Noch ein Jammerwessi
Im Leitartikel des aktuellen Spiegel verlangt dessen Redakteur Georg Fahrion: »Europa muss diese Männer stoppen«. Denn, so die Unterzeile: »Wladimir Putin plant eine unheilvolle Allianz mit Donald Trump und Xi Jinping. Die EU hat die Mittel, das zu verhindern.« Vom Titel der Ausgabe lacht Kanadas Premier Mark Carney: »Der bessere Amerikaner.« Er werde »zur Hoffnung für die freie Welt«.
Da tönt der Sound des Kalten Krieges, der mit Goebbels’ Warnung vor einem »Eisernen Vorhang« nach der Konferenz von Jalta 1945 begann. Die Zeit der satten Spiegel-Profite, die mit alten SS- und Goebbels-Kadern jahrzehntelang eingefahren wurden, ist allerdings vorbei. In Ostdeutschland fand das Blatt, das im Sommer am jüngsten »Aufstand der Jammerwessis« führend teilnahm, nie so viele Leser, wie dem Bevölkerungsanteil entsprochen hätte – etwa vier Prozent.
Spiegel-Fahrion hilft mit, die Zahl zu verkleinern. Er lässt an Kriegstüchtigkeit nichts zu wünschen übrig und behauptet, das mögliche Treffen von Putin, Trump und Xi sei ein neues »Jalta«. Die Goebbels-Reaktion von 1945 auf die Krim-Konferenz – »eiserner Vorhang« – findet sich bei ihm in dieser Form: »Für Osteuropa lief ›Jalta‹ auf mehr als vier Jahrzehnte Unfreiheit unter sowjetischer Dominanz heraus.« Denn eine Befreiung vom deutschen Faschismus hat es dort nie gegeben, geschweige denn Tote in Millionenzahl.
Da es in der Politik und in Kriegen für einen Spiegel-Redakteur keine Interessen, sondern nur Männer gibt, hat sich der knallhart »investigativ« arbeitende Fahrion ersatzweise in Putins Kopf umgesehen: »Heute träumt Russlands Kriegsherr Wladimir Putin von einem zweiten Jalta.« Fahrion setzt das heutige Deutschland offenbar ziemlich genau mit dem von 1945 gleich. Da ist etwas dran: Es sind zu nicht geringem Teil dieselben Branchen und Familien, die das Land als ihren Besitz betrachten. Die Gier nach Rohstoffen, die vor der Haustür liegen, aber den falschen Leuten, etwa Russen, gehören, lodert wieder, wenn Johann Wadephul in der FAZ vom 17. Oktober erklärt: »Die Parallele mit den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts passt da schon. Die Sowjetunion ist am Ende an ihrer schwindenden ökonomischen Kraft gescheitert. Das wird jetzt ähnlich sein.«
Statt aus dem amtlichen Optimismus Kraft zu schöpfen oder wenigstens auf Wunderwaffen zu setzen, jammert Fahrion: »In einer G3-Welt würden Deutschland und Europa zur Verfügungsmasse eines Triumvirats.« Denn das Schlimmste wäre offenbar Frieden oder wenigstens Vermeidung eines Weltkrieges. Den riskieren die Hurra-»Zeitenwendler« schon länger. Ihr Geschäft war, Russland mit den Minsker Abkommen seit 2014 hinters Licht zu führen, ihm wie die damalige Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer 2021 mit NATO-Atomwaffen zu drohen, jedes Verlangen nach Anerkennung russischer Sicherheitsinteressen zu ignorieren und die Abhängigkeit von russischer fossiler Energie durch die von US-amerikanischer zu ersetzen.
Das alles nennt Fahrion nicht. Sein Verlangen, die EU müsse das neue »Jalta« stoppen, ist eine Mischung aus Greinen und Lächerlichkeit: Die EU könne dem »Triumvirat« auch »Schmerzen« verursachen: »Dafür hat die EU die Handelspolitik. Sowohl China als auch die USA brauchen den Zugang zum europäischen Markt.«
Bis das Gewimmer aus Hamburg in Beijing und Washington durchgesickert ist, wird Russland mit deutschen Waffen weiterhin angegriffen. Was bei der Sowjetunion so gut geklappt hat, benötigt heute Nachhilfe.
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