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Reichlich Lügen
Ukraine-Krieg: Moskau verheize schonungslos Soldaten, während Kiew auf dem Weg zum Sieg sei. Der Blick auf das Schlachtfeld und ins Innere Russlands offenbart etwas anderes
Wohl kein Konflikt in der Geschichte wurde auf so vielen Lügen aufgebaut und aufrechterhalten wie der in der Ukraine. Alles, was der durchschnittliche westliche Bürger über diesen Konflikt weiß oder zu wissen glaubt, beruht auf Schichten von Lügen und Phantasien. Die offensichtlichen, aber unbequemen Wahrheiten über die Ursprünge dieses Konflikts und seine vom Westen unterstützten Akteure werden ignoriert. Tatsächlich kann man die Frage »Sind wir die Bösen?« aus westlicher Sicht bejahen.
Mythos vom ukrainischen Sieg
Es ist selbstverständlich unbestreitbar, dass Russland Verluste erleidet, doch selten war ein moderner Konflikt so einseitig wie der, der derzeit in der Ukraine tobt. Das heißt nicht, wie es der Westen dargestellt hat, dass Millionen russischen Toten nur dreißig- oder vierzigtausend toten Ukrainern gegenüberstehen. Der westliche Mythos besagt, dass die russische Armee sich nicht um Verluste schere und Menschen einfach als Kanonenfutter opfere, ihre Feinde also unter ihren eigenen Leichen begrabe. Dieses Klischee wird seit Jahrhunderten bedient, um Russen als eine Art unmenschliches oder untermenschliches »anderes« zu dämonisieren.
Die Realität sah selbstverständlich ganz anders aus. Ein Beispiel ist die Schlacht bei Borodino im Jahr 1812. Die unter dem Befehl Napoleons vereinten Armeen Frankreichs und der von Frankreich besetzten europäischen Staaten hatten – je nach Quelle – 40.000 bis 50.000 Tote und Verwundete zu verzeichnen, während die russischen Verluste bei 39.000 bis 45.000 Toten und Verwundeten lagen. Oder im Ersten Weltkrieg die Schlacht in Galizien gegen Österreich-Ungarn, bei der die russische Armee 230.000 Verluste erlitt, gegenüber 400.000 auf österreichischer Seite (darunter 100.000 Kriegsgefangene). Oder der Brussilow-Durchbruch, der 500.000 russische Verluste zur Folge hatte, den Österreichern jedoch 1,5 Millionen Verluste zufügte.
Der Zweite Weltkrieg wurde zum Paradebeispiel für solche Propaganda und kam der Realität im ersten Kriegsjahr in der Ukraine am nächsten, als die Sowjetunion bei dem Versuch, die vereinten Armeen von Hitlers »Neuer Europäischer Ordnung« aufzuhalten, schreckliche Verluste erlitt. Schätzungen zufolge verlor die Sowjetunion von 1941 bis 1945 etwa neun Millionen Soldaten. Der Großteil dieser Verluste entfiel auf das Jahr 1941, in dem weit über 4,5 Millionen Menschen ums Leben kamen; drei Millionen von ihnen wurden im Winter 1941/42 von den Nazis in Kriegsgefangenenlagern direkt ermordet oder zu Tode gehungert. Im weiteren Verlauf des Konflikts kehrte sich das Verhältnis der Verluste um. Die Verluste der paneuropäischen Armee, die als letzte in Russland einmarschiert war, waren beachtlich: 4,3 Millionen tote Deutsche, 500.000 Ungarn, 600.000 Rumänen, 90.000 Italiener, 86.000 Finnen, 6.700 Slowaken, 12.000 Kroaten, 14.000 Spanier und Tausende andere, darunter Franzosen, Westukrainer, Bosnier usw. Lässt man die sowjetischen Verluste durch ermordete Kriegsgefangene außer acht, so hatten beide Seiten unter den Bedingungen des Kampfgeschehens sehr ähnliche Verluste zu verzeichnen, jeweils knapp sechs Millionen.
Zu verschiedenen Zeitpunkten des Ukraine-Konflikts hat Russland den ukrainischen/NATO-Streitkräften schwere Verluste zugefügt. Zeitweise lag das Verhältnis bei bis zu zehn zu eins, doch durch den Überfluss an Drohnen hält es sich nun eher bei vier zu eins bis fünf zu eins. Das bedeutet, dass auf jeden getöteten Russen vier bis fünf getötete Ukrainer und NATO-Soldaten bzw. andere Söldner kommen. Dafür gibt es mehrere Gründe: zum einen die Neigung US-amerikanischer und britischer Generäle, mit den ukrainischen Soldaten »Spielchen zu treiben« und sie in Angriffe zu schicken, die sie mit Soldaten ihrer eigenen Nationen niemals wagen würden. Zum anderen der Umstand, dass die Ukrainer ältere oder körperlich ungeeignete Männer, die direkt von der Straße rekrutiert wurden, in »Fleischwellen«-Angriffen einsetzen. Russland verfügt zudem über vollständige Luft- und Artillerieüberlegenheit und ist mittlerweile auch bei »First Person View«-Drohnen auf Augenhöhe.
