Alles wird gut
Bisschen viel, bisschen kitschig: Das Ambient-Album »Quiet Storm« von Space Afrika
In der Musik von Space Afrika ist es Nacht. Sie verströmt eine urbane Stimmung zwischen Ambient, Dubstep und moderner Klassik. Dahinter steckt das in Manchester und Berlin wohnhafte Duo Joshua Tarelle Reid und Joshua Inyang. Ihr jüngstes Album »Quiet Storm« beginnt mit einer Irritation: Der Track »Vanity« weckt mit wortlosem Operngesang von Axelle Fanyo Assoziationen, man muss an Yma Sumac und »Voice of the Xtabay« denken.
Mit »Quiet Storm« betreten Space Afrika neues Terrain. Einflüsse basslastiger Ravekultur und deren Nachwehen in Burials Night Bus sind noch vorhanden, aber längst nicht mehr so dominant. Der Track »H00D Ambient« hätte wohl auf ihrem Album »Honest Labour« erscheinen können, mit dem das Duo 2021 einem größeren Publikum bekannt wurde und fortan für recht düsteren Ambient stand.
Auf »Quiet Storm« geht es verstärkt um klassische Komposition: String-Arrangements statt Field Recordings und Found Sounds. Die Soundfragmente kommen aus den Untiefen unerschöpflicher Internetquellen. Ein Großteil der dreizehn Tracks featured Künstlerinnen und Künstler – Cello, Geige, Gitarre, Schlagzeug, Vocals. Mitgewirkt haben unter anderem Axelle Fanyo, Alto Aria, Klein, RXKNephew, Tony Njoku, Kiala Ogawa, Kelly Moran. »Quiet Storm« – der Titel geht zurück auf den Konzeptkünstler Glenn Ligon, der beim Anhören an ein 70er-Jahre-Late-Night-Radioprogramm denken musste.
Joshua Tarelle Reid und Joshua Inyang haben die Platte in Eigenregie produziert und selbst finanziert. »Es ist Musik, die eine gewisse Rohheit in sich trägt, aber wir haben das in einer eher modern-klassischen Struktur umgesetzt«, sagt Inyang. Von der Rohheit hört man nicht viel – zu viele Streicher.
»If This is Hell« mit Performancekünstlerin Deuén ist toll. »I hate time, it makes me so self-obsessed / Or capitalism, I hate the way I feel designed to be greedy«, monologisiert sie gleichermaßen getrieben, genervt und abgeklärt über fünf Minuten, schnieft und atmet, während ein Breakbeat zuckelt und Samplefetzen an Einstürzende Neubauten erinnern.
Beide Joshuas haben kirchlichen Background. Joshua Tarelle Reid ist Enkel eines Diakons, Joshua Inyang der älteste Sohn eines Pfarrers aus Manchester. In dessen Pfingstgemeinde schnitt er als Jugendlicher Gottesdienste mit, später wurden die Aufnahmen als Kassetten verteilt.
Weiß man von ihren christlichen Hintergründen, hört man sie prompt. Ambient-Spezialist und Produzent Brian Eno sagte einmal, Gospelmusik fasziniere ihn als Atheist, da sie die grundlegende Botschaft verbreite: »Alles wird gut.« Das bedeute mitunter, Vertrauen zu haben in Menschen, die bei einem sind.
»Quiet Storm« ist in enger Zusammenarbeit mit anderen entstanden, ein echtes Kollaborationsprojekt. Erlösungsmusik, in der es um zwischenmenschliche Beziehungen und innere Konflikte geht. »Validation« dreht sich um Bestätigung und Anerkennung, Vokalistin Any singt aus radikaler Ich-Perspektive über ein gezupftes Motiv und eine Soundcollage. Ein psychologisches, mithin sozialpsychologisches Thema, im Kontext aktueller Faschisierung möglicherweise nicht unbedeutend. Oder ist es doch einfach Wellness-Ambient?
Der Youtube-Kanal des Duos gibt eine Losung aus: »Make it mean something.« Nun ja: »Quiet Storm« pendelt unentschieden zwischen assoziativem Ambient-Mixtape, Filmmusik und schwer zu ertragendem Theatralpop. Weniger wäre mehr gewesen.
→ Space Afrika: »Quiet Storm« (DAIS)
→ Am 22. Oktober sind Space Afrika an der Volksbühne Berlin live zu erleben.
Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Durchschnittliche Bewertung: 0,0
Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Berufung möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.
Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!
