Empfindsames Subjekt
Der Pianist Szymon Nehring spielt Karol Szymanowski
Zeit seines Lebens hat der polnische Komponist Karol Szymanowski (1882–1937) immer neue Einflüsse verarbeitet, ohne dabei den eigenen Ton zu verlieren. Erst in den letzten 15 Jahren vor seinem Tod spielte für ihn die Folklore seines Heimatlandes eine größere Rolle. Volkstümelnd wurde er dabei nie: In den zwanzig Mazurken für Klavier von 1924/25 bleibt der Tanzcharakter zwar unverkennbar, doch gibt es gegenläufige Rhythmen und eine anspruchsvolle Melodieführung. Viele der Stücke beginnen so schwungvoll, wie man es von einer Mazurka erwartet, und scheinen sich dann in nachdenklichen Passagen zu verlieren. Der Verlauf wirkt ziellos, zuweilen stockend und gar zeitenthoben; manchmal aber bis Szymanowski mit einer plötzlichen Schlusswendung überrascht.
Szymon Nehring hat eine Auswahl von zehn dieser Stücke eingespielt, dramaturgisch gut zusammengestellt und stimmungsreich konturiert. Hörbar wird das oft Tastende der Musik, und dass das Folkloristische so stilisiert ist wie etwa bei Béla Bartók. Anders aber als Bartók will sich Szymanowski von seinen spätromantischen und impressionistischen Anfängen nicht lösen. Man hört in diesen Klavierstücken stets noch das empfindende Subjekt.
Das wird auch deutlich beim Hauptwerk der CD, der 4. Sinfonie Szymanowskis von 1932. Sie ist als konzertante Sinfonie bezeichnet, und das konzertierende Instrument ist das Klavier. Die Aufnahmetechnik hebt Nehrings Part hervor. Man könnte klagen, dass dies der Gattung Sinfonie nicht gerecht wird, wenn nicht das Werk ohnehin einem Klavierkonzert ähnelte. Hätte Szymanowski es als solches bezeichnet, niemand hätte Einwände erhoben.
Sinfonisch ist allerdings die motivische Ökonomie, mit Verknüpfungen, die sich über die Grenzen der drei Sätze hinweg erstrecken. Nehring und das Nationale Sinfonieorchester des Polnischen Rundfunks unter Marin Alsop machen dies hörbar. Die Aufnahme betont die Kontinuitäten in Szymanowskis Werk – die klangsinnlichen, schwärmerischen Anteile, die auf Szymanowskis von orientalischer Musik beeinflusste Periode zurückverweisen. Man kann sich viele Einzelheiten schärfer konturiert vorstellen – in der unter dem Dirigenten Karol Stryja 1989 gleichfalls in Katovice eingespielten Aufnahme endet die Häufung von Volkstanzmotiven im Finale in einer fast brutalen Orgie, während es bei Alsop gepflegter zugeht. Die neuere Version ist tontechnisch insofern besser, als sie die Klangfarben des Klaviers und einzelner Orchestergruppen sehr schön vermittelt. Alsop und Nehring zeigen so, was ein durchaus individualistischer Künstler aus Volksmusik gewinnen kann.
→ Karol Szymanowski: Sinfonie Nr. 4, Mazurken – Szymon Nehring/Polish National Symphony Orchestra/Marin Alsop (Rubicon Classics)
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