um einen Grundgedanken des Abts Joachim von Fiore (ca. 1130–1202). Joachim lehrte, dass die Religion ihre Vollkommenheit erst noch erlangen müsse. Er brachte also einen Begriff von Fortschritt ins Spiel, den Sand begierig aufgriff und mit den Jahren immer weiter zuspitzte.

Ihre »Kirche der Zukunft« ruht zwar auf einem joachimidischen Fundament, aber kann aus prinzipiellen Gründen niemals fertig werden. Denn Fortschritt heißt bei ihr, um des Neuen willen das Alte gewaltsam abschütteln, es ist ein revolutionärer Prozess. Wie sie in ihrer Geschichte des Heerführers der Hussiten, Jan Žižka, schreibt, geht es ihr um »die geheime Religion, die noch immer im Aufbau begriffen ist, diese ideale Gesellschaft der Gleichen, die mit Jesu Predigt beginnt, als Ketzerei die Jahrhunderte des Katholizismus durchquert und bei uns bis zur Französischen Revolution reicht, um sich sodann zu reformieren und, mangels eines Besseren, in den Clubs der Chartisten und mit kommunistischem Eifer diskutiert zu werden. Diese Religion war immer dieselbe, egal, welche Form sie annahm, egal, hinter welchem Namen sie sich verbarg, egal, welche Verfolgung sie erdulden musste.« (»Jean Ziska«; 1843)

Jesus Sansculotte

Auf »Jean Ziska« berief sich prominent Marx, der ans Ende seines Anti-Proudhon, »Das Elend der Philosophie« (1847), ein Sands Buch entnommenes Zitat setzte: »Kampf oder Tod; blutiger Krieg oder das Nichts. So ist die Frage unerbittlich gestellt.« Er verfehlte nicht die wütende Stimmung der Dichterin. Nicht nur die Ketzer, sondern ausdrücklich auch die Ketzergewalt waren für sie Treiber der Geschichte. Dabei durchlief Sand geschwind die gesamte Geschichte des Abendlands. Die sich auf Jan Hus berufenden Hussiten sind da nur ein Beispiel unter vielen, aber ein ganz besonderes, wie der monumentale Doppelroman »Consuelo / Die Gräfin von Rudolstadt« (1842/1844) beweist.

Die Sängerin Consuelo und der Graf Albert von Rudolstadt geben Stellung und Stand auf, ziehen durch die Lande und verkünden den Kommunismus. Das wird nicht nur von dem Philosophen Alain (Émile Chartier) als weiblicher Bildungsroman, quasi als »Wilma Meister«, gelesen, doch im berauschten Finale tritt der Graf in den Vordergrund. Er ist nicht nur Illuminat, sondern auch Nachfahre von Hussiten und Inkarnation von Žižka.

Wie die Herausgeber von »Consuelo / Die Gräfin von Rudolstadt«, Simone Vierne und René Bourgeois, zusammenfassen, sind für Sand die »Hussiten in jeder Gestalt – Taboriten, Orebiten, Ultraquisten, Orphelinen (Verwaiste), Böhmische Brüder bis hin zu den als finster bekannten Pikarden – aller Unordnung, allem vergossenen Blut, aller oft absichtlichen Grausamkeit, allem Hass und aller völlig enthemmten Gewalt zum Trotz gerade diejenigen, die die Geschichte voranbringen, denn sie reichen ›dem Volk den Kelch‹. Genauer gesagt, sind sie die ersten Kommunisten und folgen darin getreu der Lehre Christi.«

In häretischen Sekten einen Ursprung des Kommunismus zu erblicken, ist kein ganz ungewöhnlicher Gedanke. So unterschiedliche radikale Denker wie Franz Jung und Guy Hocquenghem sind dieser Spur gefolgt. Ungewöhnlich, ja verblüffend ist es jedoch, dass Sand die von den Ketzern geübte Gewalt nicht etwa ausblendet oder verharmlost, sondern zum wahren Medium des Fortschritts erhebt.

