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Aus: Ausgabe vom 25.02.2026, Seite 10 / Feuilleton
Fotografie

Eine heikle Sache

Eine umfassende Retrospektive der fotografischen Arbeiten der Psychologin Christa Mayer im Haus am Kleistpark
Von Matthias Reichelt
10 © Christa Mayer Kopie.jpg
Christa Mayer: »Psychiatrie – Mensch und Hase« (1994)

Im Zentrum von Christa Mayers fotografischem Werk steht das menschliche Antlitz. Das »Gesicht als Seelenlandschaft« erforschte sie auch in der eigenen Familie. Schon 2022 war im Projektraum des Hauses am Kleistpark ihre Ausstellung »Meine Mutter, meine Schwester und ich« zu sehen. Aktuell präsentiert das Haus eine umfassende Retrospektive der 1945 in Bad Kissingen geborenen Psychologin und Fotografin.

Die Kuratorin Caroline Förster hat mit der Fotografin zusammen eine Auswahl getroffen, die Einblick in die verschiedenen Sektionen ihres Lebenswerks bietet. Darunter finden sich Naturaufnahmen, Reisefotografien aus Kalifornien, Italien, Indien und Mexiko, Porträts von Psychologen und Schamanen sowie Bilder von psychisch erkrankten Frauen und Männern. Die anlässlich der Ausstellung beim Distanz-Verlag erschienene Monographie enthält zusätzlich einige Selbstporträts und Studien zu eigenen Körperinszenierungen.

Christa Mayer gehörte zu den wenigen Frauen, die an der legendären und von Michael Schmidt begründeten »Werkstatt für Photographie« an der Volkshochschule Kreuzberg gelernt haben. Auch wenn sie erst 1980 zur Werkstatt stieß und dort maßgeblich bei Klaus-Peter Voutta studierte, da Schmidt bereits in eigener Karriere unterwegs war, so profitierte sie sehr von den Diskussionen über die vorgelegten Arbeiten. Zu diesem Zeitpunkt hatte Mayer bereits seit 1978 als Psychologin in der Chronikerabteilung einer psychiatrischen Klinik am Wannsee in Berlin gearbeitet. Aus einem konservativ-katholischen Elternhaus stammend, ging Mayer nach dem Vordiplom in Psychologie bewusst nach Westberlin, da sie sich dort »mehr Offenheit und Freiheit, vor allem im Hinblick auf Themen wie Emanzipation, antiautoritäre Erziehung, die Frankfurter Schule und Antipsychiatrien« erwartet hatte, wie sie in einem Interview mit der Kuratorin Förster ausführte. Mit einer einfachen Boxkamera hatte sie bereits mit 14 Jahren vor allem Menschen fotografiert. In der Psychiatrie setzte sie das Medium ein, um das dortige Leben etwa in den Aufenthaltsräumen zu dokumentieren. Später nutzte sie die Fotografie als therapeutisches Mittel im Dialog mit den Patienten und stieg auf eine zweiäugige Rollei-Kamera um.

Das Fotografieren in der Psychiatrie ist eine heikle Sache. In der Vergangenheit wurden die Patienten oft als wehrlose Objekte behandelt, gegen ihren Willen abgelichtet und die Bilder zum Zweck der Stigmatisierung der Kranken genutzt. Dazu wurden sie wie Kriminelle im Profil und en face festgehalten, ganz im Sinne einer Dichotomie zwischen dem Abnormalen und dem vermeintlich Gesunden und »Normalen«. Bei den Nazis zielte diese Fotografie darauf ab, das zu vernichtende Leben propagandistisch als »überflüssig« zu markieren.

Mit dem Wissen um den Missbrauch des Mediums bleibt der Blick skeptisch beim Betreten von Christa Mayers Ausstellung. Doch die respekt- und liebevollen Bilder der Serien »Abwesende I+II« belegen ihre behutsame Annäherung an die Patientinnen und Patienten, mit denen sie therapeutisch arbeitete. Deren Zugewandtheit gegenüber der Therapeutin wird in vielen der im Dialog entstehenden Portraits deutlich. Die Kamera ist bei Mayer der Spiegel des psychischen Zustands der Therapierten. Mal mit ausdrucksstarker Mimik und direktem Augenkontakt, mal in sich gekehrt und mit abgewandtem Blick, signalisieren die Bilder Offenheit oder Verschlossenheit. Mayer nutzte die Fotografien in der Therapie und bat die Fotografierten um Kommentare zu ihrem Abbild. Mit der jungen Patientin S., deren Wunsch es war, als Model zu arbeiten, entwickelte Christa Mayer indes eine ganze Serie, in der sich die Patientin während eines gemeinsamen Ausflugs in der Natur inszenieren konnte. Mayer gab ihr den Raum, ihr Bild von sich selbst zu formen. Eine andere Patientin, P., liegt während des Gesprächs leger mit der Zigarette auf der Couch und scheint die Aufmerksamkeit von Mayer und ihrer Kamera geradezu zu genießen.

Die Beispiele zeigen: Christa Mayer ist es gelungen, ihren Patientinnen und Patienten auch fotografisch mit Respekt zu begegnen.

Christa Mayer – »Fotografie – Das Werk«. Haus am Kleistpark, bis 6. April 2026. Die gleichnamige Monographie, herausgegeben von Carolin Förster, ist im Dezember 2025 im Distanz-Verlag erschienen

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