Zum Inhalt der Seite

Kapital durch Geist

Foto: jW

Als die Computerisierung um sich griff, zersetzte sie das Soziale. Aber vielleicht lässt es sich mit den neuen sozialen Medien im Internet retten, hofften anfangs die jungen Netzwerker vom Chaos Computer Club und Internettheoretiker wie Geert Lovink. Inzwischen ist es still geworden um diese »digitale Bohème«. Lovink sieht bereit das Internet als Ganzes vor dem Aus. »Internetdämmerung« nannte er das in der Zeitschrift Lettre (Nr. 140, Frühjahr 2023), aber so ganz mochte er das Netz doch nicht verlassen, denn er fragte sich: »Wie kann man ein Leben ohne Plattformen führen und dennoch die Vorteile sozialer Netzwerke genießen?«

1996 schwärmte er noch im ­Manager-Magazin vom neuen elektronisch vernetzten Zeitalter. Die neuen Medien, prophezeite er, werden eine völlig neue Ökonomie hervorbringen, die die alten Wertschöpfungsketten durch -netze ersetzt und eine neue Unmittelbarkeit erlaubt. Zudem werden in den Unternehmen Kommandohierarchien obsolet, wobei »zunehmend Kapital durch Geist geschaffen wird« – Kreativität, die nicht mehr von oben »beaufsichtigt und befohlen« wird. »In der modernen Wissensökonomie sind Lernen und Arbeiten hundertprozentig identische Aktivitäten«, deswegen werden die neuen »Unternehmen die zukünftigen Universitäten sein«. Der Vorsitzende der wirtschaftsstrategischen Denkfabrik Ngenera Insight, Don Tapscott, erwähnt als Beispiel die Privathochschule von McDonald’s, in der 2006 »eine Million Menschen lernten«. Er nennt sie die »Net Generation«. Diese wird auch »Generation X«, »Y« oder »Z« genannt. Deren linke Vordenker sind zwar inzwischen von der Internetentwicklung enttäuscht, weil das Kapital »das Soziale« in den sozialen Medien »letztlich zur Kapitulation zwingt«, wie Lovink (Jahrgang 1959) schreibt, aber die sozialen Medien werden dessen ungeachtet wohl als »asoziale Medien« weiter existieren: 1. für legale und illegale Geschäfte und 2. für immer weitergehende Pornographisierung, die neben dem Gaming den Großteil der Internetnutzer interessiert.

Anzeige

Mit KI erweitern sich die Anwendungsmöglichkeiten des Internets noch einmal erheblich. Die Journalistin Xiaowei Wang schreibt in ihrem Bericht »Blockchain Hühnerfarm« (2023) über den Einsatz von KI-Überwachungstechnik im ländlichen China: »In den USA und in China ist die Verlockung durch KI schon allerorten mit Händen zu greifen«. Die USA haben deswegen unlängst den Chipexport nach China beschränkt. Die US-Regierung will damit das chinesische Entwicklungstempo bei der KI bremsen. Meint der Amsterdamer Internetprofessor Geert Lovink wegen dieser Systemkonkurrenz, dass wir nun »zu den militärischen Ursprüngen der Kybernetik und des Internets zurückkehren«?

Auf alle Fälle wird im Krieg zwischen USA/Israel und Iran/Jemen/Hisbollah bereits massenhaft KI in Drohnen, Raketen und Kampfflugzeugen eingesetzt. Gleichzeitig hat sich mit Trump die KI-Mafia im Silicon Valley mehrheitlich von linksliberal nach stramm rechtskonservativ gewendet. Es gibt dazu drei lesenswerte Bücher des Literaturwissenschaftlers Adrian Daub, der an der Universität Stanford lehrt, die mitten im Valley liegt und von einem Eisenbahnmagnaten namens Stanford gegründet wurde. Ihm gehörte auch das meiste Land im Valley, von wo aus sich der Plattformkapitalismus entwickelt hat, wobei Stanford die meisten Programmierer und Entwickler stellt. Daubs Bücher haben Titel wie »Was das Valley denken nennt« (2020), »Cancel Cultur Transfer« (2022) und »Was das Valley herrschen nennt« (2026). Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) hingegen meint, »Hightech und Heimat« seien in seinem Bundesland bereits »vereint«. Gelegentlich heiße es auch noch »Laptop und Lederhose«, »Rosenkranz und Raumfahrt«, »Leberkäs und Laser«, »Gigabit und Gamsbart«, »WLAN und Weißbier«, »KI und Knödel«, ergänzte der Herausgeber des bayerischen Unternehmer­magazins. Die »rot-grüne« Bundesregierung entschied sich unterdessen für den Satz: »Das Leitbild der KI-Strategie ist ein europäisches KI-Ökosystem für Innovationen.«

→ Sie können uns auch mit einer Spende unterstützen
Erschienen in der Ausgabe vom 21.04.2026, Seite 10, Feuilleton

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jahrlichen Verfassungsschutzberichten erwahnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!