Orte der Gewalt
Von Matthias Reichelt
Die Künstlerin Heike Ruschmeyer ist Lesern dieser Zeitung keine Unbekannte. 2022 widmete ihr die jW-Maigalerie eine Ausstellung. Zwei Jahre zuvor war von ihr in der junge Welt-Kunstedition 2020 eine Serigraphie erschienen, die den profanen Titel »Köln, 9. Juni 2004« trägt. An jenem Mittwoch des Jahres 2004 hatte vor einem türkischen Friseurladen in der Kölner Keupstraße »der NSU um 15.56 Uhr per Funkfernsteuerung eine Nagelbombe gezündet. In der Straße bot sich ein Bild der Verwüstung. 22 Menschen wurden zum Teil schwer verletzt.« Dieses Zitat stammt aus dem druckfrischen Buch »Stärkere Strahlkraft – Wahrheit und Lüge im NSU-Komplex« von Markus Mohr und Daniel Roth. Die Autoren analysieren die so falschen wie rassistischen Verdächtigungen der Behörden, die sofort »eine Tat unter Türken« vermuteten, und weisen das systematische Versagen bei der Aufklärung der vom NSU begangenen Anschläge nach.
»Mich interessiert die Wirklichkeit, und die ist oft nicht schön.« So wird Ruschmeyer von Andreas Wessel zitiert, dem neben Heike Saborowski zweiten Kurator einer aktuellen Berliner Ausstellung mit Arbeiten der Malerin. Wessel hatte übrigens schon die jW-Maigalerie aufgebaut, die heute von Saborowski fortgeführt wird. Ruschmeyer widmet sich in ihrem Werk dem Desaströsen der Gesellschaft, der Gewalt von Menschen gegen Menschen. Es zeigt die furchtbare Realität, offeriert keine Sublimierung und auch keinerlei Katharsis. Wie denn auch, in einer Zeit, die von Krieg und Niedertracht bestimmt ist und die Hoffnung auf eine positive Entwicklung von Tag zu Tag schwinden lässt? Ein willkürliches Beispiel: Kürzlich beschloss das israelische Parlament, das »der einzigen Demokratie im Nahen Osten«, die Todesstrafe ausschließlich für Palästinenser. Stefan Kornelius, der Sprecher der Bundesregierung, äußerte neben zarter Kritik gleichzeitig Verständnis, dass Israel nach dem Angriff der Hamas Anfang Oktober 2023 »hart gegen den Terrorismus vorgegangen« sei.
Die Verzerrung und Verdrehung der Wirklichkeit lässt einen verrückt werden. Ruschmeyer malt dagegen an. Auch sie empört sich täglich über die falschen Darstellungen und Berichterstattungen, die allerorten zu finden sind. Bei ihr stehen immer die Menschen im Zentrum und die Orte, an denen ihnen Gewalt angetan wurde. Ihre Bilder sind Belege von Geschehnissen, die fotografisch dokumentiert sind und von ihr in den vergangenen Jahren vorwiegend in einer Grisaille-Malerei, also nur mit Schwarz-, Weiß- und Grautönen, auf Leinwand oder MDF gemalt wurden.
In der Berliner »Galerie Gesellschaft« sind nun neue Bilder von ihr zu sehen, welche die Ermordung von Kindern durch Ärzte in der »Städtischen Nervenklinik für Kinder« am Eichborndamm 238–242, auch als »Wiesengrund« bezeichnet, thematisieren. Die planmäßige Vernichtung »lebensunwerter« Menschen beschönigte der Nazistaat als »Euthanasie«, als »den guten Tod«. Heike Ruschmeyer malt hier nicht die Opfer, sondern reduziert das Motiv auf scheinbar harmlose Szenen. Ein einsamer Stuhl auf der Station, der Klinikflur, Krankenzimmer mit Gitterbettchen. Ein Tisch, von Stühlen umstellt und mit Blumenstrauß dekoriert, aus der Perspektive eines Kindes. Dieses Gemälde gibt ganz rechts den Blick frei auf einen Raum, in dem die Beine einer mit Weißkittel bekleideten Person zu sehen sind, die an einem Gitterbettchen steht. Viel mehr braucht es nicht, um das Bild mit dem Wissen um den Kontext zu vervollständigen.
In der Broschüre zur Ausstellung ist ein erläuternder Text der Historikerin Sabine Hillebrecht abgedruckt. Zur Ermordung vorgesehene »Reichsausschusskinder« wurden schmerzhaften medizinischen Experimenten unterzogen, woran auch Ärzte der Charité beteiligt waren. Einige Gemälde, mit unterschiedlichen Materialien auf MDF oder Nessel gemalt, sind mit dem Titel »Auf freundlichen Zuspruch lächelt das Kind – Berlin, Wiesengrund, um 1942« versehen.
Eine Tür, die aus Untersicht gemalt ist und bedrohlich wirkt und hinter der vielleicht die Entscheidung »lebenswert« oder »lebensunwert« gefällt wurde. Das Bild trägt den Titel »Mein liebes Kind – Zum Gedenken an die Kinder vom Wiesengrund 1941–1945, Berlin, Eichborndamm 238«.
Ruschmeyer ist eine passionierte und ganz außerordentliche Malerin, deren Werk einzigartig ist. Wie kaum ein anderes ist es der Grausamkeit von Menschen an Menschen gewidmet. Dafür finden sich kaum Sammlungen, was für sie ökonomische Auswirkungen hat. Ein Wechsel zu »angesagteren« Themen kommt für sie jedoch nicht in Frage.
Heike Ruschmeyer, »Wiesengrund«, »Galerie Gesellschaft«, Auguststraße 83
, 10117 Berlin, bis 3. Mai 2026
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