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Ukraine-Krieg

Anwohner in Geiselhaft

Ukraine-Krieg: Dutzende Tote bei Angriff auf Munitionslager im Wohngebiet – wohl kein »Schlendrian«

Foto: Dan Bashakov/AP/dpa
Umfassende und tödliche Zerstörung: Die Ergebnisse der Untersuchung dürften interessant werden (Mila, 29.8.2026)

Erste Aussagen ukrainischer Behördenvertreter, es habe sich um einen russischen Angriff auf zivile Wohnhäuser gehandelt, hielten nicht lange stand: Die sofort einsetzenden Nachdetonationen deuteten auf militärisches Material in dem Lagergebäude in der Ortschaft Mila westlich von Kiew. Die Zahl der Todesopfer des Angriffs vom Freitag abend stieg bis zum Sonntag auf 42. Immer noch seien mehrere Personen vermisst, teilten die Behörden mit, das Löschen der entstandenen Brände dauere an. Später gab auch die Ukraine zu, dass ein Munitionslager getroffen wurde. Das russische Verteidigungsministerium erklärte, in der getroffenen Halle seien Teile für ukrainische Langstreckendrohnen und Treibstoff dafür gelagert gewesen. Das wurde in Kiew nicht bestätigt.

Präsident Wolodimir Selenskij sprach von »verantwortungslosem Schlendrian« des Betreibers der Halle, dem Drohnenbauer »Fire Point«. Dass das von ehemaligen Maidankämpfern gegründete Unternehmen in seiner Präsidialkanzlei bestens vernetzt ist und unter anderem wegen Preisbetrugs ins Visier der Antikorruptionsermittler gekommen war, ließ er unerwähnt. Statt dessen mahnte er, es sei gesetzlich verboten, in Wohngebieten Sprengmaterialien zu lagern. Eine Ermittlung werde klären, wer konkret dafür verantwortlich gewesen sei. Ähnliche Ankündigungen hatte es von Selenskij auch schon gegeben, als Anfang Juli bei einem ähnlichen Angriff ein Waffenlager in der Stadt Wischnewe bei Kiew getroffen worden war.

Das legt die Vermutung nahe, dass es bei der Lagerung hochexplosiven Materials inmitten einer Wohnsiedlung eben nicht um Schlendrian handelt, sondern um Absicht: nämlich die Tarnung der Militärlogistik, wofür die Anwohner praktisch in Geiselhaft genommen wurden. Denn russische Angriffe auf Lagerhallen sind inzwischen an der Tagesordnung. In anderen Fällen, wo auf ukrainischer Seite tatsächlich Schlendrian im Spiel gewesen sein dürfte, ist inzwischen Abhilfe geschaffen worden: 2022 und 2023 hatten Raketen mehrmals viele ukrainische Soldaten getötet und verletzt, die wegen irgendwelcher Ordensverleihungen und anderer militärischer Zeremonien frontnah in Reih und Glied unter freiem Himmel angetreten waren. Von solchen Vorfällen wird seit längerer Zeit nicht mehr berichtet.

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Die ständigen russischen Luftangriffe legen in wachsendem Maße auch die Logistik des Lebensmitteleinzelhandels lahm. Wie ukrainische Medien berichten, sind inzwischen lange haltbare Lebensmittel wie Mehl und Zucker in vielen Läden ausverkauft; die Knappheit breite sich inzwischen bis ins westukrainische Lwiw aus. Aus den frontnahen Gebieten zögen die Handelskonzerne wegen der russischen Angriffe ihre Warenvorräte und Mitarbeiter ab und schlössen die Lager. Wegen der Angriffe auf Tankstellen ist es auch immer schwieriger, Waren nach Osten zu bringen. Ukrainische Beobachter rechnen damit, dass die Preise schon bald steigen werden. Die südukrainischen Häfen von Odessa, Piwdenne und Mikolajiw liegen inzwischen wegen russischer Drohnenangriffe praktisch still.

