Zum Inhalt der Seite
Lea Grundig

Skurrile Variation eines Lebens

Über Jeannette van Laaks gescheiterten Versuch, eine erste »wissenschaftliche« Biographie Lea Grundigs vorzulegen

Foto: ADN Zentralbild/dpa/picture-alliance
Die Historikerin Jeannette van Laak hat sich ihr ganz eigenes Bild von Lea Grundig »gemalt«. Das Foto zeigt die Künstlerin bei der Arbeit (Dresden, 30.1.1962)

Und, Liebste, schön, unaussprechlich schön wäre es, daß wir beide, wie wir oft träumten, zusammen uralt, Hand in Hand unsere Straße gehen.« (Hans an Lea Grundig, 10. Dezember 1948)

Um eine Biographie der Künstlerin Lea Grundig (1906–1977) schreiben zu können, sind gute Kenntnisse der Weimarer Republik, der Kunstgeschichte Deutschlands, der Regionalgeschichte Sachsens im 20. Jahrhundert, der Geschichte Palästinas und Israels sowie der Deutschen Demokratischen Republik vonnöten. Ratsam wären die Beherrschung der hebräischen Schriftsprache, künstlerisches und psychologisches Einfühlungsvermögen sowie eine grundsätzliche Sympathie mit der Arbeiterbewegung und ihren kommunistischen Vertretern.

Man kann natürlich über all das auch nicht oder nur in geringem Maß verfügen und es trotzdem versuchen. Jedenfalls hat es Jeannette von Laak so gehalten. Sie unternimmt es in ihrer Einleitung selbst, sich auf peinliche und zugleich beinahe rührend naive Weise bloßzustellen, indem sie schildert, wie ihre Karriere sie aus dem kultivierten Westen, in den sie 2008 ausgewandert war, vor einigen Jahren zurück in den »Dschungel« der neuen Bundesländer zwang:

»Als ursprünglich Ostdeutsche fürchtete ich, in ›alte Verhältnisse‹ zurückzukehren, wenn nicht sogar zurückzufallen. Ich fürchtete, die emanzipativen Erfahrungen wieder aufgeben zu müssen. Ich scheute die nörgelnde und zum Teil missmutige Haltung meiner Mitmenschen, die nicht müde wurden zu beklagen, ihre Lebensleistung würde nicht anerkannt. Nicht zuletzt fürchtete ich sogar, dass auch mich dieses Nörgeln erfassen würde.«

Es ist schon kühn, aus der hessischen Provinz nach Sachsen zu ziehen, um dort sukzessive zwei der wenigen wissenschaftlichen Planstellen zu okkupieren, und dabei die »missmutigen Ossis« zu beleidigen, zum Beispiel jene, die 1990 an den Universitäten »abgewickelt« worden sind.

Persona non grata

Van Laak war in Jena über die »Aktivisten der ersten Stunde. Die Antifa in der Sowjetischen Besatzungszone« promoviert worden, hatte sich dann vorwiegend mit dem Notaufnahmelager Gießen beschäftigt und sich zu diesem Thema an der Universität Gießen habilitiert. Heute arbeitet sie als Didaktikhistorikerin an der Universität Halle-Wittenberg. Lea Grundig als Thema hatte sie etwa 2018 entdeckt und sich bald mit einem Gutachten hervorgetan, das darüber befinden sollte, ob in Dresden eine Straße nach der Künstlerin benannt werden dürfe. Dabei konnte sie sich nicht zu einem positiven Votum durchringen (siehe Peter Michel: Unerwünschte Antifaschistin, jW v. 19.2.2024)

Bei dem vorliegenden Werk handelt es sich von der Konzeption her nicht um eine Biographie im klassischen Sinn. Es wird weder von der Geburt bis zum Tod noch strikt chronologisch erzählt. Die Autorin beschränkt sich im wesentlichen auf die Zeit des Exils von Lea Grundig in Palästina und ihre Remigration nach Deutschland sowie ihre ersten zehn Jahre in der DDR. Das sind insgesamt etwa zwanzig Jahre Leben, denen van Laak vor allem im Archiv der Akademie der Künste, wo sich der Nachlass der Grundigs befindet, nachgespürt hat. Entstanden ist ein »biographischer Torso«, dem aber nicht nur Hand und Fuß, sondern auch Herz und kritischer Verstand fehlen.

