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Aus: Ausgabe vom 12.05.2022, Seite 11 / Feuilleton
Kunst

Archiv der Gewalt

Mit Heike Ruschmeyers Ausstellung »Tatorte, Tatsachen« eröffnete die junge Welt-Maigalerie in Berlin-Mitte
Von Matthias Reichelt
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Bei der Eröffnung der jW-Maigalerie (8.5.2022)

Im Juni 2017 kamen beim Brand des von Rentnern, Asylbewerbern und Arbeitern bewohnten Grenfell Tower im Londoner Stadtteil Kensington 72 Menschen zu Tode. Das Unglück wäre vermeidbar gewesen: nicht funktionierende Brandschutzmaßnahmen und Feuerlöscher sowie die leicht entflammbare Fassadendämmung führten zu einer Katastrophe, vor der Mieter schon Jahre zuvor gewarnt hatten. Heike Ruschmeyer hat das in Flammen stehende Hochhaus mit dem Titel »Schwarz auf weiß – London-Kensington, 14. Juni 2017« in Öl gemalt und als limitierten Druck für die neue Edition der Maigalerie produziert. Das Gemälde ist Teil der Einzelausstellung »Tatorte, Tatsachen«, mit der am 8. Mai in Berlin-Mitte die Maigalerie der jungen Welt eröffnete, die sich in einem hochkommerziellen Umfeld ganz dem ambitionierten Konzept einer nichtmarkthörigen, realistischen Kunst verschrieben hat.

Heike Ruschmeyers Kunst ist so radikal wie kritisch und politisch. Ihre Bilder sind eine Zumutung, ebenso wie die gesellschaftlichen Gewaltverhältnisse eine Zumutung sind, gegen die Ruschmeyer anmalt und die sie damit archiviert. »Ich denke mir nichts aus, was ist interessanter als die Wirklichkeit?« Diesem Motto bleibt die 1956 in Uchte/Niedersachsen geborene Künstlerin treu. Gegenstand ihrer Bilder waren von Anfang an tote Menschen, darunter viele Kinder – Opfer von Gewaltakten, wie sie an Tatorten aufgefunden wurden. Ruschmeyer erhielt Zugang zu entsprechenden Fotografien durch den Bildatlas des an der Charité in der DDR lehrenden forensischen Pathologen Otto Prokop. Darauf aufmerksam gemacht hatte Ruschmeyer ihr Lehrer Wolfgang Petrick, bei dem sie an der HdK Berlin (heute UdK) studierte und als Meisterschülerin abschloss. Anfangs porträtierte sie die Toten noch in Farbe. Ein großformatiges Gemälde in der Ausstellung trägt den Titel »1,5 Kubikmeter« (2006/ 07, Mischtechnik auf Leinwand, 250 x 156 cm) und zeigt ein erdrosseltes Kind in einem Kleiderschrank.

Versöhnlicheren Sujets hat sich Ruschmeyer konsequent verweigert und dafür einen hohen Preis gezahlt. Denn obgleich ihre Kunst hochgeschätzt wird, und sie etwa 2017 den Hans-und-Lea-Grundig-Preis der Rosa-Luxemburg-Stiftung erhielt, spielen ihre drastischen Bilder auf dem Kunstmarkt so gut wie keine Rolle.

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Heike Ruschmeyer: »London-Kensington, 14. Juni 2017«

Seit geraumer Zeit hat Heike Ruschmeyer ihren Fokus erweitert. Von Taten in privatem Umfeld wandte sie sich der Gewalt im öffentlichen Raum zu. Die eingangs erwähnte Darstellung des Grenfell Tower stammt aus der Serie »Schwarz auf weiß«. Jedem Bild ist neben dem Serientitel eine Ortsmarke und ein Datum beigefügt: »Mölln, 23. November 1992«, »Solingen, 29. Mai 1993«, »Weissach im Tal, 24. August 2015«, »Hanau, 19. Februar 2020«. Die hier nur beispielhaft aufgeführten Orts- und Datumsangaben markieren rassistische Anschläge, ausgeführt von Neonazis. In Hanau ermordete ein 43jähriger aus rassistischer Überzeugung Gökhan Gültekin, Sedat Gürbüz, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Hamza Kurtovic, Vili Viorel Paun, Fatih Saracoglu, Ferhat Unvar und Kaloyan Velkov, bevor er seine Mutter und schließlich sich selbst erschoss. Das Gemälde von Heike Ruschmeyer zeigt jedoch nicht die Opfer, sondern die durch Fotografie und TV-Berichterstattung übermittelte nächtliche Szene, nachdem die Polizei den zweiten Tatort in Kesselstadt mit rot-weißem Band abgesperrt hatte. Die Bilder der Serie sind ausnahmslos in Schwarz und Weiß gehalten.

»Schwarz auf weiß«, das ist Druckerschwärze auf weißem Papier. Der Serientitel verweist auf das Dokumentarische, das Foto, das früher aus Kostengründen nicht farbig reproduziert wurde. Schwarz auf weiß bedeutet hier: Faktizität, das (trotz aller Manipulationsmöglichkeiten) nicht zu Leugnende, das vor aller Augen stattgefunden hat. Wieso aber, ließe sich fragen, soll das durch eine Fotografie Dokumentierte nochmals in Malerei übertragen werden und dann ebenfalls »nur« in Schwarzweiß? Heike Ruschmeyer spricht hier von dokumentarischer Malerei. Sie überträgt ihre Motive in Rasterverfahren auf die Bildträger. Auf vielen Arbeiten sind die mit Kohle ausgeführten Raster erhalten geblieben. Deutliche Spuren des Arbeitsprozesses, den Ruschmeyer mitnichten eliminieren will. Sie entsprechen ihrer Selbstdefinition als »dokumentarischer Maler«, das Motiv soll so getreu wie möglich von der Fotografie auf das Gemälde überführt werden. Dieser Vorgang ist langwierig. Wo die Künstlerin mit dem Ergebnis unzufrieden war, übermalte sie Bilder mehrfach, legte Schicht über Schicht. So entstehen mitunter pastose und unebene Oberflächen, die kaum noch Reminiszenzen des Rasters erkennen lassen. Von nahem wirken die Bilder unscharf, ähnlich einer zu stark vergrößerten und deshalb extrem körnigen Fotografie. Erst aus der Distanz stellt sich das Motiv deutlich klar.

Bis 25. Juni 2022, Maigalerie der jungen Welt, Torstr. 6., 10119 Berlin; Öffnungszeiten: Mittwoch bis Sonnabend, 13–18 Uhr

www.jungewelt.de/maigalerie

Heike Ruschmeyer: »London-Kensington, 14. Juni 2017«, Grafik der Maigalerie-Edition, Siebdruck auf Arches-Bütten, 27 x 20 cm, Auflage 40 Ex., Preis im Vorzugskatalog: 60 Euro

www.jungewelt-shop.de/grafik_ruschmeyer14juni

Heike Ruschmeyer: »Köln 9. Juni 2004«, Grafik der jW-Kunstedition, Siebdruck auf Munken Print Cream, 20 x 29 cm, 28 Euro

Katalog »Tatorte, Tatsachen«, Verlag 8. Mai, 7,60 Euro

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