In einem Zermürbungskrieg hat dieser langsame Vormarsch in Verbindung mit der umfassenden Zerstörung feindlicher Stellungen dazu geführt, dass eine ukrainische »Drohnenmauer« die einzige Hoffnung für Kiew ist, eine Niederlage abzuwenden. Verschiedene Videos von ukrainischen Kriegsfriedhöfen, insbesondere Luftaufnahmen, belegen diese enormen einseitigen Verluste.
Tempo nicht entscheidend
Zwar verläuft der Konflikt nur langsam – aufgrund von Drohnen, der Bemühungen des russischen Militärs, übermäßige Verluste zu vermeiden, und des Zermürbungskriegs gegen die politische und wirtschaftliche Basis der EU –, doch die Front hat sich fast kontinuierlich verschoben. Der Kernpunkt des Zermürbungskriegs ist nicht die Eroberung von Land, sondern die Auslöschung der gegnerischen Armee. Dies kommt selbstverständlich der westlichen Propaganda entgegen, die die enormen Verluste der Ukraine ignoriert und verschweigt und sich statt dessen ausschließlich auf das langsame, schrittweise russische Vorrücken konzentriert. Dass die ukrainische/NATO-Seite für jeden erzwungenen Rückzug mit Strömen ihres eigenen Blutes bezahlt, ist ein Thema, das streng tabu ist. Selbst bei den Leichenüberführungen kommt die unangenehme Wahrheit ans Licht, dass einer der Gründe, warum die Ukrainer so wenige Leichen zurückgeben – oft im Bereich von 30 bis 50 pro 1.000 eigener Gefallener –, die einfache Tatsache ist, dass die russische Armee vorrückt.
In diesem Sommer waren mehrere kritische Punkte erreicht worden. Der erste entscheidende ist der Ballungsraum Slowjansk–Kramatorsk–Druschkiwka, die letzten drei befestigten Verteidigungsstädte an der Donbassfront. Diese sehen sich einem Angriff an drei Fronten gegenüber: dem direkten russischen Vormarsch, einer Zangenbewegung in Richtung Slowjansk und Druschkiwka sowie einem Vorstoß nach Norden hinter Druschkiwka und Kramatorsk. Hinter dieser Linie gibt es nur noch offenes Feld und vereinzelte Dörfer. Es gibt keinen Ort, an dem die ukrainische Armee Widerstand leisten könnte, außer am anderen Ufer des Dnipro.
Die zweite wichtige Entwicklung ist der derzeitige Sturm auf Orichiw, die letzte befestigte Linie im Zentrum der Oblast Saporischschja. Die Stadt befindet sich zu einem Drittel in russischer Hand, ist physisch zu 60 Prozent umzingelt und taktisch – also durch schwere Artillerie, Luftwaffe und Drohnen – vollständig umzingelt. Sobald diese Operation abgeschlossen ist, trennen die russischen Streitkräfte nur noch 30 Kilometer von der Stadt Saporischschja, und es stehen ihnen keine ukrainischen Linien mehr im Weg. Auch in Dobropillja, in der Nähe von Sumi und im gesamten Nordosten der Oblast Charkiw gibt es Vorstöße und Kämpfe. Täglich gelangen ein bis vier Ortschaften unter die Kontrolle der russischen Armee.
Keine Kriegswirtschaft
Die Behauptung, die russische Wirtschaft stehe kurz vor dem Zusammenbruch, ist eine Lüge, die von der westlichen Presse seit mindestens 1999 – als im Time Magazine ein großes Exklusivinterview erschien – monatlich wiederholt wird. Ganz gleich, was geschieht: Russland, das gemessen an der Kaufkraftparität die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt und die größte in Europa ist, wird stets als am Rande des Zusammenbruchs stehend dargestellt. Die jüngsten Zahlen zeigen eine Wachstumsrate von 1,5 Prozent, was alles in allem zwar niedrig ist, aber das ist vor allem den endlosen Machenschaften der Zentralbank zuzuschreiben, der es 2025 gelungen ist, eine Wachstumsrate von vier Prozent auf 1,2 Prozent zu senken, indem sie der Wirtschaft durch extrem hohe Zinsen von über 20 Prozent die Finanzmittel entzog.
