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Bildende Kunst

Die letzte Vorstellung

Zum Tod des Totalkünstlers Timm Ulrichs

Foto: IMAGO/Matthias Reichelt
Timm Ulrichs im September 1997 beim Vorsprechen im Baureferat der Stadt Magdeburg

Von Bazon Brock stammt der Appell »Der Tod muss abgeschafft werden, diese verdammte Schweinerei muss aufhören. Wer ein Wort des Trostes spricht, ist ein Verräter«. Recht hat er! Nun hat sich der Tod den Konzeptkünstler Timm Ulrichs am 29. April nachmittags im Urban-Krankenhaus in Berlin-Kreuzberg geholt. Ulrichs hatte sich für den Schlussvorhang seines Lebens 1980 »The End« auf sein rechtes Augenlid tätowieren lassen und sich in vielen weiteren Arbeiten mit dem Unausbleiblichen befasst, dennoch fiel der Vorhang viel zu früh für ihn. Als umtriebiger Künstler, der wahrscheinlich schon in fast jedem Kunstverein Deutschlands ausgestellt hat und dessen Werke in vielen in- und ausländischen Museen zu sehen waren, hatte er noch unendlich viel vor.

Mit dem am 31. März 1940 in Berlin geborenen Ulrichs verlässt uns ein so hochintelligenter wie gebildeter Künstler und hinterlässt eine Lücke, die niemand füllen kann. Er war nicht nur ein genialer Ideenproduzent, sondern auch ein eifriger Diskutant und Streiter, der sich eben dadurch aber auch Feinde machte. Denn sosehr er Künstlerinnen und Künstler für ihre Werke loben konnte, konnte er andere für ihre läppischen und blutleeren Arbeiten kritisieren oder ihnen vorwerfen, seine Arbeiten plagiiert zu haben. Das machte er nie hinter vorgehaltener Hand, sondern immer mit offenem Visier.

Timm Ulrichs war der wichtigste deutsche Konzeptkünstler der Gegenwart und international für seine Werke bekannt, die in unzähligen Einzel- und Gruppenausstellungen weltweit gezeigt wurden. Für seine Ideen bediente er sich diverser Medien: Film, Fotografie, Konkrete Poesie, Kunst am Bau, Bildhauerei, Installation, Musik oder Performance. Nie war er versucht, sich mit einem prägnanten Werk in endloser Wiederholung und nur leichten Variationen einen Namen zu machen. Sich mittels Wiedererkennungseffekt als Marke zu inszenieren und beim Publikum und Kunstmarkt anzudienen wäre ihm nicht in den Sinn gekommen. Das hätte ihn extrem gelangweilt. Künstlerinnen und Künstler, die eine Idee immer wieder in diversen Variationen repetierten, bezichtigte er der Faulheit. Mit seiner Vielfältigkeit in Thematik und Technik erzielte er nie große Preise auf dem Kunstmarkt. Das hatte er freilich auch nie angestrebt, sondern oft Editionen für den kleineren Geldbeutel produziert. Thomas Kapielski riet aus gutem Grund allen jungen Künstlern, sollten sie meinen, eine gute Idee zu haben, vorher zu überprüfen, ob Timm Ulrichs sie nicht längst realisiert hätte.

Ulrichs hat das System Kunst mit Humor und Ironie hinterfragt, sich bereits 1961 zum »ersten lebenden Kunstwerk« erklärt und 1965 auch versucht, sich selbst als Werk bei der Freien Berliner Kunstausstellung quasi als Readymade einzureichen. Damit war er viel zu früh dran und wurde abgelehnt. Ebenfalls 1961 hat er die »werbezentrale für totalkunst / banalismus / extemporismus« begründet und zeigte damit seine deutliche Nähe zum Dadaismus.

Ulrichs Blick war ein forschender. Er machte sich und seinen Körper zum Material, setzte sich allen möglichen Strapazen und medizinischen Untersuchungen aus, um nicht nur sich, sondern dem Menschen an sich auf die Spur zu kommen und womöglich das Geheimnis von Leben und Persönlichkeit zu lüften. In vielen seiner Werke klopfte er Sprachbilder ab. Ulrichs Kritik konnte spielerisch und performativ sein. So lief er 1975 mit Sonnenbrille, Blindenbinde und -stock mit dem Schild »Ich kann keine Kunst mehr sehen« über den Kölner Kunstmarkt. Das war nicht nur als Gag zu verstehen, wie es von vielen verharmlost wurde. Nein, es war eine Kritik an einer am Markt orientierten Kunstproduktion, die das Leben aus dem Blick verlor und sich nur noch für Preissteigerung interessierte.

Der Tod war Gegenstand vieler Arbeiten Ulrichs. So gestaltete er früh sein Grab und ließ eine von seinem Körper abgenommene Skulptur als Hohlform kopfüber und von einer Glasplatte abgedeckt in der von Harry Kramer in Kassel geschaffenen Künstlernekropole im Boden versenken. Darin soll, so sein expliziter Wunsch, seine Asche nach seinem Ableben gefüllt werden.

»Ist der Augenblick zu guter Letzt gekommen, da der Vorhang ein für alle Mal fällt, mein Auge bricht, sein Licht erlischt und man mir die Augen zum ewigen Schlaf zudrückt, erscheint auf dem zugezogenen rechten Lid als letzter überraschender Theatercoup die in meinem Augenlid einprägsame Schlusspointe: eine mit einem Augenzwinkern, mit einem lachenden und einem weinenden Auge vorgetragene ›Last ­Picture Show‹ (Peter Bogdanovich, 1971), die letzte Vorstellung einer letzten Endes spektakulär und bühnenreif intendierten Lebensführung und -aufführung …«

Ulrichs vor Jahrzehnten verfasstes Drehbuch ist am 29. April letztlich aufgeführt worden. Die Kunstwelt verliert einen klugen Künstler, dessen Werk viele andere tief beeindruckt und geprägt hat.

Themen:
junge Welt

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Erschienen in der Ausgabe vom 05.05.2026, Seite 10, Feuilleton

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