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Film

Im Namen der Wahrheit

Das siebte »Better World Film Festival« im Kino Babylon in Berlin-Mitte. Unter den Preisträgern dort: »Träume und andere Realitäten – 30 Jahre junge Welt«

Foto: Louis Matthey
Da lacht der Postmodernist: Die Zeitung im Bild aus dem Film über die Zeitung, die Sie gerade lesen

Am Anfang war das liebe Geld. Als der Filmemacher Detlev Neufert vor sieben Jahren seinen Dokumentarfilm »B. B. und die Schule am Fluss« bei den Filmfestspielen in Cannes einreichte, musste er dafür eine Gebühr von knapp 700 Euro berappen. Im Ablehnungsschreiben wurde ihm mitgeteilt, dass die fünfköpfige Jury alle 5.700 Beiträge, natürlich auch seinen, sorgfältig geprüft habe usw.

Die Schlussfolgerung, die Neufert daraus zog, lautete: »Da mache ich mein eigenes Festival.«

Nun schon zum siebenten Mal findet das »Better World Film Festival« statt.

Die erste Verbesserung der Welt, die das Festival mit sich brachte, war die, dass die Filmschaffenden kein Geld zahlen müssen, wenn sie ihre Werke einreichen, was bis heute so geblieben ist. Geld muss nur ausgeben, wer Mitglied der Jury werden will; 30 Euro, »dass es nicht völlig offen wird«.

Seinen Anfang nahm das Projekt in der westdeutschen Provinz. »Eine Freundin von mir hatte in Murnau ein Zelt.« Neufert als gestandener Filmemacher konnte das nur als Regieanweisung des Schicksals begreifen. Dann wurde Murnau zu klein. Eine »bigger world« musste her: München. Eigentlich die ideale Stadt. Nur leider nicht das ideale Publikum.

In unserem Gespräch bezeichnet Detlev Neufert die Münchner als »Blasenpublikum«. Jeder lebt dort in seiner speziellen Blase: Mode­blase, Schickimickiblase, 60er-Blase, Wiesnblase …

Das Berliner Publikum erlebt Neufert als offener für experimentelles Filmen. Was nicht bedeuten muss, dass es zukünftig bei Berlin bleiben wird. Zur Besänftigung des tollen Berliner Publikums sei jedoch gesagt: Wenn es nicht mehr Berlin sein wird, dann wird es ein globales Festival sein, mehrere Städte auf verschiedenen Kontinenten.

Was sich unabhängig von möglichen zukünftigen Locations nicht ändern wird, ist das prinzipielle Konzept: Die Filme sind die Stars, und zugelassen werden nur die, die nicht langweilig sind.

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Was ebenfalls bleiben wird, ist das alljährliche dynamische Entstehen eines Festivalthemas. Das heißt, es schält sich immer erst bei der Sichtung der eingereichten Beiträge allmählich heraus. In der Vergangenheit hießen diese Themen unter anderem Vertrauen, Hingabe und – last, not least – Wahrheit.

Deshalb möchte ich an dieser Stelle ganz ehrlich sein: Trotz aller ­Begeisterung für das »Better World Film Festival« würde es diesen Artikel ganz bestimmt nicht geben, wenn in diesem Jahr nicht ein ganz besonderer Film unter den Preisträgern wäre: »Träume und andere Realitäten – 30 Jahre junge Welt«.

Über unseren Film hat mir Neufert am Telefon gesagt: »Wenn er nur eine Eigenwerbung Ihrer Zeitung gewesen wäre, hätte er bei unserer Jury keine Chance gehabt.« Was Neufert an dem Film besonders gefiel, ist, dass er klarmacht, »welche Kämpfe Journalisten heutzutage ausfechten müssen, wenn sie sich gegen den Mainstream stellen«.

Jetzt darf jeder unserer scharfsinnigen Leser einmal kurz die Augen schließen und sich fragen, was wohl dieses Jahr das Thema des Festivals ist, wenn eine dokumentarische Innenansicht unseres Blattes einen Preis bekommt.

Augen wieder auf! Das diesjährige Thema heißt Widerstand.

Widerstand ist es, wenn wie in »Beach inna Bondage« von Emiel Martens und Elsie Vermeer Menschen auf Jamaika aktiv werden, um zu verhindern, dass der Strand, den Bob Marley berühmt gemacht hat, mit Bettenburgen zugestellt wird. Und auch wenn ein professioneller Koch in einem palästinensischen Lager im Gazastreifen Tag für Tag eine große Linsensuppe zubereitet und verteilt, wie in »Palestine Lentils« von Hamdi Khalil Elhusseini und Samar Taher Lulu, erkennt Detlev Neufert darin Widerstand.

»Gegen die Vertreibung?« frage ich.

»Ja.«

Die Grundstruktur der prämierten Filme, die ganz unterschiedlicher Länge sind, ist immer dieselbe: Es geht um Menschen, die sich entschlossen haben, etwas Positives zu bewirken.

Da mich Detlev Neufert sehr darum gebeten hat, möchte ich noch erwähnen, dass traditionell vor jedem Film der Song »One Day« gespielt wird. Es geht darin um Myanmar und auch um Glaube, Hoffnung und Widerstand. Neufert hat mir noch viel mehr erzählt, aber das habe ich vergessen.

Wissen wollte ich am Ende unseres Gesprächs vor allem, ob es stimmt, was man auf Wikipedia liest, nämlich, dass er ein Video zu »Der Traum ist aus« von Ton Steine Scherben gedreht hat.

»Ja, das stimmt zwar soweit, allerdings wurde während einer meiner längeren Abwesenheiten meine Berliner Wohnung zwangsgeräumt. Seitdem sind viele Aufnahmen unauffindbar.«

»Der Traum ist also verschwunden?«

»Ja. Aber das ist nicht so schlimm. Hauptsache, er ist nicht in einer Mülltonne gelandet.«

→ »Better World Film Festival«: Kino Babylon, 10119 Berlin-Mitte, 16. bis 18. Oktober

→ Preisverleihung und Filmvorführung »Träume und andere Realitäten« (u. a.), Kino Babylon, Rosa-Luxemburg-Str. 30, Berlin, Fr. 16.10., 20 Uhr
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Erschienen in der Ausgabe vom 14.10.2026, Seite 10, Feuilleton

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