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Kino

Weichgewaschen

Ein Film, der entspannt: Andreas Dresens »Alte Liebe«

Foto: Pandora Film
Haben sich lieb: Lore (Dagmar Manzel) und Harry (Joachim Król)

Als ich nach der Pressevorführung von »Alte Liebe« (Regie: Andreas Dresen) von einer Mitarbeiterin der betreuenden Agentur um eine kurze Einschätzung gebeten wurde, habe ich in aller Ehrlichkeit geantwortet: »Mir hat die Stille gefallen.« – »Sonst noch irgend etwas?« – »Nö, der Film will ja auch nichts.«

In der Tat widmet er sich im Grunde nur zwei Fragen: Werden Lore (Dagmar Manzel) und Harry (Joachim Król) nach 40 Jahren Ehe vielleicht doch mal wieder Sex miteinander haben? Und wie sollen sie außerdem die anstehende, nun schon dritte Hochzeit ihrer Tochter überstehen?

Der Film erzählt ausschließlich aus der Perspektive von Harry und Lore und ist überaus simpel strukturiert: vier Kapitel, vier Jahreszeiten.

Im Frühling bekommt das alte Ehepaar die Einladung zu der pompösen Trauung per Post zugestellt; es ist die gleiche Klappkarte, die all die anderen 2.000 Gäste wohl auch bekommen. Im Sommer besucht die beiden ihre nach Ballerspielen süchtige Enkeltochter, zu der der Opa dann doch noch irgendwie einen Draht findet. Und im Herbst schließlich geht die Protzhochzeit über die Bühne, bei der sich zwar nicht so sehr Braut und Bräutigam näherkommen, dafür aber Lore und Harry: Kaum dass sie zurückgekehrt sind in ihr geschmackvoll eingerichtetes Eigenheim (lauter Bücher, denn Lore ist Bibliothekarin) mit dem phantastischen Garten (lauter Rittersporn, denn Harry ist Rentner), verschwinden sie erst in die Wanne und dann in die Federn. Danach kann dann als letztes Kapitel leider nur noch der Winter kommen.

»Alte Liebe« ist trotz seiner Eintönigkeit nicht langweilig. Es ist ein Film, der entspannt.

Aufgeregt habe ich mich erst, als ich die von Elke Heidenreich und Bernd Schroeder bereits im Jahr 2009 erschienene Romanvorlage gelesen habe; Andreas Dresen ist schließlich nicht irgendwer, und wenn er ein Buch verfilmt, ziehe ich mir das Ding rein.

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Der erste Unterschied, der auffällt, ist der Name der Tochter von Lore und Harry. Im Roman heißt sie Gloria, ein Vorname der Art, die der verehrte Marcel Reich-Ranicki als »apart« zu bezeichnen pflegte.

Da die Tochter im Roman bis auf die ins Haus stehende Millionenhochzeit in ihren 36 Lebensjahren absolut nichts gebacken bekommen hat, ist es freilich der reinste Zynismus des Autorengespanns Heidenreich/Schroeder, sie Gloria zu nennen. Dresen hat denn auch Julia daraus gemacht.

Besonders weichgewaschen wird bei ihm Julias zukünftiger Schwiegervater, ein Bauunternehmer, dem das Herz blutet, weil er infolge wirtschaftlicher Turbulenzen 400 Leute auf die Straße setzen muss.

Im Buch ist der Typ von ganz anderem Kaliber. Zwar auch Bauunternehmer, aber einer, der regelmäßig zur Großwildjagd nach Namibia fliegt. Nachdem Harry mit ihm im Herrensalon eine Zigarre geraucht hat, berichtet er Lore von dem Gespräch: »Ab und zu schießt er eine trächtige Antilope, sagt er. Den Embryo bekommen die Neger. Die fressen da zwei Wochen dran, sagt er.« (Das Zitat habe ich der Taschenbuchausgabe von 2026 entnommen.)

Ich behaupte: Ein Mann wie Andreas Dresen hätte den Stoff auch entsprechend seinen eigenen künstlerischen Vorstellungen umsetzen können, ohne ihn so radikal politisch zu glätten. Bezeichnenderweise hat er unlängst in einem Interview gesagt: »Wenn man denkt, man ist zu feige zum widerständigen Handeln, dann tut man es eben auch nicht. Insofern war das systemerhaltend im Osten.«

Ob Ost oder West scheint für ihn noch immer der entscheidende Unterschied zu sein, wenn es um Aufrichtigkeit und einen Rest von Courage geht.

Im Roman scheren Harry und Lore vorzeitig aus der Hochzeitsgesellschaft aus. Im Roman sind die beiden aber auch alte Pötter, leben irgendwo in der Nähe von Wuppertal.

Bei Dresen freundet sich Harry mit dem stinkreichen Schwiegervater seiner Tochter an. Freilich sind Lore und Harry da auch keine alten 68er aus dem Westen, sondern entstammen der subkulturellen Szene Ostberlins, also Prenzlbergs.

Eine mittlerweile verstorbene frühere Liebe hat in ihrem ersten Lyrikband an Harry den Satz adressiert: »Wer nicht abspringt, lernt nicht fliegen.« Diese Worte finden sich nicht im Roman. Sie passen auch besser zum Film.

→ »Alte Liebe«, Regie: Andreas Dresen, Deutschland 2026, 110 Min., bereits angelaufen

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Erschienen in der Ausgabe vom 10.10.2026, Seite 10, Feuilleton

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