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HipHop

Mund offen

Jetzt hat auch der klügste deutsche Rapper seine Serie – und eine neue EP draußen. Stand der Dinge bei OG Keemo und Funkvater Frank

Foto: ZDF/Joel Novelle/Andreas Rusch/The Unicorn
»Sag, wieviel kannst du seh’n, ohne zu seh’n?« – OG Keemo

Als Rapper hat OG Keemo in Deutschland ein paar Alleinstellungsmerkmale: Er rappt sehr gut und vielseitig, bringt den Flavor von der Straße jenseits von Kitsch oder Sozialpädagogik, bisweilen spielt er bewusst mit Stereotypen. »Ich erfüll’ jedes Poser-Cliché / Ich will Patte, Klamotten und große Coupés / Und jegliche Edelmetalle aus dem Periodensystem«, rappt Keemo in »Blind«.

Erschienen ist der Track vor kurzem auf der fünf Tracks starken EP »Berserker +«. Die Beats kommen breitbeinig daher und trauen sich dennoch zu stolpern, der Sound ist oft düster und spielt mit Dissonanzen, was gut zu Keemos Raps passt. Als Vorgeschmack auf ein neues Album wirkt das sehr vielversprechend und schon allein als Format interessanter als die üblichen zwei bis drei einzelnen Tracks, die als »Singles« während der Promophase in die Playlists tröpfeln.

Über den Entstehungsprozess des kommenden Albums hat das ZDF eine vierteilige Dokumentation gedreht. Sie trät den Titel »In Vertigo« und zeigt Karim Joel Martin aka OG Keemo und Dominic »Franky« D’Amato aka Funkvater Frank bei der Arbeit.

Keemos Biographie und seiner ­Familie wird viel Raum gegeben. Geboren 1993 in Mainz, verbrachte er seine frühe Jugend nach der Trennung seiner Eltern in Bayreuth. Dann zieht er zurück in den Südwesten. Prägend für Person und Werk ist vor allem seine Wahlheimat Mannheim, wo er immer noch wohnt, allerdings nicht mehr in der Hochhaussiedlung, sondern in Weinheim, einer beschaulichen Vorstadt.

Seine Mutter stirbt an Krebs, gerade als die Rapkarriere Gestalt annimmt. In einem der ersten Tracks, die für das Label Chimperator erscheinen, klingt das so: »Unterschrieb den Vertrag nen Tag nachdem ich sie begraben hab / Der Start meiner Karriere hat auf ewig einen Nachgeschmack, fuck« (»Vorwort«).

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Karim hat sechs (Halb-)Geschwister. Vor allem seine größte kleine Schwester Iman Rahel und sein Vater werden in der Doku ausführlich gefeatured. Man sieht Keemo boxen, zeichnen, nachdenklich auf der Couch sitzen und mit seinem Sohn Faxen machen.

Sein Verhältnis zu Kriminalität, die in seinen Texten oft eine große Rolle spielt, ist erstaunlich reflektiert. Er traue seinen Hörern zu, dass sie selbst so weit denken und wissen, dass »ich als Vater nicht mehr draußen rumrenne und Leute ausraube«. Das Frauenbild, das er in den Lyrics transportiert, muss hingegen als mindestens schwierig bezeichnet werden, aber er scheint immerhin daran zu arbeiten. Es ist gut, dass das kommende Album nicht, wie in der Doku als Arbeitstitel gezeigt, »1.000 Huren« heißen wird.

Insgesamt hat man es hier mit einem sehr reflektierten Typen zu tun. Der Mann leidet an Depressionen und Panikattacken, und so offen damit umzugehen ist nicht selbstverständlich, auch heute noch nicht und vor allem nicht, wenn man seine Brötchen als »Big black Motherfucker« verdient. Schon auf dem bisher besten und stark autobiographisch geprägten Album »Mann beißt Hund« (2022) zeigte Keemo, dass er weiß, was in einem depressiven Kopf vorgeht: »Depression benebelt mein Verstand / Ich red schon lang nicht vom traurig sein, auch nicht von Angst / Ich meine Traumata und Taubheit, bei der du nicht weinen kannst.«

Funkvater Frank spielt in der Doku eine fast gleichberechtigte Rolle. Für den kreativen Output von OG Keemo ist er so wichtig wie der Mann am Mikro. Er ist Teil des Acts, produziert nicht nur fast sämtliche Beats, sondern arbeitet auch konzeptionell unglaublich viel am Gesamtprodukt mit. Er erscheint in der Doku als manisch-produktiver Gegenpart zu Karim und als loyaler Freund. Er ist vielleicht nicht der größte Empath, aber sie ergänzen sich gut. Als Duo sind sie wie einst Guru und Premier von Gang Starr.

Keemo ist ein toller Texter, der ­seine Stimme als Instrument einsetzt und weiß, wovon er redet. Verletzlich, furchteinflößend und schlau. Inhaltlich ein Allrounder, bedient er Sozialkritik, Introspektion oder Battlerap und sexistische Prahlerei – oft alles innerhalb von zwei Lines. Und dann ist da noch das N-Wort, das der Sohn eines sudanesischen Vaters exzessiver verwendet als alle, die vor ihm auf Deutsch gerappt haben. Sein Kompagnon Franky schüttelt in der Doku den Kopf. Da kann er bei Liveshows ja wieder kaum mitrappen, ohne in die Bredouille zu kommen. Trotz eigenem Stil rappt Keemo schon sehr klassisch. Dazu passen die samplelastigen Produktionen von Funkvater Frank. Nicht umsonst wurde der Rapper x-mal mit Kendrick Lamar verglichen.

Anders als Haftbefehl, dessen Doku vergangenes Jahr hohe Wellen schlug, hat Keemo, soweit wir wissen, keine gravierenden Drogenprobleme und vor allem bessere Leute um sich. Zum Beispiel den Manager Ali Burc, neben Franky und Keemo quasi der dritte Musketier. Zur Albumproduktion geht es für die drei in die Einsamkeit der Eifel. Da gehen sie wandern und wollen fokussiert werkeln. Irgendwie geht aber alles langsamer voran als geplant, vor allem langsamer, als es sich Franky wünscht.

Ganz am Ende der Doku rappt Keemo dann einen Part für »Blind« ein und lässt die Zuschauer mit offenem Mund auf der Couch zurück. »Ich hab’ mein’n Schädel verkehrt herum / Wieviel kannst du sehn, ohne zu sehn? / 26 wird unangenehm.«

Im Herbst soll das Album »Berserker« erscheinen, 2027 steht dann die Tour an. Bis dahin lohnt sich ein Besuch der ZDF-Mediathek.

→ »In Vertigo – OG Keemo und Funkvater Frank«, vier Folgen, ZDF-Mediathek

→ OG Keemo: »Berserker +« (Chimperator Productions)

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Erschienen in der Ausgabe vom 18.07.2026, Seite 10, Feuilleton

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