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Politisches Buch

Das grundlegende Muster

Der neue Faschismus: Eva von Redeckers Buch »Dieser Drang nach Härte«

Foto: evredecker.net
Eva von Redecker denkt in der Schrift

Eva von Redeckers »Dieser Drang nach Härte« widmet sich autoritären Tendenzen und dem Aufstieg rechter Kräfte. Das gebe es »nicht nur im ländlichen Ostdeutschland«, wie die Philosophin, die selbst in Brandenburg lebt, gleich zu Beginn betont. Etliche rechte Regierungen in Europa, aber auch in Indien, Argentinien, Israel, der Türkei und freilich den USA zeigten, dass es weltweit in Demokratien eine »Sehnsucht nach einer Politik der harten Hand und einem möglichst homogenen Volkskörper« gebe.

Von Redecker begibt sich auf die Suche nach einem Faschismusbegriff für die Gegenwart. Für den reiche es nicht aus, nach einzelnen Entsprechungen zu suchen, denn die ließen sich schnell finden. Und die Schoah könne keinesfalls als Kriterium herangezogen werden. »Das ist nicht das Muster. Das ist der horrende Extremfall. Wo man mit dem argumentieren muss, hat man längst den Boden unter den Füßen verloren. Wir brauchen einen Begriff des Faschismus, der nicht vom ultimativen Schrecken ausgeht, sondern die Politikform erfasst, die diesen ermöglichte«.

Unter anderem geht sie auf Faschismusdefinitionen des Schriftstellers Umberto Eco, des Historikers Robert Paxton und des marxistischen Kulturtheoretikers Alberto Toscano ein. Wichtiger sind für Redecker aber die Analysen der Kritischen Theorie, Ernst Bloch und Hannah Arendt nicht zu vergessen.

Das zentrale Konzept ihrer Analyse nennt sie Phantombesitz. Was »Quasieigentum« bedeutet, eingebildete Besitzansprüche auf ideologische Objekte, die als bedroht wahrgenommen werden und daher gegen andere verteidigt werden müssen. Das kann vieles sein: Familie, Nation, Verbrennungsmotoren, die deutsche Sprache, Frauen. »(J)e gegenstandsloser der Anspruch ist, desto wilder und wahlloser führt sich der Wille auf, um seine Eigentümerschaft zu simulieren.« Er richtet sich dann gegen die, die den Eigentumstitel in Frage stellen. Dabei handelt es sich in der Regel um abstrakte Idealtypen, denen mehr Macht zugesprochen wird, als sie tatsächlich haben: sogenannte Arbeitsscheue, Migranten, Queers, Feministinnen, Ökos, Antifas, Juden. Die Phantombesitzer (meist männlich) verteidigen ihr Quasieigentum in gefühlter Notwehr und sehen sich selbst als Opfer, als Beraubte. Die anderen werden als Diebe imaginiert, was im Verschwörungsnarrativ von den gestohlenen Wahlen (»Stolen elections«) in den USA besonders deutlich hervortritt. Weil man in Notwehr handelt, ist alles erlaubt: »Wer plündert, wird erschossen.« Faschismus ist, so eine abstrakte Definition, die »liquidierende Phantombesitzverteidigung. Er hat ein Objekt – den Phantombesitz, der geschützt werden soll – und ein Abjekt – das Phantasma, das ausgelöscht werden muss.«

Die Kombination aus Sozialphilosophie und -psychologie wirft auch Schlaglichter auf konkrete Phänomene. Der titelgebende Drang nach Härte sei vor allem individuell, als Souveränitätsanmaßung und Notwehrphantasie, als »Hasskommentar oder Brandanschlag«. Er betrifft aber auch staatliche Institutionen, etwa, um Asylrecht und Freizügigkeit abzuschaffen. Erfrischend klar stellt von Redecker das extrem rechte Vernetzungstreffen in Potsdam 2023 neben Innenminister Alexander Dobrindts Zugspitzgipfel 2025. Mit Toscano spricht sie von »Grenzfaschismus«.

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Und wer vom Kapitalismus nicht reden will, soll auch vom Faschismus schweigen. Horkheimers berühmtem Diktum folgend, erkennt von Redecker die Konkurrenzgesellschaft des Kapitalismus und die Naturalisierung von Märkten und deren Gewalt als günstige Entstehungsbedingungen für Faschismus. Der Neoliberalismus habe zudem durch Schuldenökonomie, Extraktivismus und Vermüllung die Zukunft selbst angegriffen.

Im weiteren entwickelt die Autorin eine abstrakte philosophische Perspektive, die den Kapitalismus durch zwei Schnitte beziehungsweise Rechtsansprüche charakterisiert – ein »Recht auf Missbrauch (Ius abutendi)« und ein »Recht auf Veräußerung (Ius alienandi)«. Der Phantombesitz entsteht als ideologisches Pendant, das manche zu Quasieigentümern macht und für ihr nicht selten besitzloses und beherrschtes Dasein im Kapitalismus kompensiert.

Die Autorin nähert sich dem neuen Faschismus aus verschiedenen Richtungen und zeichnet Elemente eines Phantombesitzdenkens in kolonialem Rassismus und gesellschaftlichen Naturverhältnissen nach. Auch Big Tech und den Endzeitobsessionen von deren Protagonisten, sogenannter künstlicher Intelligenz und von ihr generierter »Plastiksprache« widmet sie ein eigenes Kapitel. Mit dem Kulturkritiker Gareth Watkins macht sie darauf aufmerksam, dass KI-generierte Bilder »stolz die Überflüssigkeit von Menschen« zelebrieren. Dieser »Idee der Ersetzbarkeit« gelte es sich entgegenzustellen.

Faschismus wird durch die Betonung der ökologischen Dimension sehr weit gefasst, aber in der Argumentation des Buches schlüssig und on point formuliert. So liege »der faschistische Kern fortgesetzter fossiler und biodiversitätsfeindlicher Wirtschaft darin, (…) den Anspruch aus[zuagieren], Leben und Lebensgrundlagen zerstören zu dürfen«.

Von Redecker formuliert sehr literarisch, was die Lektüre angenehm macht. Die sprachlichen Bilder tragen aber nicht immer zum besseren Verständnis bei und werden teilweise überstrapaziert: Oktopus, Spiegelkabinett, »Krasskacke«.

Postitiv fällt auf, dass sie sich nicht scheut, Gegenstrategien zu empfehlen: auf Sinn und der Möglichkeit von Verständigung bestehen. Dagegenhalten, wenn gegen phantasmatische Feinde mobilisiert wird, am Ende »auch wirklich mit dem Körper«. Zudem gelte es, für öffentlichen Luxus einzutreten und für eine »Arbeit, die auf die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse zielt und sich zugleich der ökologischern Regeneration annimmt«. Erstmal müssten wir aber aus dem Staunen über Einzelfälle herauskommen und das grundlegende Muster dahinter erkennen. Bücher wie dieses können dabei helfen.

→ Eva von Redecker: Dieser Drang nach Härte. Über den neuen Faschismus. S.-Fischer-Verlag, Frankfurt am Main 2026, 269 Seiten, 24 Euro

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Erschienen in der Ausgabe vom 27.05.2026, Seite 10, Feuilleton

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