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Kino

Der Preis des Verweigerns

Voll tauglich: Nicolas Ehrets Spielfilm »Morgen war Krieg«

Von Ronald Kohl
Foto: Epik Filmproduktion/PROGRESS Filmverleih
Will nicht kämpfen: Jonas (Enno Trebs)

»Warum habt ihr es zugelassen, dass die Faschisten gewählt wurden?« – Mit dieser und ähnlichen Fragen, verzweifelt herausgeschrien von einer Aktivistin, die öffentlich in den Hungerstreik tritt, wird in »Morgen war Krieg« die politische Vorgeschichte der drohenden Katastrophe abgehakt. Der Held Jonas (Enno Trebs) ist eigentlich kein Mensch, der sich um die Welt große Gedanken macht. Mit 30 Jahren hat er noch immer nicht beruflich Fuß gefasst. Er treibt dahin. Allerdings kümmert er sich rührend um seine elfjährige Halbschwester Leonie; die gemeinsame Mutter ist zusammen mit Leonies Vater tödlich verunglückt. Jonas kocht für die Kleine, und allabendlich gedenken sie bei Kerzenschein der beiden Toten, erzählen ihnen, was sich am Tag ereignet hat. Dieses Ritual gibt Leonie Halt und ein Gefühl von Familie, mit ihrem großen Bruder als Oberhaupt. Er ist der wichtigste Mensch für sie, genaugenommen, der einzige.

Und jetzt will ihn die Bundeswehr zum Kriegsdienst einziehen. Warum auch nicht? Voll tauglich ist er ja, das sagt jedenfalls die Ärztin.

Regisseur Nicolas Ehret hat schon in seinem Abschlussfilm »Das rote Rad« (2019) ein Einzelschicksal in den Mittelpunkt gestellt, einen kleinen Jungen, der durch einen Luftangriff sein Zuhause verloren hat. Die Kampfhandlungen haben da also schon begonnen.

In »Morgen war Krieg« steht Jonas nach seiner Musterung in einer Schlange, um Uniform und Ausrüstung in Empfang zu nehmen. Spontan entschließt er sich zur Flucht (bei der NVA wäre es da schon zu spät gewesen). Gemeinsam mit Halbschwester Leonie will er die Stadt verlassen und bei seinem Vater auf dem Land untertauchen. Bevor es losgeht, stopft er noch eilig stapelweise Geldscheine in einen Sack, deutsches Geld, womit klargemacht werden soll, dass in der fiktiven näheren Zukunft die D-Mark wieder Einzug gehalten hat; die EU ist zerbrochen.

Was aus der NATO geworden ist, erfahren wir nicht.

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Der Vater wohnt in einem Dorf, das ich, den Gebäuden nach zu urteilen, in Niedersachsen verorten würde. Er ist Fährmann. Nur fährt die Fähre nicht mehr. Die Dorfbewohner haben eine Art Bürgerwehr formiert, die dabei ist, einen großen Zaun mit ordentlich Stacheldraht am Flussufer zu errichten. Beim Abendessen sagt der Vater, der sich mit Leonie auf Anhieb prima versteht, dass er nach dem Krieg wieder viel zu tun haben wird, weil die Brücken dann zerstört sein werden.

Eines Abends kommt er mit einer Rotlichtlampe vom Dachboden. Leonie und er haben draußen ein abgestürztes Vogelnest mit zwei unbeschädigten Eiern darin aufgelesen. Jonas ist wenig begeistert: Um die eigene Brut hatte sich der Alte damals nicht gekümmert. Für Zündstoff sorgt auch, dass Jonas nicht beim Zaunbau der Bürgerwehr mithelfen will. Er ist sozusagen Totalverweigerer. Aktiv wird er nur nachts, da streift er am Fluss entlang.

Einmal kommt ein Mann aus dem Wasser gekrochen, der Jonas von seinem kranken Sohn auf der anderen Seite erzählt. Die Fähre könnte den Sohn auf diese Seite des Flusses bringen, wo die medizinische Versorgung noch nicht zusammengebrochen ist (was freilich an der Realitätsnähe dieser Zukunftsvision zweifeln lässt).

Die Hilfe, die Jonas dem Mann nach einigem Zögern verspricht, untergräbt im Grunde das gesamte Zaunbauprojekt. Seine Entscheidung, gegen die Interessen einer Gemeinschaft zu handeln, die ihn aufgenommen hat, führt dann auch zu einem großen Unglück.

Für mich besteht das Interessante des Films darin, dass er einen Menschen zeigt, der zunächst reflexartig eine militarisierte Welt ablehnt, die Opfer verlangt. Das entspricht sicher der Grundeinstellung vieler Zuschauer, macht den Helden jedoch nicht automatisch sympathisch, was zweifellos beabsichtigt ist.

Faszinierend wirkt die Entwicklung der Hauptfigur von einem durch und durch gutmütigen und pflichtbewussten Ersatzvater hin zu einem Charakter, der in Situationen, die ihn überfordern, nicht vor Lüge, Gewalt und Verrat zurückschreckt. Er ist also schon verroht und verdorben, bevor der Krieg überhaupt anfängt. Man könnte sagen: voll tauglich.

Übrigens drehte auch der von mir wegen seines ausgeprägten Realitätssinns sehr geschätzte Regisseur Ulrich Köhler seinen ersten Langfilm »Bungalow« über einen desertierten Rekruten der Bundeswehr. Die Aufnahmen fanden 2001 statt. Fahnenflucht war damals kaum mehr als Schulschwänzen.

In beiden Debütfilmen haben die Hauptfiguren eine ähnliche Charakterstruktur; Ehrgeiz gehört nicht unbedingt zu ihren Stärken, genausowenig wie der Umgang mit der Panzerfaust. Dennoch könnten beide Geschichten nicht unterschiedlicher enden: einmal unbekümmert offen, einmal tragisch. Kennt man beide Filme und fragt sich, welcher Schluss mit Hinblick auf die nähere Zukunft das realistischere Szenario darbietet, fällt die Antwort erschütternd eindeutig aus.

→ »Morgen war Krieg«, Regie: Nicolas Ehret, BRD 2026, 119 Min., bereits angelaufen

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Erschienen in der Ausgabe vom 25.09.2026, Seite 10, Feuilleton

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