Die Wiederverzauberung der Welt
Von Matthias Reichelt
»Herstories« (ihre Geschichten) nennt Małgorzata Mirga-Tas einen Zyklus großformatiger, aus Textilien bestehender Tableaus und wandelt damit bewusst den englischen Begriff »History« ab. Auch wenn die Etymologie des aus dem Altgriechischen (ἵστωρ/histōr) stammenden Wortes nichts mit einer männlichen Geschichtsschreibung (»his story«) zu tun hat, widmet sich die Romnija Małgorzata Mirga-Tas dezidiert der Geschichte künstlerischer, aktivistischer Roma-Frauen. Sie zeigt ihre Heldinnen aus der internationalen Community und kontert so bislang von Männern dominierte Geschichtserzählungen.
In den letzten Jahren sind Roma-Künstlerinnen international in großen Museen und bei Biennalen präsent, etwa das malerische und zeichnerische Werk der 2013 verstorbenen Ceija Stojka, Mirga-Tas hat sich seiner in einer Arbeit angenommen. Derzeit gastiert Mirga-Tas’ Ausstellung »Eine alternative Geschichte« – nach Stationen im Henie Onstad Kunstsenter (HOK) im norwegischen Høvikodden und dem Kunstmuseum Luzern in der Schweiz – im Kunstmuseum Wolfsburg.
Die teils über vier Meter hohen »Textilgemälde« am Anfang der Schau strahlen trotz des aus konservatorischen Gründen stark gedimmten Lichts in opulenter Farbigkeit. Es sind überlebensgroße Porträts von Roma-Frauen, die bedeutende Leistungen in Kunst, Musik, Wissenschaft und Politik vollbracht haben. Małgorzata Mirga-Tas würdigt aber auch gute Freundinnen oder Bekannte. Geboren wurde sie 1978 im polnischen Zakopane, sie lebt in Czarna Góra, wo sie als Pädagogin arbeitet. Mirga-Tas hat an der Akademie der Bildenden Künste in Kraków studiert, vertrat Polen bei der 59. Venedig Biennale im Jahr 2022. Mit ihren farbenfrohen, erzählerischen Werken hat sie in den letzten Jahren viel Erfolg gehabt. Capital zählt sie zu den 100 wichtigsten internationalen Künstlerinnen und Künstlern. Wenngleich es sich hier nicht um ein ernst zu nehmendes Kriterium für die Qualität von Kunst handelt – ein Indiz für den Marktwert, der sich nach Ausstellungen in repräsentativen internationalen Museen und Präsentationen auf Kunstmessen bemisst, ist es allemal.
Die für ihre Tableaus verwendeten Stoffe stammen von den porträtierten Personen oder kommen aus deren Umfeld; bereits auf der Materialebene handelt es sich um biographische Annäherungen. Mithilfe von Assistentinnen werden die Stoffe nach Entwürfen der Künstlerin vernäht.
Sie werfe »das Material in das Gemälde«, wird Mirga-Tas in einem Text von Joanna Warsza zitiert, was es schön auf den Punkt bringt. Warsza hat als Kokuratorin den polnischen Biennale-Pavillon gestaltet, zu sehen war Mirga-Tas’ zwölfteiliger Zyklus »Re-enchanting the World« (Die Welt wieder verzaubern). Der Zyklus bezieht sich auf ein gleichnamiges Werk der italienisch-amerikanischen Philosophin Silvia Federici über »Feminism and the Politics of the Commons« von 2018. Federici hatte früh das allzu klassische Verständnis von Reproduktionsarbeit im Marxismus kritisiert. In diesem, auch in der aktuellen Schau zu sehenden Zyklus aus drei horizontal übereinanderliegenden Erzählsträngen adaptiert Mirga-Tas den Bildaufbau der Monatsbilder aus dem Renaissancepalast Schifanoia in Ferrara und kombiniert ihn mit Erzählungen über Roma. Der obere Motivstrang zeigt die Ankunft der Roma in der europäischen Kultur als klischeehaft romantisierte Idylle. In der mittleren Reihe findet man Sternzeichen, beidseitig gerahmt von Porträts bekannter Roma-Frauen. Die untere Reihe zeigt Szenen aus der Gegenwart nach Fotografien von Mirga-Tas – die Künstlerin im Kreis ihrer Familie etc.
Mit ungefähr zwölf Millionen Menschen zählen Sinti und Roma zu den größten Minderheiten Europas. Bis heute werden sie gesellschaftlich marginalisiert, kämpfen an gegen zahlreiche Klischees und Vorurteile. Künstlerinnen wie Małgorzata Mirga-Tas tragen bei zur Sichtbarkeit jenseits dummer, mitunter gefährlicher Vorurteile, gewähren Einblicke in reale Lebenswelten.
»Małgorzata Mirga-Tas: Eine alternative Geschichte«, Kunstmuseum Wolfsburg, bis 15.3.2026
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