Es hat in den vergangenen Jahren mehrere Veröffentlichungen zu Lea Grundig gegeben, zuletzt auch zu ihrer Exilzeit, so dass das von van Laak präsentierte Material nicht einmal durchweg neu erscheint (siehe Cristina Fischer: Das Land unserer Hoffnung, jW, 2.5.2025). »Trotz allem«, glaubt die Biographin, »gilt sie heute vielen zuerst als Ehefrau und Weggefährtin des Malers Hans Grundig«. In der Bundesrepublik sei sie »als Kulturfunktionärin eher mit Argwohn betrachtet« worden, »nicht wenige« hätten sie als linientreue Kommunistin angesehen. »Viele Kuratorinnen und Kuratoren« seien jedoch von ihren Arbeiten der 1930er Jahre begeistert gewesen.

Diese Darstellung ist nicht nur euphemistisch, sie entspricht nicht den Tatsachen – denn es gab im Westen nur eine einzige Galeristin, Karoline Müller in Westberlin (in einer Personenübersicht am Ende des Buchs irreführend als »Sammlerin« bezeichnet), die es gewagt hat, Lea Grundig zu vertreten und ihr mehrere Ausstellungen zu widmen. Man kann ohne Übertreibung sagen, dass die Künstlerin im Westen eine persona non grata war.

Ähnlich wie heute der Antifaschismus als »Gründungsmythos« der DDR abgetan wird, verhandelt van Laak die Liebesgeschichte und Künstlergemeinschaft der Grundigs ausschließlich als »Narrativ«, als »Gefährtengeschichte« bzw. als »Geschichte von Hans und Lea«, die ja nach der erzwungenen Trennung 1939 nicht mehr real fortbestehen konnte, jedenfalls nicht im Sinne einer körperlichen Nähe. Auf diese Weise dekonstruiert van Laak eifrig Tatsachen, ohne sie vorher überhaupt in den Raum gestellt zu haben – da die Vorgeschichte des Exils von Lea Grundig allzu knapp abgehandelt wird, insbesondere die Partnerschaft mit ihrem Mann. So verfehlt die Autorin ihre eigene Argumentationslinie.

Aufgrund einer vagen Antipathie gegen Hans Grundig zieht sie es dabei vor, sich mit ihm gar nicht erst näher zu befassen. In ihrer oberflächlichen Darstellung erscheint er als wankelmütiger, etwas törichter und noch dazu untreuer Geselle. Wie wenig sie sich mit ihm beschäftigt hat, geht schon daraus hervor, dass das Standardwerk über ihn, der Bildband des renommierten Kunstwissenschaftlers Günter Feist (Dresden 1979 u. 1984), in ihrer Literaturliste fehlt.

Van Laak wirft Grundig sogar vor, seine Frau 1938 »verraten« zu haben, um sich seine Freilassung aus der Haft zu »erkaufen«, indem er der Gestapo versprach, sich von ihr scheiden zu lassen. Dass die Autorin selbst an anderer Stelle diese vereinfachende Bewertung relativiert und entkräftet – die Scheidung war die Voraussetzung für Leas Emigration – scheint ihr nicht aufgefallen zu sein.

