Die Kamera als Waffe
Von Matthias Reichelt
Arbeitslose, die Maidemonstrationen, bettelnde Menschen und versehrte Kriegsveteranen im Straßenbild Wiens in den Jahren 1930–1934 sind Themen früher Aufnahmen von Edith Tudor-Hart. Ihre politische Überzeugung und ihre Arbeit als Fotografin gingen Hand in Hand. Ihr soziales Gespür und ihre Entrüstung über Armut und Verelendung im Kapitalismus ließen sie eindrucksvolle Bilder machen, die noch heute berühren. Es sind Aufnahmen klassischer Sozialdokumentarfotografie. Nun präsentiert der von Katharina Mouratidi geleitete Projektraum »f³ – freiraum für fotografie« in Berlin-Kreuzberg unter dem Titel »Crossing Lines« eine zuvor im Fotohof Salzburg gezeigte Retrospektive der 1908 als Edith Suschitzky in einer jüdischen Familie in Wien geborenen und 1973 in Brighton gestorbenen Fotografin. Früh geprägt durch ihre sozialistisch orientierten Eltern, die ab 1904 Buchhandlung und Antiquariat der Brüder Suschitzky im Wiener Bezirk Favoriten (10. Bezirk) – 1860 als Fabrik- und Arbeiterviertel entstanden – bis zur von den Nazis erzwungenen Aufgabe betrieben. Unter anderem gaben sie im integrierten Anzengruber-Verlag Sachbücher zur sozialen Frage, Arbeiterliteratur, Texte zu Sexualität und zur Reformbewegung in der Pädagogik heraus.
Bereits mit 16 Jahren engagierte sich Edith Suschitzky im Haus der Kinder, einer von der Montessori-Pädagogik inspirierten Institution. Dort erhielt sie theoretische Grundlagen und durfte 1925 für drei Monate eine Studentin nach London begleiten, wohin sie neun Jahre später als Verfolgte aus Wien flüchten musste. Dazwischen liegen ihre Entwicklung hin zur Kommunistin und der Beginn ihrer Karriere als Fotografin, ausgerüstet mit einer Rollei Mittelformatkamera. Bereits ab 1927 arbeitete sie unter dem Pseudonym Betty Gray für die KP Großbritanniens sowie für die KP Österreichs. Über die genaue Initiation ihrer Arbeit mit der Kamera ist nichts bekannt. Allerdings vermutet der Fotografiehistoriker Duncan Forbes, dass ihr Interesse an der Fotografie um 1928 während einer Studienphase am Bauhaus, der Schule für Kunst und Gestaltung, in Dessau geweckt wurde. Die ersten bekannten Aufnahmen stammen von 1930 und zeigen die eingangs erwähnten Motive. Es liegt auf der Hand, dass am Beginn ihres fotografischen Werkes der Impuls stand, mit der Kamera als »Waffe« über die Wirklichkeit schonungslos aufzuklären und so die Arbeiterbewegung zu unterstützen. Ziel war, die Menschen aufzurütteln und zu Protest und Widerstand zu mobilisieren.
Folgerichtig veröffentlichte sie Fotos, die sie bei ihrem erneuten Aufenthalt in London 1930 machte, ein Jahr später unter dem Titel »Whitechapel. Londons Elendsviertel« im sozialdemokratischen Magazin Der Kuckuck. Die Zeitschrift war 1929 von Siegfried Weyr gegründet worden und wurde bereits 1934 im austrofaschistischen Österreich unter Schuschnigg verboten. Weil sich Edith Suschitzky bei ihrem zweiten Londoner Aufenthalt mit britischen Kommunisten auf einer Kundgebung am Trafalgar Square zeigte, wurde der britische Geheimdienst auf sie aufmerksam, was zu ihrer Ausweisung führte.
Zurück in Wien begann sie ihre Arbeit für die sowjetische Nachrichtenagentur TASS. Einige Fotografien, die sie für die Agentur machte, sind deutlich von der fotografischen Schule des neuen Sehens sowie des sowjetischen Konstruktivismus beeinflusst. Darunter fällt das aus großer Höhe aus einer Gondel des Riesenrads aufgenommene, spektakuläre Bild am Prater, bei dem der Fokus auf der Stahlkonstruktion liegt, zwischen deren Streben die Menschen am Boden als winzig kleine Figuren zu sehen sind. Diese fotografische Richtung vernachlässigte Edith Suchitzky aber wieder zugunsten einer sozialdokumentarischen Fotografie, während sie gleichzeitig auch für die Komintern und die Rote Hilfe tätig war. Bei einem Botengang für die letztere wurde sie 1933 verhaftet. Ein erheblicher Teil ihrer Negative wurde bei Hausdurchsuchungen konfisziert, es sind daher nur etwa 150 Fotos aus ihrer Zeit in Wien erhalten. Im selben Jahr heiratete sie den britischen Arzt Alexander Tudor-Hart und zog nach England, wo sie unter Beobachtung des Geheimdienstes weiter ihren politischen Aktivitäten nachging.
Die bemerkenswerte Kreuzberger Ausstellung zeichnet Edith Tudor-Harts Leben anhand ihrer fotografischen Werke nach und präsentiert an einer Wand im zweiten Stock Beispiele aus der Presse, in der ihre Bilder erschienen sind. Nach dem Scheitern ihrer Ehe 1936 war sie als Alleinerziehende eines autistischen Sohnes ohne Unterstützung von Armut betroffen und musste sowohl als Haushälterin als auch für ein kommerzielles Unternehmen arbeiten und fortan auch auf Porträtfotografie setzen.
Weiterhin stand sie unter dem Verdacht, für die Sowjetunion zu spionieren, und die britischen Behörden zwangen sie, das Fotografieren einzustellen. Unter diesem Druck zerstörte Edith Tudor-Hart viele Negative und Abzüge, die ihre Genossinnen und Genossen hätten belasten können. Damit endete die Karriere Tudor-Harts in den 50er Jahren.
»Edith Tudor-Hart. Crossing Lines«, Projektraum »f³ – freiraum für fotografie«, Prinzessinnenstraße 30, 10969 Berlin, bis 17. Mai
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