Ab ins Kloster
Immer wieder sonntags: »Glaube« von Alauda Ruiz de Azúa
Ich glaube, hätte man sie gefragt, dann hätte die spanische Regisseurin Alauda Ruiz de Azúa dem deutschen Filmtitel nicht zugestimmt. »Los Domingos« hat sie ihr jüngstes Werk genannt – zu Deutsch »sonntags«, der Tag der Familie also. Das ist im katholischen Baskenland zwar auch der Tag des gemeinsamen Kirchgangs, doch der hat selbst dort mit dem Glauben in der Regel eher wenig zu tun. Zumindest nicht im Film. Eine Ausnahme bildet die 17 Jahre alte Ainara (Blanca Soroa), die Heldin. Dennoch ist der deutsche Titel »Glaube« irreführend. Denn hier geht es nicht um Spiritualität. Auch nicht um Scheinheiligkeit, obwohl beides gelegentlich aufeinandertrifft. Die wirklichen Konflikte sind ganz andere.
Ainara will ins Kloster gehen. Ihr Vater ist dagegen: »Warum willst du dich mit alten Frauen einschließen lassen?« Ainara wendet sich an ihre Tante, die Schwester des Vaters, denn eine Mutter gibt es nicht. Vermutlich hat sie sich umgebracht. In Gesprächen innerhalb der Familie wird angedeutet, dass sie psychische Probleme hatte.
Bei ihrem Spielfilmdebüt »Lullaby« (2022) ließ sich die Regisseurin von ihrer eigenen Mutterschaft inspirieren, besonders von den Veränderungen im Verhältnis zu ihren Eltern, ohne dass es dadurch ein autobiographischer Film geworden wäre. Die schon damals beachtliche Wirkung erklärte die Filmemacherin damit, dass sie den Zuschauer immer zum unsichtbaren Zeugen machen würde, dem sie gerade soviel Distanz zum Geschehen gewährt, dass er sich nicht unbehaglich fühlt.
In »Glaube« wird dieser »Mindestabstand« gewissermaßen automatisch hergestellt durch den für uns kaum verständlichen sehnlichsten Wunsch unserer Heldin, mit der wir uns ansonsten mühelos identifizieren können.
Ainara wächst in einer bürgerlichen Welt auf, die allmählich ins Rutschen gerät. Der Vater betreibt ein Restaurant im höheren Preissegment. Für die Umgestaltung des Lokals nimmt er einen Kredit über 300.000 Euro auf. Als Sicherheit dient die Eigentumswohnung seiner Mutter. Mit dem Umsatzplus wird er das Geld locker zurückzahlen können, glaubt er. Als er erfährt, dass es ihn keinen Cent kosten wird, falls seine Tochter in ein Kloster eintritt, findet er, dass sie alt genug ist, um selbst zu entscheiden. Seine Schwester sieht das, als sie erkennt, dass Ainara dann für immer verloren sein wird, völlig anders.
Ainaras Tante ist der stärkste Charakter, und damit auch der einzige, der überhaupt eine Chance hat, sie davon zu überzeugen, »dass das nicht der richtige Weg ist« – so formuliert es jedenfalls die Regisseurin in aller Deutlichkeit. Aber wenn sie so wenig vom Klosterleben hält, warum hat sie diesen Film dann überhaupt gedreht? Ihre Antwort lautet: »Das Thema religiöser Berufung in so frühem Alter hat schon immer meine Neugierde geweckt.«
»Glaube« ist ein wunderbar dialoglastiger Film; sämtliche Konflikte werden ausschließlich auf verbaler Ebene ausgetragen. Im Grunde wird fast ständig geredet, außer wenn Ainara mit den Nonnen die Mahlzeiten einnimmt oder die Chorproben an ihrer Schule besucht, einem katholischen Gymnasium.
Ihre argumentative Kraft schöpfen die Dialoge aus der klugen Frage, die die Regisseurin dem Film zugrunde gelegt hat: »Was würden wir als Freunde oder Familie in dieser Situation tun?« Jeder in ihrem Team musste entsprechend seiner »religiösen Sensibilität« Argumente finden und Ideen entwickeln, um das anscheinend Unabwendbare doch noch abzuwenden, was sich in der spirituellen Abstufung der Charaktere widerspiegelt und auch in der großen Echtheit jeder einzelnen Figur.
Zu dieser Authentizität gehört freilich auch, dass Ainara ihren Kopf durchsetzt, was hier ruhig verraten werden darf, da es ohnehin von Beginn an feststeht. Aber ist das auch ein glückliches Ende? Ich glaube schon. Ainara ist im Grunde ein ganz normaler Teenager. Einer, der ständig die Ratschläge selbst der Familienmitglieder, die sie wirklich lieben, in den Wind schlägt. Also, wenn Sie mich fragen: Da hilft nur das Kloster.
→ »Glaube«, Regie: Alauda Ruiz de Azúa, Spanien/Frankreich 2025, 117 Min., Kinostart: heute
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