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Faschismus

Geschichte der Anpassung

Fall Schneider/Schwerte: Angelina Pils liefert neues Material zu dem SS-Hauptsturmführer, der unter anderem Namen in Westdeutschland Rektor wurde

Von Stefan Ripplinger
Foto: Bertram/dpa/picture-alliance
Vom SS-Hauptsturmführer zum Hochschulrektor in der BRD: Hans Ernst Schneider alias Hans Schwerte

Spätestens Mitte 1945 begannen die Funktionseliten des Naziregimes, ihre Fühler auszustrecken. Der erfolgreiche Übergang in das neue System gelang in Westdeutschland einer verblüffend großen Zahl von ihnen. Justiz, Polizei, Geheimdienst, Armee, Ministerien, Schule, Universität, sogar Kultur und Medien der Bundesrepublik waren von alten Nazis durchsetzt. Ein Eintrittsgeld musste hin und wieder entrichtet werden: Etliche durchliefen die Formalitäten der Entnazifizierung, viele sahen sich gezwungen, den Wohnort, manche ihren Beruf zu wechseln. Einige änderten sogar ihre Identität ab.

Angelina Pils widmet sich in ihrer Doktorarbeit einem spektakulären Fall von Identitätsbetrug: Der frühere SS-Hauptsturmführer Hans Ernst Schneider, leitender Mitarbeiter im persönlichen Stab von Heinrich Himmler, wurde nach 1945 zu dem weithin geachteten und vielfach ausgezeichneten Literaturwissenschaftler Hans Schwerte, der ab 1970 das Rektorat der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) Aachen innehatte. Enttarnt wurde er erst 1995, mit 85.

Unter den »U-Booten«, also den Identitätswandlern, gehörte Schneider/Schwerte zu denen, die ihre Lebenslüge besonders lange operabel halten konnten. Der frühere Gauhauptstellenleiter Fritz Rössler gehörte als Franz Richter dem Bundestag an und flog bereits 1952 auf. Werner Heyde veranlasste als Obergutachter die Ermordung von Zehntausenden Menschen mit Behinderung. Unter dem Namen Fritz Sawade praktizierte er als Arzt und nahm sich, kurz bevor er 1964 vor Gericht gestellt werden konnte, das Leben. Claus Peter Volkmann, der als Kreishauptmann in Polen an der Deportation der jüdischen Bevölkerung beteiligt war, schrieb als Peter Grubbe für FAZ und Welt. Obwohl die DDR seit 1968 auf den Fall hingewiesen hatte, wurde auch er erst 1995 öffentlich.

Die Frage ist also weniger, wie es einer bewerkstelligte, in eine neue Identität zu schlüpfen, sondern wie er sich so lange in ihr verbergen konnte. In den Nachkriegswirren an gefälschte Papiere zu kommen, sich für tot erklären zu lassen, die eigene Frau noch einmal zu heiraten, forderte keinen sonderlich hohen Aufwand. Schneider/Schwerte beging dabei auch technische Fehler, gab etwa eine seiner Tanten als seine Mutter an. Er war durchaus ein ungeschickter Camoufleur.

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Nicht nur Frau und Kinder, auch die Weggefährten wussten von dem doppelten Spiel. Und irgendwann wussten es alle. Schon seit den 1970ern ging das Gerücht, dass der Rektor ein alter Nazi ist. Eine Volkskundlerin, die Schneider/Schwerte aus der Nazizeit kannte, verplapperte sich 1985 in kleiner Runde. Zumindest ein Kollege war spätestens seit 1992 im Besitz einer Kopie der Personalakte Schneiders. Ein Dutzend Manager der Universität – der Rektor, der Kanzler, der stellvertretende Kanzler, andere mehr – waren über alles informiert. Doch der Umstand, dass die Institution Intrigen hervorbrachte wie eine Wanderratte Nachwuchs, schützte den Altrektor. Wohl zerriss man sich das Maul, auch schreckte man vor Erpressung nicht zurück, aber niemand wagte sich ins Offene, weil lange unklar blieb, wer auf wessen Seite steht und ob eine Anzeige Nachteile mit sich brächte. So kam es, dass Schneider/Schwerte selbst die Bombe platzen ließ, kurz bevor das niederländische Fernsehmagazin »Brandpunt« das tun konnte. Er habe sich zum Identitätswechsel gezwungen gesehen, weil er ja sonst dazu verdammt gewesen wäre, Würstchenverkäufer oder etwas ähnlich Unwürdiges zu werden.