Van Laak schämt sich auch nicht, dem nach KZ-Haft und den schweren Kriegs- und Nachkriegsjahren gesundheitlich ruinierten Hans Grundig zu bescheinigen, er habe damals »als Künstler stagniert«, während sich seine Frau im Exil prächtig weiterentwickelt habe – er sei ihr daher nach dem Krieg »nicht mehr ebenbürtig« gewesen. Der Faschismus hat tatsächlich viele Biographien jüdischer und moderner Künstlerinnen und Künstler gebrochen, ihre Existenzen zerstört, ihre Schaffenskräfte und ihren Mut gelähmt. Nur wenige blieben stark. Hans Grundig war einer von ihnen. Dass seine Frau brieflich weiterhin seine künstlerische Meisterschaft und seine Überlegenheit hervorhob, tut van Laak als »mütterliche« Zuwendung und weiblich-strategische Unterordnung ab.

Hans Grundigs Memoiren »Zwischen Karneval und Aschermittwoch« (1957) sind van Laak von vornherein suspekt, denn sie seien den DDR-Lesern in den 1950er Jahren »in seinem Duktus des ›ewigen Kumpels‹ sehr entgegengekommen«, da er sie direkt ansprach, sogar duzte. »Ein Großteil seiner Leser«, fährt van Laak fort, »dürften sich in seinen Erfahrungen wiedergefunden haben, selbst jene, die in der Nazizeit Anhänger der NSDAP gewesen waren.« Dass das so war, muss bezweifelt werden, immerhin schilderte sich Grundig als langjährigen Kommunisten, KZ-Häftling und Überläufer zur Roten Armee.

Ehe im Schatten

Es trifft zu, dass Lea Grundig nach ihrer Heimkehr vor unerwarteten Schwierigkeiten stand. Offensichtlich erfüllte sich ihre Vorstellung, an ihre Partnerschaft und an die Zusammenarbeit mit ihrem Mann nahtlos anzuknüpfen, nicht in erhofftem Umfang. Das lag unter anderem an Hans Grundigs schlechtem Gesundheitszustand – sie musste ihn zunächst in einem entlegenen Lungensanatorium in Thüringen aufsuchen –, seiner beruflichen Auslastung, aber auch an der Tatsache, dass er sich in seine Haushälterin bzw. Krankenschwester verliebt hatte, auf deren Nähe er nicht verzichten wollte oder konnte. Doch die Situation – das Beziehungsgefüge – war zweifellos komplexer, als es heute noch zu rekonstruieren ist. Lea Grundigs damalige Gedanken und Gefühle ihrem Mann gegenüber sind nicht überliefert. Van Laaks Behauptungen, die eigentlich Mutmaßungen hätten bleiben sollen, greifen zu kurz bzw. gehen in die Irre.

Anzeige

Lea Grundig hatte gehofft, gerade aufgrund ihrer eigenen Weiterentwicklung nun in einen um so lebhafteren künstlerischen Dialog und Wettbewerb mit ihrem Mann treten zu können: »Was würde Hans zu meinen Bildern sagen? Wie sehnte ich mich nach dem vertrauten Austausch, nach Rat und Kritik, die gegeben wurden, wie kein anderer sie geben konnte, so scharf und kritisch«, rekapituliert sie in ihren Erinnerungen. Sein körperlicher Zustand und die äußeren Bedingungen erschwerten jedoch die Zusammenarbeit, machten sie beinahe unmöglich.

»Die Geschichte von Hans und Lea« war dennoch keine Fiktion, sondern eine Realität, die durch das Exil und die schwierige Nachkriegszeit bedroht, bedrängt und von anderen Realitäten überlagert, aber nicht ausgelöscht wurde. Letztlich gelang es beiden, ihre Beziehung bis zum Tod von Hans Grundig 1958 aufrechtzuerhalten und mit Leben zu erfüllen. Aus den zum Teil veröffentlichten Briefen des Paars geht ihre ungewöhnliche, fast symbiotische Liebesbeziehung hervor, ihr intensiver Austausch über politische, philosophische und vor allem künstlerische Themen, ebenso wie ihre leidenschaftliche Sehnsucht nacheinander.

