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Russische Disharmonien

Moskau reagiert auf Berliner Sanktionspaket

Foto: Sputnik/Alexei Maishev/Pool via REUTERS
Eine Erklärung: Putin und Medwedew spielen »Good cop, bad cop« (Dubna, 13.6.2024)

In den russischen Reaktionen auf die deutschen Maßnahmen nach dem angeblichen Drohnenanschlag auf dem Flughafen Leipzig/Halle ist eine deutliche Dissonanz zu bemerken. Wladimir Putin spielte nach dem Gipfel der »Shanghai-Organisation für Zusammenarbeit« im kirgisischen Bischkek den Vorfall eher herunter: Er sah dahinter wahlkampftaktische Erwägungen einer Bundesregierung, der vor den Landtagswahlen in drei ostdeutschen Bundesländern die Wähler davonliefen, und er sprach davon, dass dies den nationalen Interessen Deutschlands widerspreche, und ließ so die Tür offen für eine politische und rhetorische Deeskalation.

Ganz im Gegensatz dazu der stellvertretende Sicherheitsratschef und Expräsident Dmitri Medwedew. Wieder einmal machte er den Klabautermann und rührte martialisch die Trommel: Deutschland »verdiene« Schläge gegen Unternehmen, die die Ukraine mit Drohnen belieferten, »und noch andere Orte in Berlin«. Mit Verlaub: Tickt der Mann noch richtig? Erstens ist Berlin inzwischen der einzige Ort in Deutschland, an dem noch russische Diplomaten tätig sind – will Medwedew die auch gefährden? Oder antizipiert er schon den völligen Abbruch der Beziehungen? Zweitens: Entweder ist die ganze Geschichte mit Leipzig »aus den Fingern gesogen« und die Beweise sind fabriziert – das ist bisher die offizielle russische Linie. Oder sie rechtfertigt direkte »kinetische« Antworten und bestätigt so indirekt die von westlicher Seite gegen Russland vorgetragenen Verdächtigungen: Seht ihr wohl, können Vertreter der deutschen Mainstreampresse jetzt sagen, da geben sie es selbst zu. Sie waren es jetzt, und selbst wenn sie es diesmal nicht gewesen sein sollten, haben sie solche Anschläge im Repertoire. Ob das im wohlverstandenen russischen Interesse ist?

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Es gibt dafür eine billige und eine rationalere Erklärung. Die billige ist: Medwedew und Putin spielen guter und böser Polizist. Die andere lautet: Medwedews Äußerungen sind für die heimische Galerie gedacht, genau wie es Putin mit der Einordnung der Sanktionshysterie in die deutsche Innenpolitik und Wahltaktik behauptet hat. Das ist, nebenbei bemerkt, eine Verharmlosung: Wenn Putin Friedrich Merz unterstellt, mit antirussischer Hysterie auf Stimmenfang zu gehen, dann unterstellt er, dass Russophobie in Deutschland mehrheitsfähig sei. Dann wäre es aber eine kluge Strategie von Merz und keine Dummheit, die den deutschen Interessen widerspräche. Medwedews Poltereien lassen sich in diesem Kontext lesen: Auch in Russland finden Ende dieses Monats Parlamentswahlen statt, und auch wenn an deren Ergebnis in der Grundlinie nicht zu zweifeln ist – allenfalls irgendwo hinter dem Komma –, gibt es womöglich ein Publikum, das für einen Haudraufchauvinismus wie den von Medwedew empfänglich ist. Das passt zu den Bemerkungen etwa des Politologen Dmitri Trenin, wonach in Russland »noch« keine allgemeine Feindseligkeit gegenüber Deutschland verbreitet sei. Mit Betonung auf dem »noch« – also könnten solche Stimmungen geschürt werden, wenn der Bedarf daran besteht. Besteht er inzwischen?

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Erschienen in der Ausgabe vom 03.09.2026, Seite 3, Ansichten

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