Thiels Berliner Mission
Am Sonntag veröffentlichte Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner auf Welt.de die schriftliche Fassung eines Gesprächs, das er drei Tage zuvor mit dem US-Unternehmer Peter Thiel geführt hatte. Anlass war dessen Auszeichnung mit dem Axel-Springer-Award in Berlin. Döpfner hatte Thiel bei der Preisverleihung als »vielleicht einflussreichsten lebenden Deutschen« bezeichnet, der anwesende Palantir-Chef Alex Karp sprach vom »letzten Deutschen«. Milliardäre unter sich.
Karps Aussage zum möglichen Aussterben der Deutschen war im Sinne Thilo Sarrazins gemeint und passte zu dem Gespräch. Es dokumentiert eine ausgeprägte Paranoia beider Teilnehmer, insbesondere Verfolgungswahn. Ihre Existenzweise schließt die Halluzination ein, alle minderbemittelten Bewohner des Globus seien hinter ihnen und ihrem Vermögen her. Döpfner verschriftlichte den beachtlichen Sprung in seiner Schüssel schon 2010 in einem Welt-Artikel: Das Erdkalifat drohe. Da wurden Afghanistan und der Irak schon seit Jahren von der NATO zertrümmert. Thiel, der 2016 Donald Trump als Präsidentschaftskandidaten der Republikaner ausgewählt hatte und auch den jetzigen US-Vizepräsidenten J. D. Vance sponsert, redet seit drei Jahren öfter vom »Antichristen«, der demnächst die Welt beherrschen wolle.
Im Gespräch mit Döpfner zeigte sich, dass er als Messias auf Mission ist. Er sei zunächst nämlich mit der Furcht vorm »Antichristen« extrem allein gewesen, aber jetzt: »Viele haben das Gefühl, dass sich die Welt in Richtung Totalitarismus bewegt. Viele glauben, dass eine große Bedrohung unmittelbar bevorsteht.« Sowie: »Die Wahrheit der Metaebene ist, dass die meisten Menschen behaupten, die Vorstellung eines Antichristen sei völlig absurd. Und in Wirklichkeit stimmen sie mir heimlich zu.« Lautloser Beifall, den einer hört, hat mit Irresein nichts zu tun.
Außerdem erzählte Thiel in Berlin Wahres: Der Westen sei seit den 70er Jahren in eine »nicht vollständige, aber doch weitreichende Stagnation« geraten: »Es gab Fortschritt in der Welt der Bits – Computer, Internet, Software –, aber nicht so sehr in der der Atome. Viele Ingenieurdisziplinen galten nicht mehr als attraktive Studienfächer. Maschinenbau, Chemieingenieurswesen, Luft- und Raumfahrttechnik oder Kerntechnik waren spätestens in den 1980er Jahren keine Bereiche mehr, die man als besonders vielversprechend ansah.« Das Internet sei ein bedeutender Wachstumstreiber, »aber nicht groß genug, um unsere gesamte Zivilisation auf eine neue Stufe zu heben. Künstliche Intelligenz könnte größer sein als das Internet.« Wer daher wie der Papst die Wachstumsquelle KI in seiner jüngsten Enzyklika kritisch sehe, »könnte unbeabsichtigt die Rolle eines nützlichen Idioten für die Kommunistische Partei Chinas spielen«. Döpfner: »Einige KI-Unternehmer behaupten, China verbreite gezielt Anti-KI-Inhalte in den USA.« Thiel: »Ich neige dazu, das für plausibel zu halten.« An dieser Stelle schritt kein Arzt ein. Thiels folgender Satz – »Aber der größte Teil dieses Problems ist hausgemacht« – besagt immerhin, dass er Realität partiell wahrnimmt, Döpfner folgt komplett jedem rechten Wahn.
Der vom Spuk geleitete Thiel stemmt sich mit Trump und Vance gegen den Papst und die KP Chinas, also den Untergang. Vorsichtshalber arbeitet er aber an seiner Unsterblichkeit per Biotechnologie und erwarb zudem jüngst in Buenos Aires und in Uruguay größere, in Medien als »Bunker« bezeichnete Anwesen: Der nächste Weltkrieg werde auf der Nordhalbkugel stattfinden. Einen würdigeren Preisträger findet Springer nicht.
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