Daneben stehen Hans Grundigs zahlreiche Porträts seiner Partnerin, die er als wunderschöne und begehrenswerte Frau zeichnete und malte, selbst in den Jahren ihrer Abwesenheit. Herzzerreißend schrieb er ihr in einem Brief nach dem Krieg, als beide noch immer getrennt waren:

»Ich erinnere mich, und noch heute ist es voller Qual für mich, als ich Dich das letzte Mal, das allerletzte Mal sah. (…) Es war im Gefängnis, Du kamst gerade die Treppe, die eiserne, herauf von einem Verhör (… ) Du, mein Liebes, sahest so blaß aus und voller Trauer, Deine Bewegungen waren voller hilfloser Verzweiflung. Lea, ich konnte Dich sehen durch das kleine Guckloch an der Tür. Ich habe lange geweint damals.

Lea, Liebste, erinnerst Du Dich an das kleine Geschenk, welches Du mir schicktest, den kleinen Apfel mit den eingeschnittenen Buchstaben von mir und Dir? Lange, lange habe ich ihn mir aufgehoben, bis er mir, und das war das letzte, was ich besaß, auch noch weggenommen wurde. Lea, damals ging für mich die Welt zugrunde. Nichts mehr hatte ich, an nichts mehr glaubte ich. Damals war ich für lange Zeit zerbrochen.«

Wettlauf mit dem Tod

Erst als er 1941 zufällig erfuhr, dass seine Frau hatte emigrieren können, sei sein Lebensmut zurückgekehrt: »Liebste, meine liebste Lea, von diesem Zeitpunkt an wurde ich wieder gesund; ich wußte, daß Du lebst, daß Du nicht mehr in Deutschland warst. Du hattest Dein Leben retten können. Lea, das hat mich alles ertragen lassen, und es war richtig so, wie wir es gemacht haben, trotz aller Schwere. Lea, Schwarzes, Du wärest unfehlbar zu Tode gegangen, wenn Du nach Ravensbrück gekommen wärst. Lea, ich habe diese armen Frauen gesehen, ich habe gesehen, ich habe es gelebt. (…) Mein Süßes, wie bin ich froh, daß Du nicht diesen Weg gegangen bist. Das hat mich aufrechtgehalten, das hat mir Kraft gegeben. Es war ein Wettlauf mit dem Tod im Rücken. Wir wußten es, Liebste, daß es so kommen mußte, wie es kam, aber eines wußten wir nicht, wie lange es dauert, welche Reserven der Faschismus zur Verfügung hatte, reicht die körperliche Kraft aus, diese Zeit zu überstehen?« (Ende März 1946)

Es versteht sich leider fast von selbst, dass die voreingenommene Jeannette van Laak solche Passagen in ihrem Buch nicht zitiert.

Auch an Lea Grundigs beeindruckenden, lebendig geschriebenen Erinnerungen »Gesichte und Geschichte« (1958), die in der DDR in zahlreichen Auflagen bis in die 1980er Jahre erschienen, hatte die Biographin nach eigener Aussage »zunächst nur mäßiges Interesse«. Es ist in der Folge kaum gewachsen: »Die Erzählung von der treuen Gefährtenschaft zu Hans Grundig und der überzeugten Gefolgschaft zur KPD/ SED schien kaum Neues zu enthalten«, befindet sie nämlich. Statt dessen meint sie, in den Briefen von Freundinnen an die Künstlerin »eine ganz andere Frau« zu finden.

Auch wenn Selbstauskünfte von Persönlichkeiten immer kritisch hinterfragt werden müssen, stellen sie gleichzeitig eine unverzichtbare biographische Quelle dar. Lea Grundig war eine intelligente und selbstbewusste Zeitgenossin, die sich ihre Urteile und ihre Weltanschauung im Laufe ihres Lebens unter schwierigen, teilweise unbarmherzigen Bedingungen erarbeitet hat. Sie hat es sich und anderen damit nicht leicht gemacht. Ihre publizierten Erinnerungen weitgehend zu ignorieren, zeugt von einer Respektlosigkeit, die im Patriarchat nur allzu geläufige Praxis ist, die man aber von einer modernen Historikerin nicht erwarten würde.