Wer das heutige Russland besucht, wird feststellen, dass die russische Wirtschaft alles andere als auf eine Kriegswirtschaft ausgerichtet ist. Die Militärausgaben machen 6,5 bis sieben Prozent des BIP aus. Bei Kriegswirtschaften liegen diese Anteile normalerweise im Bereich von 30 bis über 50 Prozent. Die russische Wirtschaft ist zwar deutlich stärker auf die Rüstungsproduktion ausgerichtet, wird von dieser jedoch nicht dominiert. Das Land ist nicht nur bei Rohstoffen und Energieträgern autark, sondern verfügt auch über die Kapazitäten, diese zu den benötigten Endprodukten zu verarbeiten; was ihm fehlt, kann es problemlos aus China beziehen. Russland verfügt zudem über die landwirtschaftlichen Ressourcen, um sich selbst und fast ein Drittel der Weltbevölkerung zu ernähren, wobei über eine Million Hektar erstklassiges Ackerland noch brach liegen.
In den vergangenen Jahren wurden die Behauptungen, russische Raffinerien seien zerstört, es gebe keinen Kraftstoff und die Ernte verrotte auf den Feldern, vor allem im August wiederholt, doch im Jahr 2026 wurde dies bereits auf den Juni vorverlegt. Die Luftangriffe des vergangenen Jahres, von denen behauptet wurde, sie hätten bis zu 40 Prozent der russischen Raffineriekapazitäten zerstört, führten laut Reuters letztlich nur zu einem Rückgang der Raffineriekapazität um drei Prozent. Die diesjährigen Angriffe waren zwar verheerender, blieben aber dennoch in einem relativ begrenzten Rahmen. Zwar gab es Probleme bei der Ölförderung und -verteilung sowie Angriffe auf zivile Tanklastwagen, doch führten diese Schwierigkeiten zu keinem Zeitpunkt zu einer Krise in der russischen Wirtschaft. Seitdem hat der Druck auf die Volkswirtschaft stetig nachgelassen.
Stimmung für Eskalation
Zwar trifft es durchaus zu, dass die Mehrheit der russischen Bevölkerung diesen Konflikt nicht wollte und sich dessen Ende wünscht, doch muss man genau darauf achten, wie ein solches »Ende« von der Mehrheit der Bevölkerung verstanden wird. Die Mehrheit wünscht sich eine vollständige militärische Kapitulation des ukrainischen Staates und eine harte Linie gegenüber der NATO. Jeder von der NATO geförderte und unterstützte Terroranschlag führt nur zu einem Anstieg der Rekrutierungen für das Militär, da immer mehr Menschen die existentielle Bedrohung als real empfinden und/oder Rache an den westlichen Streitkräften für die Ermordung russischer Zivilisten üben wollen. Die Forderungen des russischen Volkes zielen auf eine Eskalation des Konflikts ab, um die Bedrohung durch die Ukraine und die NATO zu zerschlagen, und die Regierung befindet sich tatsächlich in der Lage, diese Forderungen in Schach zu halten.
Insgesamt hat Russland weiterhin eine größere Widerstandsfähigkeit und Anpassungsfähigkeit gegenüber westlichen Angriffen und Eskalationen bewiesen, als der Westen für möglich gehalten hatte, und immer wieder gezeigt, dass es in der Lage ist, seinerseits zu eskalieren. Ein Paradebeispiel hierfür ist die Sperrung und Zerstörung der ukrainischen Häfen. Trotz aller Schwierigkeiten geben die russische Bevölkerung und die russische Wirtschaft keine konkreten Anzeichen dafür, dass sie den eingeschlagenen Kurs aufgeben oder davon abweichen werden. Es ist an der Zeit, dass die Mitgliedstaaten des kollektiven Westens die Nation, die sie zu ihrem Feind erklärt haben, realistisch betrachten und sich darüber im Klaren werden, welche Folgen ein langwieriger Konflikt für sie selbst hätte.
Stanislav Krapivnik ist ein ehemaliger Offizier der US-Armee, Führungskraft im Bereich Lieferkettenmanagement und militärpolitischer Analyst. Er betreibt den Podcast »In The Eyes Of Truth« und lebt in Moskau. Nach eigenen Angaben war er seit Dezember 2022 im Ukraine-Krieg 16mal in den vorderen Einsatzgebieten.
Übersetzung aus dem Englischen: Marc Bebenroth
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