Fressen und gefressen werden
Von Matthias Reichelt
Seine Spezialität waren Tischplatten mit Gläsern und ausgetrunkenen Weinflaschen, Tellern samt Essensresten und Besteck, zerknüllten Zigarettenschachteln, gefüllten Aschenbechern und Tischdecken voller Flecken. Alles mit Leim fixiert und um 90 Grad gedreht als Assemblage an der Ausstellungswand. Diese großen dreidimensionalen Objekte als Hinterlassenschaften geselliger Momente sind die weithin bekanntesten Werke von Daniel Spoerri (1930–2024), sie sind als »Tableau-piège« (Fallenbild) in die Kunstgeschichte eingegangen.
In Marco Ferreris Film »La grande bouffe« (Das große Fressen, 1973) schlemmen, saufen und vögeln sich vier des Lebens überdrüssige Bourgeois zu Tode. Sind aber nicht alle großen Festmahle unter Freunden ab einem bestimmten Alter kleine Tode, zumindest in dem Sinne, dass wir uns fragen müssen, ob man sich in dieser Konstellation noch mal wiedersieht? Vor allem, wenn die Abende gelungene waren, voller Esprit und gehaltvoller Gespräche in großer Harmonie und Freundschaft. Auf solche Gedanken kommt man in der Spoerri-Ausstellung »Ich liebe Widersprüche«, die noch bis Ende April in der Sammlung Falckenberg in Hamburg-Harburg zu sehen ist.
Spoerri begriff seine konservierten Spuren sozialen Lebens als Memento mori und Vanitas-Darstellung. So banal der Gedanke auch ist: Von der Geburt an strebt der Mensch dem Tode zu, seine Zeit verstreicht unaufhörlich. Was uns besonders in Erinnerung bleibt, sind intensive Momente der Freundschaft, der Geselligkeit. Jedes von Spoerris Fallenbildern ist eine Hommage an das Leben.
Spoerri wurde am 27. März 1930 im rumänischen Galați als Daniel Isaac Feinstein geboren, elf Jahre später wurde der jüdischstämmige Vater von Faschisten ermordet. Seine Mutter, eine Schweizerin, floh mit den sechs Kindern in ihr Geburtsland. Daniel nahm den Namen seiner Mutter an, als ihn sein Onkel adoptierte. Der junge Mann lernte 1949 die Künstler Jean Tinguely und Eva Aeppli kennen und absolvierte, inspiriert und gefördert vom Choreographen Max Terpis, eine Ausbildung als Tänzer. Von 1954 bis 1957 hatte er ein Engagement am Berner Stadttheater. Dennoch wandte er sich vom Tanz ab und arbeitete von 1957 bis 1959 als Regieassistent am Darmstädter Theater, wo er mit dem Bühnenbildner und -architekten Franz Mertz kooperierte, dessen Tochter Vera Mertz er später in Paris heiratete. Vera Spoerri, die heute den Nachnamen Mercer trägt, begann in Paris eine Karriere als Fotografin – in ihren Werken spielen Speisen und Restaurants eine ebenso zentrale Rolle wie in denen ihres Mannes. Von Vera Mercer war kürzlich in Berlin-Spandau eine große Ausstellung zu sehen.
Die Sammlung Falckenberg hat mit Hilfe des Spoerri-Vertrauten und Galeristen Thomas Levy keine Mühe gescheut und 130 Werke Spoerris aus diversen Werkphasen der Zeit von 1960 bis 2023 zusammengetragen. Auf mehreren Etagen sind viele der »Fallenbilder« zu bewundern. »Kichkas Frühstück I«, ein Tablett mit Frühstücksutensilien, montiert auf einen Stuhl, gilt als eines der ersten der Reihe und gehört zur Sammlung des MOMA in New York City, nachdem es 1961 in der von William C. Seitz konzipierten Ausstellung »The Art of Assemblage« gezeigt worden war. Spoerri zählte neben Arman, Jean Tinguely und anderen zur 1960 entstandenen Gruppe der »Nouveaux Réalistes«. In Abgrenzung zu den abstrakten Expressionisten widmeten sie sich wieder der Dingwelt und den Objekten. Spoerris Begeisterung für das Kochen und die Bewirtung von Gästen führten 1968 zur Eröffnung seins Eat Art Restaurants in Düsseldorf. Dort entstanden viele der Fallenbilder, von denen einige, »Aktion Restaurant Spoerri« betitelt und mit exaktem Entstehungsdatum versehen, in Hamburg ebenso zu sehen sind wie »Brotteigobjekte« – etwa die Schreibmaschine von 1980, aus deren Tastatur Teig hervorquillt.
Eine künstlerische Nähe sowohl zu Duchamps Readymades wie zur Fluxus-Bewegung sind unverkennbar. So versammelte Spoerri in Assemblagen etwa Küchengeräte oder was am Ende eines Flohmarkttages unverkauft übrigblieb. Auch selten zu sehende Bronzeskulpturen des Künstlers sind Teil der Hamburger Ausstellung. Wie die übrigen Werke werden auch sie den Arbeiten anderer Künstler aus der Sammlung Falckenberg gegenübergestellt, was dort Usus ist und zu Vergleichen anregen soll.
Die sehenswerte Schau wird von einem großen Filmprogramm begleitet, Ausstellungsbesucher erhalten reduzierten Eintritt. Voriges Wochenende lief passenderweise »Das große Fressen«, für den 22. Fe-bruar ist »Kirschblüten und rote Bohnen« angekündigt. Spoerri hatte bereits in den 50er Jahren selbst erste Kurzfilme gedreht. 1968/69 entstand in Zusammenarbeit mit Tony Morgan der Film »Resurrection« (Auferstehung). Der Achtminüter zeigt auf 16 Millimeter den »Lebenszyklus« eines Steaks, freilich rückwärts: Vom menschlichen Stuhlgang über den Verzehr des Fleisches, die Bratpfanne, die Metzgerei, das Schlachthaus bis zur Weide, auf der die Kuh gewissermaßen wiederaufersteht und – scheißt. Guten Appetit!
»Daniel Spoerri: Ich liebe Widersprüche«. Sammlung Falckenberg, Hamburg, bis 26.4.2026, nur samstags (mit Führung) und sonntags 12–17 Uhr
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