Auf der Suche nach sachdienlichen Informationen musste sich die Biographin indes keinesfalls überanstrengen. Vor allem im Archiv der Akademie der Künste konnte sie aus dem vollen schöpfen. Interviews hat sie nur mit Maria Heiner, der langjährigen Freundin Lea Grundigs, und mit deren Neffen Yoram Shifman in Israel, der seine Tante kaum noch kennengelernt hatte, geführt, während zum Beispiel die ganze Familie Zimmering unberücksichtigt blieb. Die Eltern der Berliner Schauspielerin Esther Zimmering, die derzeit einen Dokumentarfilm über die Künstlerin vorbereitet, hatten in Dresden bis 1977 regelmäßig Umgang mit ihr. Esthers Großvater Josef war ein Cousin von Lea Grundig und hatte als Kind einige Jahre in deren Familie gelebt.

Es ist unmöglich, alle fragwürdigen Behauptungen dieser Biographie aufzuführen und zu diskutieren, es sind deren zu viele. Im folgenden sollen daher nur einige Aspekte herausgegriffen werden.

Lea Grundig, damals noch Lina Langer, zeichnete sich schon als Kind und Jugendliche durch einen eigenwilligen Charakter und einen starken Willen aus. Sie folgte ihren künstlerischen und politischen Interessen und geriet dabei in Konflikt mit ihrem kleinbürgerlichen jüdischen Elternhaus. Von ihrem Vater, so berichtete sie später, wurde sie deshalb regelmäßig verprügelt, ordnete sich jedoch seinen Vorstellungen nicht unter. Ganz anders war ihr Verhältnis zu ihrer Mutter, die zwar ihre Eigenart und ihre Dickköpfigkeit ebenfalls missbilligte, aber aus Liebe zu ihr immer wieder nach Kompromissen suchte.

Van Laak postuliert dagegen, »wie groß die Spannungen zwischen Mutter und Tochter waren«, könne man daran erkennen, »dass die Künstlerin Jahrzehnte später beim Abfassen ihrer Memoiren eine Passage über ihre Mutter abbrechen, durchstreichen und vernichten wird«. Ich kann dieser Logik nicht folgen, zumal die Anmerkung dazu auch keine Aufklärung leistet. Wie kann eine »vernichtete« Äußerung irgend etwas beweisen?

In ihren Memoiren jedenfalls drückt Lea Grundig große Liebe für ihre Mutter aus, die im Gegensatz zu ihrem Vater Verständnis für die Beziehung zu Hans Grundig gehabt und beiden zu helfen versucht habe. Ich stelle nicht in Abrede, dass es zwischen Mutter und Tochter auch »Spannungen« gegeben haben kann oder muss, aber schließlich wäre es an der Biographin, das näher zu belegen.

Politische Sinnsuche

Lina Langer schloss sich um 1920 dem jüdischen Jugendbund Blau-Weiß an, der Ähnlichkeiten mit dem Wandervogel aufwies, bei deutlicher zionistischer Ausrichtung. Die dort organisierten Jugendlichen planten in vielen Fällen die Auswanderung nach Palästina. Dass sich die junge Frau, von diesen Zielen begeistert, seitdem konsequent hebräisch Lea nannte (ihr synagogischer Vorname soll Leia oder Leie gewesen sein), ist daher nur folgerichtig, gibt van Laak aber Anlass für hilflose Rätseleien. Dass Moses und Perl Langer ihren drei Töchtern keine jüdischen Vornamen gegeben hatten, sondern treudeutsche (Marie, Klara und Lina), ist vermutlich Assimilierungsbestrebungen geschuldet. Lina Lea hieß übrigens auch eine Schwester der Mutter.