Der gründlich recherchierte Beitrag von »Brandpunt« aus dem April 1995 weist nach, dass Schneider nicht nur ein eifriger Propagandist des SS-Ahnenerbes, vor allem in den Niederlanden, war. Er ließ auf Bestellung medizinische Gerätschaften aus niederländischen Universitäten plündern und verschickte sie nach Dachau, wo sie bei Experimenten an KZ-Häftlingen Verwendung fanden. Die Probanden wurden in Eiswasser gestoßen oder extremen Druckveränderungen ausgesetzt und starben qualvoll. Doch Beihilfe zum Mord wollte ein deutsches Gericht in Schneiders Kooperation nicht erkennen.

War der Mann einfach nur in zwei Systemen, einem nazistischen und einem liberal-konservativen, ein Rädchen in der ideologischen Reproduktion? Pils argumentiert in diese Richtung. Sie spricht Schneider/Schwerte nicht nur »Gespür für den Zeitgeist« zu, sondern will ihn auch, wie der Spiegel, zu einem »linksliberalen Intellektuellen der Bundesrepublik« hochstilisieren. Wenn er aber ein Intellektueller war, dann jedenfalls kein Selbstdenker. Seine Rede vom »Haus der Sprache«, die Pils immer wieder als seine gedankliche Leistung hervorhebt, vergröbert bloß die bekannte Formel Martin Heideggers von der Sprache als dem »Haus des Seins«. Und linksliberal? Gerade das von Pils gelieferte Material zeigt, dass Schneider sich nur deshalb anders nannte, um derselbe bleiben zu können.

Besonders eindrucksvoll wird das von seinen Gedichten und Tagebüchern belegt, die Pils erstmals auswertet. Den Polen drohte er nach Kriegsende: »Und werden wir selbst ins Schwert euch nicht stoßen, / Wir glühen den Hass unsern Enkeln ein.« Und noch am Ende seines Lebens glaubte er, am Antisemitismus seien (auch) die Juden schuld. In Schneider/Schwertes Habilschrift über »Faust und das Faustische« (1962) will Pils einen Gesinnungswandel erkennen, weil er darin »Ideologie« kritisiert. Doch störte ihn an der Ideologie lediglich ihre »Verzerrung realen nationalen Verhaltens«. »Unendlichkeitsperspektiven, bald imperial drapiert, verstellten das der Nation Zugemessene« – das soll heißen, er will nun alles eine Nummer kleiner und kürzer als im Tausendjährigen Reich, aber anders will er es nicht.

Angelina Pils, die noch etwas vorhat im Leben, wird nicht müde, das System der BRD als »gefestigte Demokratie« zu preisen, zu der auch reformierte Nazis beigetragen hätten. Sie seien sogar »Träger des demokratischen Aufbruchs« gewesen. Die Geschichte von Schneider/Schwerte ist deshalb für sie eine »Geschichte«, wenn nicht eine Erfolgsgeschichte »der Anpassung«. Doch passten sich in Wahrheit weniger die alten Kameraden den neuen Verhältnissen als vielmehr die neuen Verhältnisse den alten Kameraden an. Anders wäre es nicht zu erklären, dass noch heute der deutsche Kanzler keinen nennenswerten Widerstand zu befürchten hat, wenn er mit demagogischen Anspielungen (»Drecksarbeit«, »Stadtbild«) dem Faschismus entgegenregiert.

Angelina Pils: Schneider/Schwerte. Ein westdeutsches Doppelleben 1945–1999. Wallstein-Verlag, Göttingen 2026, 312 Seiten, 32 Euro

Themen:
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Erschienen in der Ausgabe vom 22.05.2026, Seite 11, Feuilleton

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