Die Exportkapazität der Ukraine für ihre wichtigsten Ausfuhrgüter sei um bis zu 80 Prozent reduziert, teilte die Regierung dieser Tage mit. Denn der Exportweg über das Schwarze Meer sei versperrt. Gleichzeitig ist die polnische Regierung nicht bereit, der Ukraine wie in früheren Jahren einen Exportkorridor über Land zu den polnischen Häfen zu öffnen. Die dortigen Verladekapazitäten reichten nur für den Eigenexport aus, und weil in der Ukraine früher geerntet werde, drohe polnisches Getreide beim Export behindert zu werden, berichtete die Tageszeitung Rzeczpospolita. In Rumänien ist die Lage für den ukrainischen Export nicht besser: Auch die dortigen Bauern beanspruchen Vorrang bei der Nutzung der Exportterminals im Hafen von Constanza.

Angesichts drohender neuer EU-Sanktionen gegen Russland hat der finnische Staatspräsident Alexander Stubb zu Augenmaß gemahnt. Er sagte, es müssten sich in Europa Leute finden, die willens und in der Lage seien, mit Moskau zu reden. Er rechne auch nicht mit dem von vielen Geheimdiensten beschworenen angeblichen Angriffsplan auf die sogenannte NATO-Ostflanke, erklärte er gegenüber Bild (Sonntag). Zuvor hatte Präsidialamtssprecher Dmitri Peskow am Sonnabend gesagt: Russland sei jederzeit bereit, die Beziehungen zur EU wieder aufzunehmen, wenn in Brüssel wieder »Vernunft eingekehrt« sei.

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Erschienen in der Ausgabe vom 31.08.2026, Seite 7, Ausland

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  • Onlineabonnent*in Ulf G. aus H. 31. Aug. 2026 um 19:02 Uhr
    Wenn Peskow erklärt, Russland sei jederzeit bereit, die Beziehungen zur EU wieder aufzunehmen, wenn in Brüssel wieder »Vernunft eingekehrt« sei, dann ist das aller Ehren wert. Es könnte aber sein, dass es bis dahin lange dauern wird. Ich lese gerade Frantz Fanons Buch »Die Verdammten dieser Erde« und bin erstaunt, wie aktuell die Analyse Fanons ist. Die kolonialherrliche Überheblichkeit und als Reaktion darauf die Rückbesinnung der Kolonisierten auf eigene Tradition (d.h. Negritude bzw. Islamismus), da denkt man unweigerlich an die Orientierung nach Russland im Donbass als Reaktion auf Kiewer Ukrainisierungsbemühungen. Fanons Vorwurf des »großtuerischen narzißtischen Europäers«, ist dieser Vorwurf nicht aktuell perfekt in Trump personifiziert? Die westlichen Werte, die durch westliche Politik als Lüge entlarvt werden, das Übergewicht der Westpresse, der Vorwurf, der Kolonisierte würde nur die Sprache der Gewalt verstehen, während es in Wirklichkeit vor allem der Kolonisator ist, der Gewalt anwendet, diese und weitere Beobachtungen Fanons passen genausogut auf diverse heutige Konflikte. Und dass das so ist, dass sich in 65 Jahren seit Erscheinen des Buches so wenig getan hat, lässt befürchten, dass sich an der verbohrten verlogenen westlichen Analyse des Ukrainekonfliktes auch in den nächsten 65 Jahren nichts ändern wird. Heute zählen eben Russen und Palästinenser zu den Verdammten dieser Erde. »Der Kolonisierte weiß das alles und lacht, wenn er in den Worten des anderen als Tier auftritt. Denn er weiß, dass er kein Tier ist. Und genau zur selben Zeit, da er seine Menschlichkeit entdeckt, beginnt er, seine Waffen zu reinigen, um diese Menschlichkeit triumphieren zu lassen« (Fanon, Die Verdammten dieser Erde).
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