1925/26 begann Lea Langer ihre Beziehung mit dem Kunstmaler Hans Grundig, mit der ihre Eltern, wie gesagt, nicht einverstanden waren. Sie betrachteten den mittellosen Handwerkersohn ohne abgeschlossene Ausbildung als nicht »standesgemäß«, zudem war er kein Jude. Moses Langer soll sogar versucht haben, Hans Grundig zu bestechen, um ihn loszuwerden.

»Im Zuge dieser Auseinandersetzungen« habe sich Lea in ein »jüdisches Sanatorium nach Heidelberg« begeben, schreibt van Laak. Laut den Briefen und Memoiren der Grundigs kann aber von Freiwilligkeit keine Rede sein, vielmehr sei die noch nicht volljährige Lea zu diesem mehrmonatigen Aufenthalt in der psychiatrischen Anstalt von ihrem Vater gezwungen worden. Die Trennung des Liebespaars belastete beide erheblich, so dass schließlich unter stillschweigender Duldung der Klinikleitung ein Besuch von Hans in Heidelberg möglich wurde.

Zur KPD-Mitgliedschaft der Grundigs vermerkt die Biographin, beide sollen, »einer Rückdatierung aus der Nachkriegszeit zufolge, 1926 eingetreten sein«. Bernd-Rainer Barth hatte für das Lexikon »Wer war wer in der DDR« Lea Grundigs SED-Kaderakte ausgewertet, in der sie selbst angab, 1926 Mitglied der KPD geworden zu sein. Es wäre höchstens denkbar, dass sie damals noch im Kommunistischen Jugendverband (KJVD) war. Falsche Angaben zu machen, wäre nicht ratsam gewesen, zumal mit der Parteiveteranin Olga Körner eine Zeitzeugin in Dresden lebte, die vermutlich auch als Bürgin für die Grundigs fungierte.

Van Laak schreibt weiter: »Als Studentin soll sie der kommunistischen Studentenfraktion beigetreten sein.« Meines Wissens konnte man der Kostufra nicht »beitreten«, sondern wurde Mitglied, wenn man dem KJVD oder der KPD angehörte. Sympathisanten konnten sich den Roten Studentengruppen anschließen, die Ende der 1920er Jahre an allen großen deutschen Universitäten existierten.

Marcel Bois hat vor einigen Jahren über die politische Betätigung der Grundigs in den Jahren 1926–1927 geforscht und in seinem Aufsatz zum Thema keine Zweifel an ihrer damaligen KPD-Zugehörigkeit geäußert. Van Laak argumentiert, die Nazijustiz habe Lea Grundig 1938 keine Mitgliedschaft in der KPD nachweisen können. Diese Feststellung impliziert die indirekte Frage, ob sie überhaupt in der Partei gewesen sei, was schon deshalb absurd ist, weil sie einen Lehrgang an der kommunistischen Parteischule absolvierte, dem Roten Frauen- und Mädchenbund, dem Pendant zum Rotfrontkämpferbund, angehörte und eine Funktionärslaufbahn in der Partei anstrebte. Dass die Nazis ihr die Mitgliedschaft in den 1930er Jahren nicht nachweisen konnten, beweist nichts; wer sich ein wenig mit den Prozessakten der Nazijustiz auskennt, weiß, dass politische Verhaftete im eigenen Interesse möglichst alles leugneten, wofür es der Polizei an Zeugen und Unterlagen fehlte.

Weiter heißt es bei van Laak, Hans Grundig sei für seine Heirat mit Lea zum Judentum übergetreten, als Indiz dafür werden seine Inserate als Handwerker in der Zeitung der Jüdischen Gemeinde angegeben, eine jüdische Trauung sei jedoch »nicht aktenkundig«. Laut Bernd-Rainer Barth ist Lea Grundig 1928 aus der Jüdischen Gemeinde ausgetreten.

