Selenskij pustet sich auf
Drohungen gegen Russland
Erinnern wir uns kurz: Im Sommer 2014, der Bürgerkrieg im Donbass war in vollem Gange, war eine malaysische Verkehrsmaschine auf dem Weg von Amsterdam nach Kuala Lumpur zur falschen Zeit am falschen Ort. Eine Flugabwehrrakete der Aufständischen traf das Flugzeug mit 298 Menschen an Bord. Abgehörte Funksprüche, die die Ukraine veröffentlichte, zeigten zweierlei: erstens, dass tatsächlich die Rebellen die Maschine abgeschossen hatten, und zweitens, dass sie das selbst als tragischen Fehler einstuften. Wie hatte er geschehen können? Die Ukraine hatte es unterlassen, die internationale Luftfahrt davor zu warnen, den Luftraum über dem Kampfgebiet für Überflüge zu nutzen – und dies, obwohl schon vorher ukrainische Militärmaschinen dort abgeschossen worden waren. Zwei mögliche Gründe gibt es für das ukrainische Verhalten: den Hunger nach Überfluggebühren oder den Wunsch, auf Kosten einer Katastrophe den Konflikt im Donbass zu internationalisieren.
Heute will die Ukraine nicht mehr im Stillen kassieren, sondern Macht demonstrieren. Wolodimir Selenskij impliziert mit seiner Warnung vor Zwischenfällen im russischen Luftraum, dass die ukrainischen Drohnenstreitkräfte diesen beherrschten und er deshalb für nichts garantieren könne. Das erste ist eine ehrgeizige Behauptung, das letztere stimmt auf jeden Fall nicht. Er könnte, wenn er wollte. Anders als ballistische Raketen sind Drohnen steuerbar; es sitzen Menschen am Joystick, die die Drohne jederzeit umleiten können, wenn sie wollen oder dazu angewiesen sind. Mit dem Verweis auf Pech oder Zufall kann sich Selenskij im Falle eines tatsächlichen Zwischenfalls über Russland also nicht herausreden.
Was also bezweckt der ukrainische Präsident mit seiner »Warnung« tatsächlich? Will er Russland der Einnahmen aus den Überfluggebühren internationaler Fluggesellschaften berauben? Vielleicht auch, aber wohl nicht in erster Linie. Europäische und US-Fluglinien meiden den russischen Luftraum im Zuge der Sanktionen schon seit langem, und sie ärgern sich über Wettbewerbsnachteile gegenüber Airlines aus Drittstaaten, die auf dem Weg nach Asien den kürzeren Weg über Russland nehmen und damit Zeit und Kosten sparen. Will er die Russen im eigenen Land einsperren? Sie kommen wegen der westlichen Visasperren ja sowieso nur noch schwierig heraus.
Dass russische Fluggesellschaften ihre Maschinen am Boden halten, dürfte politisch ausgeschlossen sein. Und wenn, dann verlängern sich eben die Reisen durch wegfallende Inlandsflüge. Noch funktioniert die russische Eisenbahn, und viele Besprechungen lassen sich auch in Russland online durchführen. Verbindungen nach Kamtschatka oder in den hohen Norden sind Sonderfälle und verlaufen im übrigen von der Ukraine weit genug entfernt, um solche Drohungen leer aussehen zu lassen. Der berühmte »Spinnweb«-Anschlag auf einen russischen Militärflughafen bei Irkutsk 2025 wurde durch eingeschmuggelte Drohnen auf Sichtweite verübt. Selenskij bläst die Backen auf; irgendwann wird er die Luft auch wieder ablassen müssen. Hoffentlich passiert nicht mehr.
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