Man glaubt ihr jedes Wort
Von Christian Meyer
So poppig klang Kim Gordon noch nie, der Titel- und erste Song auf dem neuen Album »Play Me« ist fast schon HipHop. Dazu ein Videoclip im Stil von Überwachungsfootage eines Einkaufszentrums: Ein Kind fällt hin, Leute sind im Begriff, sich zu prügeln, ein Paar umarmt sich auf der Rolltreppe, als Leuchtreklame entlang der Galerien läuft der Text. Gordon in kurzem weißen Kostüm, Stiefeletten mit Absatz und Sonnenbrille, bewegt sich dazwischen und sprechsingt – maximal cool wie eh und je.
Die Lyrics von »Play Me« sind eine Aufzählung von Namen von Spotify-Playlisten: »Rich popular girl / Villain mode / Jazz in the background / Chillin’ after work / After-school club / Ready for spring / Afternoon / All the feels, chill vibes, feel free / Play me, play me / Hey, come on, feel free.«
Wie etliche andere Künstlerinnen und Künstler hat Gordon für Spotify, deren Geschäftsmodell, die typische Ausbeutung und die warenförmigen Stimmungsangebote dort kein gutes Wort übrig. Die kompliziert problematische Rolle von Technologie in der Gesellschaft ist auch sonst auf dem Album präsent: »Boss, hey boss (…) I like it, talk dirty tech to me« (»Dirty Tech«). »Play Me« ist ein politisches Album, das KI, Kulturverflachung, den Abbau demokratischer Strukturen und den absurden Alltag des Spätkapitalismus jenseits von Parolen thematisiert.
Am Ende des Albums gibt es mit »Bye Bye 25!« quasi eine Fortsetzung von »Bye Bye«, dem Opener des letzten Albums »The Collective«. Das neue Stück ist eine Art Buzzword-Bingo rechter Kulturkämpfer und ruft schmerzlich in Erinnerung, was unter Trumps zweiter Administration existentiell bedroht ist. Dabei arbeitet Gordon mit Assoziationen und Brüchen: »Mental health / Electric vehicle / Gulf of Mexico / Energy conversion / Gay / Bird flu / Advocate / Pregnant person / Immigrants / Intersex / Victim / Male dominated / Care.«
»Je besser die Stimme eines Sängers ist, desto schwerer fällt es, ihm zu glauben, was er sagt«, wie es Talking-Heads-Frontmann David Byrne mal ausgedrückt hat. Gordon glauben wir jedes Wort, und sie wusste immer, dass sie nach konventionellen Maßstäben keine gute Sängerin ist. »Ich war sogar richtig schlecht. Aber für Punkrock spielte das keine Rolle«, sagt Gordon in der Bandbiographie »Goodbye 20th Century: Die Geschichte von Sonic Youth« von David Brown. Heute sind Gordons Vocals nicht mehr nur rauchig und verrucht, sondern fragil. Ihre Stimme zittert, wenn sie das Tempo runternimmt, das kennt man bereits aus Interviews, in denen sie in der Regel überlegt antwortet. Teilweise sind die Vocals auch stark mit Effekten belegt, was an mindestens einer Stelle ins Ironische kippt. Insgesamt klingt Gordon immer noch jung, jedenfalls nicht wie 72.
Kim Althea Gordon, Noise-Rock- und Postpunk-Legende, Bassistin, Gitarristin, bildende Künstlerin, Stilikone, Autorin (»Is It My Body?«, »Girl in a Band«), Ex-Free Kitten, Ex-Sonic Youth sowie Exfrau und Exbandkollegin von Thurston Moore, Mutter, Feministin und Schauspielerin, ist einer der größten, blieb aber immer deutlich unterhalb des Superstarstatus und jenseits des Mainstream – auch wenn das letzte Album »The Collective« 2024 für zwei Grammys nominiert war.
Nach Jahrzehnten in New York, wo sie und der Ostküstenunderground sich wechselseitig prägten, zog sie 2016 nach Los Angeles zurück, wo sie einen Großteil ihrer Kindheit und Jugend verbracht hatte.
Gordon interessierte sich stets für Collagentechnik, und so kehrt sie auch mit den Texten ihrer jüngeren Alben gewissermaßen zu ihrer Zeit am Otis Art Institute of Los Angeles zurück, wo sie mit Sampling und Textcollagen arbeitete. Bei ersten musikalischen Gehversuchen in New York behielt sie diese Techniken bei und bastelte Lyrics aus den Texten der Frauenzeitschrift Cosmopolitan und darin veröffentlichten Anzeigen. Auch damals kamen bereits Drum Machines zum Einsatz, Gordon war Rhythmus immer wichtiger als Melodie. Zur Veröffentlichung von »The Collective« sagte sie, dass sie schon immer eine Platte mit Beats machen wollte, nur eben kein konventionelles HipHop-Album. Eine Rezeptur scheint seither gefunden: Drum Machine und Sprechgesang sind auch auf »Play Me« die Hauptzutaten des Albums, was teilweise an das Soundkonzept der Sleaford Mods erinnert. Synthesizer, Samples und selbstverständlich verzerrte Gitarren kommen dazu, meist bleibt es bei noisigen Akzenten, Soundgewitter bleiben aus.
»Play Me« besteht aus sehr kurzen Tracks und ist in dieser Hinsicht durchaus punkig. Nach einer halben Stunde sind die zwölf Songs des Albums zu Ende. Die Songtempi variieren wie die Stimmungen, so kann die Aufzählung der Playlist-Titel auch als augenzwinkernder Hinweis auf die Songs gelesen werden. Dennoch ist das Album kohärent. Wie bei den letzten Soloalben hat Gordon mit Musiker und Produzent Justin Raisen zusammengearbeitet. Raisen alias Sadpony hat bereits mit Charli XCX, John Cale, Yeah Yeah Yeahs oder Santigold kollaboriert. »Play Me« ist das bisher zugänglichste Album von Kim Gordon. Vielleicht ist es ihr bestes.
Kim Gordon: »Play Me« (Matador)
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