Unzulänglichkeiten

Die Biographie hat nicht weniger als 745 Anmerkungen. Allerdings belegen die angegebenen Quellen nicht immer das, was im Text behauptet wird. Es fällt schwer, Seiten zu finden, auf denen einfach nur sachlich Archivmaterial präsentiert und sinnvoll kommentiert wird, so etwa, wenn es um Lea Grundigs Nachkriegsausstellungen in Prag und Warschau geht. Berührend sind vor allem die zitierten Briefausschnitte ihrer Freundinnen in Palästina, die sie liebten und nach ihrem Weggang vermissten.

Van Laak hat auch richtig festgestellt, dass die Künstlerin den »Bitterfelder Weg« beschritten hat, lange bevor er von der SED-Kulturpolitik offiziell deklariert wurde.

Weniger geglückt sind ihre Bildbeschreibungen, die über laienhafte Kommentare kaum hinausgehen, etwa in bezug auf das nach einem Foto entstandene Stalin-Porträt Lea Grundigs von 1951, das so schlicht ausgeführt ist, dass man es ohne Signatur nicht als Werk der Künstlerin erkennen könnte – gerade im Vergleich zu dem ebenfalls im Buch abgebildeten, im selben Jahr geschaffenen bekannten Porträt des »Koksmeisters Oskar Schädlich«.

Die Biographin hat sich laut Danksagung der Hilfe und Unterstützung von mehr als einem Dutzend – insgesamt über zwanzig – Kolleginnen und Kollegen, Helfern und Freunden erfreut, Archivmitarbeiter nicht mitgerechnet. Genutzt hat das allerdings wenig.

Auch das Lektorat ist keinesfalls so »souverän« geleistet worden, wie es wünschenswert gewesen wäre, und wie es van Laak explizit lobt. Etliche orthographische Fehler, falsch geschriebene Namen (so werden Freunde der Grundigs, die Frölichs, durchweg »Fröhlich« geschrieben), Wortschöpfungen wie »mamorisiert« (sic) statt »marmoriert« und sogar grammatische Fehler sind stehengeblieben. Ein Namensverzeichnis fehlt ebenfalls, was aber dem Verlag anzulasten ist, womöglich sollten so Kosten gespart werden. Das Literaturverzeichnis reicht nur bis »Zadoff«, vielleicht liegt hier ein drucktechnisches Versagen vor, jedenfalls sind keine Publikationen von Zimmering oder Zweig aufgeführt.

Fazit: Jeannette van Laak ist mit ihrem Versuch einer Künstlerbiographie gescheitert. Ignoranz und Halbwissen scheinen nicht etwa hinderlich, sondern im Gegenteil die Voraussetzung dafür gewesen zu sein, um das Vorhaben in der vorliegenden Form ausführen zu können.

Das Beste, was sich von dieser Abhandlung sagen lässt, ist, dass das vorgestellte Archivmaterial, vor allem in Form von Zitaten aus bisher unveröffentlichten Briefen, dazu anregt, sich mit dem Leben der Grundigs weiter zu beschäftigen. Auch die schönen Abbildungen teils bisher nicht oder nur wenig bekannter Werke Lea Grundigs sind positiv hervorzuheben.

→ Jeannette van Laak: Das Exil im Gepäck. Die Lebenswege der Grafikerin Lea Grundig. Frankfurt/M., Campus Verlag 2025, 290 S., 34 Euro

Zur Lektüre empfohlen:

→ Eckhart J. Gillen (Hg.): Ellen Auerbach und Lea Grundig – Zwei Künstlerinnen in Palästina. München 2025

→ Kathleen Krenzlin (Hg.): Schreibe mir nur immer viel. Der Briefwechsel zwischen Hans und Lea Grundig. Ein Werkstattbericht. Berlin 2022

Maria Heiner: Lea Grundig. Kunst für die Menschen. Leipzig 2016

Themen:
→ Sie können uns auch mit einer Spende unterstützen
Erschienen in der Ausgabe vom 06.06.2026, Seite 12, Thema

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Pressefreiheit schützen, Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Revision möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!