Der Leroux gewidmete Gedankenroman »Spiridion« (1839/1842) treibt diese Ketzergewalt auf einen einsamen Gipfel. Der Roman lässt Sands Lehre von dem »reinen Mönch« Alexis, einem Nachfolger des Klostergründers Spiridion, vortragen. Das Kloster wird während der Französischen Revolution von Soldaten zerstört. Sie verspotten den nackten Christus am Kreuz als »Sansculotte«, wörtlich als einen ohne Kniebundhose, im übertragenen Sinn als einen Revolutionär. Damit haben sie, ohne es zu wollen, Spiridions Wahrheit ausgesprochen. Denn kurz bevor ihm die Soldaten den Schädel einschlagen, erklärt der Mönch (in der Übersetzung von Ludwig Meyer): »Wir selbst sind nur Bilder, die man zerbricht, weil sie nicht mehr die Ideen darstellen, die ihnen Kraft und Heiligkeit gaben. Das ist das Werk der Vorsehung, und die Sendung unserer Henker ist geheiligt, obgleich sie sie noch nicht verstehen. Doch sie haben es gesagt, Du hast es gehört, im Namen des ›Sanscülotte-Jesus‹ entweihen sie das Heiligthum der Kirche. Es ist der Anfang des Reiches des ewigen Evangeliums, das unsere Väter weissagten.«

Alle große Literatur erhebt Anspruch auf ein Plätzchen in André Bretons »Anthologie des Schwarzen Humors« (1940). Als bizarre Burleske ist die Feier der Blasphemie in »Spiridion« allerdings nicht gemeint. Vielmehr soll sich in der Zerstörung des Klosters und in der Ermordung des Mönchs die dritte Epoche nach der Lehre des Johannes von Parma, eines Joachimiten, erfüllen. Nach den Epochen des Vaters und des Sohnes, heißt es in einer Schrift des Johannes, werde die des Heiligen Geistes anbrechen. Dann werde es keinen kirchlichen, etwa sakramentalen, nur noch einen geistigen Kult geben und das Christentum sei überwunden.

Mit der Vorstellung, dass eine marodierende Soldateska den Heiligen Geist stiftet, mutete Sand ihren damals sehr zahlreichen Leserinnen und Lesern einiges zu. Sie glaubte zu jener Zeit, dass die Verwüster christlicher Institutionen einer christlich-revolutionären Mission folgen. Gewalt bahne den Weg zur Gesellschaft der Gleichen und es sei eine sakrale Gewalt, die mit der Vorsehung im Bunde ist.

Zu sagen, dass Sand später von dieser esoterischen Lehre abgerückt ist, wäre eine arge Untertreibung. An ihrem Antiklerikalismus hielt sie durchaus fest; in »La Daniella« (1857) heißt es etwa: »Ich möchte spucken auf die Leute, die vor Kardinälen knien.« Aber nicht erst ihr letzter Roman, »Nanon« aus dem Jahr 1871 – die Französische Revolution aus der Perspektive eines Bauernmädchens –, predigt Gewaltlosigkeit. Der Roman steht untergründig in Verbindung mit der Pariser Commune im selben Jahr.

Obwohl sie sich in ihrer Autobiographie vom Kommunismus im engen Sinn lossagte, sollte sich Sand bis ans Ende ihres Lebens für eine Sozialistin halten. Anders als die französischen Intellektuellen – mit der rühmlichen Ausnahme von Gustave Courbet und Arthur Rimbaud – verurteilte sie die Commune nicht in Bausch und Bogen. Aber in einem Brief an Alexandre Dumas d. J. (22.4.1871) sieht sie ihn ihr doch »Saturnalien des Wahnsinns, die denen des Kaiserreiches gefolgt sind«.

Zu dieser Zeit lebte sie schon seit Langem wieder auf dem Land und stand dem, was sich in Paris an Zukünftigem abzeichnete, skeptisch gegenüber. Diese Entfernung von der Geschichte ist vielleicht das Privileg des Alters und kann ohnehin ein beeindruckendes Werk nicht ungültig machen. Es gebe niemanden auf der Welt, der in seinem Leben so viel geträumt und so wenig gehandelt habe wie sie, notiert George Sand in der Autobiographie. Tatsächlich hat sie gehandelt, als sie träumte.

Stefan Ripplinger schrieb an dieser Stelle zuletzt am 11. Mai 2026 über die Lyrikerin Rose Ausländer: »Ruf und Kristall«

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Erschienen in der Ausgabe vom 08.06.2026, Seite 12, Thema

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