Hauptsache k. v.
Am Donnerstag hielt Friedrich Merz bei der Friedrich-August-von-Hayek-Stiftung eine Rede, die FAZ-Feuilletonredakteur Simon Strauss noch am selben Tag auf faz.net kritisierte: »Merz’ verhängnisvolle Anmaßung«. Und weiter: »Bei der Hayek-Gesellschaft kreuzt der Kanzler lässig die Beine und fordert ›Freiheit statt Sozialismus‹ – als wäre es noch 1976. Wann kommt endlich die politische Sprache von heute?«
Strauss gibt Merz so wieder: »Nur keine künstlichen Stimulationen, habe Hayek gegen Keynes gesagt, das stimme damals wie heute. Es bleibe anmaßend zu glauben, die Gesellschaft steuern zu können. Gerade in der Krise. ›Freiheit statt Sozialismus!‹, sagt der Kanzler mit Blick auf Berlin im Ballsaal des Berliner Adlon-Hotels und kreuzt dabei hinter dem Rednerpult nonchalant die Beine.« Das Beinkreuzen hält Strauss für einen ästhetischen Unfall und schlussfolgert: »Die demonstrative Lässigkeit, mit der Merz hier vor so vertrautem wie angegrautem Publikum spricht, spiegelt sich in den gekreuzten Unterbeinen auf ikonographische Weise.« Hier könne er »locker am Pult stehen«, brauche keinen Gegenwind zu fürchten.
Also redet derjenige, der dem deutschen Kriegskeynesianismus mit mindestens einer Billion Euro aus der Staatskasse Schwung gibt, frei von der Leber über seinen wirtschaftstheoretischen Werkzeugkasten. In dem sei, ist Strauss alarmiert, außer Krempel nichts drin: »Merz tritt an diesem Mittag auf wie einer, der sich ganz auf vergangene Rezepte verlässt, um gegenwärtige Beschwerden zu lindern. Deshalb sagt er Sätze, die mitunter klingen wie aus der politischen Apotheken-Umschau. Eben: ›Freiheit statt Sozialismus‹ – dieser altbackene Slogan aus dem Bundestagswahlkampf 1976 als Antwort auf die drängenden Fragen unserer Zeit? Ernsthaft?«
Ernsthaft. Und nach 50 Jahren frisch ausgebuddelt. Das scheint Strauss ähnlich zu riechen wie das Skelett, das in Brechts »Legende vom toten Soldaten« von einer ärztlichen Kommission ausgegraben, für k. v. – kriegsverwendungsfähig – erklärt und zum erneuten Heldentod geschleppt wird: »Und weil der Soldat nach Verwesung stinkt / Drum hinkt ein Pfaffe voran / Der über ihn ein Weihrauchfass schwingt / Dass er nicht stinken kann.«
Die ganze Schönheit der Passage erschließt sich nur im Merzschen Originaltext: »Für Hayek hatte der Weg zu den Totalitarismen des 20. Jahrhunderts ideengeschichtlich auch über den Sozialismus geführt, über den anmaßenden Glauben, Gesellschaft rational steuern zu können. Viele von Ihnen werden sich möglicherweise daran erinnern: Die CDU hat im Bundestagswahlkampf 1976 die Parole ›Freiheit statt Sozialismus‹ zu einem erfolgreichen Instrument der gedanklichen Klarheit gemacht. Ich will nicht in dieses Jahr und in diesen Ton zurück, aber wenn ich gerade in diesen Tagen in die Stadt Berlin hineinhöre, dann kann ich gar nicht anders, als zu sagen: ›Freiheit statt Sozialismus‹, das ist noch immer die zentrale Fragestellung.«
Bei so viel klarem Bekenntnis zur Irratio gegen ein Quantum Vernunft wird es Strauss offenbar zuviel. »Der ehemalige Blackrock-Mitarbeiter« habe zustimmend einen Satz von Hayek zitiert, der »die Lässigkeit des Kanzlers als Nachlässigkeit erscheinen lässt«: Merz würde »lieber ohne Eigentum« leben als unter einer planwirtschaftenden Regierung. Der FAZ-Redakteur: Der Satz könnte »im Angesicht der sonst so oft beschworenen Nöte der an Benzinpreisen und Stromkosten verzweifelnden Bevölkerung süffisant wirken«.
Das lässt sich auch so sagen: Eure Armut kotzt mich an, aber Hauptsache, ihr seid k. v.
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