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Marxismus

Das Ende der Allmende

Von Marx’ frühesten Schriften bis zur Kollektivierung in der Sowjetunion: Die »Bauernfrage« und der Sozialismus

Foto: Cola Images/imago
Die Parole »Land und Frieden« war politisch enorm zugkräftig. Sichtlich erfreute russische Bauern bei einer Neuverteilung von Land kurz nach der Oktoberrevolution

Die »Bauernfrage« ist ein Begriff aus dem Jargon der Sozialisten zwischen – grob gesagt – der Mitte des 19. und der des 20. Jahrhunderts. Sie ist nicht identisch mit dem auch in der bürgerlichen Sozialwissenschaft gebräuchlichen Begriff der »Agrarfrage«, die sich mit den ländlichen Produktionsverhältnissen befasst. Auch wenn sich die Thematiken überschneiden und viele Aussagen der sozialistischen Klassiker zur »Bauernfrage« Nebenprodukte von Erörterungen zur »Agrarfrage« sind, setzt die Bauernfrage im engeren Sinne bei der Überlegung an, ob die unmittelbaren landwirtschaftlichen Produzenten für die Sache des Sozialismus entweder direkt gewonnen oder zumindest soweit politisch neutralisiert werden könnten, dass sie die sich auf das industrielle Proletariat stützende sozialistische Revolution – die damit automatisch als überwiegend städtische Bewegung gedacht war – nicht behinderten.

Die Bauernfrage setzte politökonomisch daran an, dass im Zuge der Französischen Revolution und ihrer Folgebewegungen die Klasse der landwirtschaftlichen Produzenten in die bürgerliche Gesellschaft zu integrieren war. Aber wie? Die Französische Revolution hatte den Bauern, die damals die Mehrheit der Gesellschaft stellten, das von ihnen zum Stichtag X bewirtschaftete Land überlassen. Hinzu kamen in Frankreich Enteignungen des großen Feudaleigentums zugunsten von Bauern. Sie sollten also Eigentümer ihrer Parzellen werden. Das war eine Entwicklung, die zunächst die Bauern für die neuen Verhältnisse mobilisierte: Die »levée en masse«, die militärische Mobilisierung, mit der die Französische Revolution ihre Errungenschaften in den Koalitionskriegen und unter Napoleon verteidigte, setzte sich zwangsläufig in hohem Maße aus Menschen aus dem Bauernstand zusammen. Der Erfolg dieser Mobilisierung der Bauern für den französischen Staat wurde zum Vorbild der sogenannten Stein-Hardenbergschen Reformen in Preußen (1807–1815), die ebenfalls die Bauern aus den Banden der Leibeigenschaft befreiten und sie in »freie Untertanen« verwandelten. Politisch gelang die Operation auch in Preußen: Anders wäre die Mobilisierung für die antinapoleonischen »Befreiungskriege« nicht durchsetzbar gewesen.

Gleichzeitig sorgten moderne bürgerliche Gesetzbücher dafür, dass sich die Bauernschaft auf die bürgerliche Gesellschaft vorbereiten musste. So setzte der im »Code Napoléon« verankerte Grundsatz der gleichen Erbteilung einen Prozess in Gang, der einen Teil der bäuerlichen Existenzen vernichtete und eine agrarische Überbevölkerung schuf, die – historisch gesehen – darauf wartete, zu Proletariern zu werden, ohne bereits Gelegenheit dazu zu haben.

Wie ein Sack Kartoffeln

Das war die Situation, die der junge Karl Marx Anfang der 1840er Jahre vorfand, als er mit Reportagen und Analysen über das Elend der Moselwinzer seine publizistische Laufbahn begann: eine Landbevölkerung im Übergang. Marx konnte dieser Verelendung für die Perspektive der Revolutionierung der entstehenden bürgerlichen Gesellschaft wenig abgewinnen. Für ihn war das flache Land eine Stätte der »Idiotie des Landlebens«, und als er Anfang der 1850er Jahre den »18. Brumaire des Louis Bonaparte« schrieb, erkannte er das – zu Grundeigentum gekommene und dieses als seine Existenzgrundlage mit Zähnen und Klauen verteidigende – Kleinbauerntum als reaktionärste Klasse der Gesellschaft. Seine Beschreibung dieser Klasse wirkt auf den ersten Blick wenig schmeichelhaft: »Ihre Produktionsweise isoliert sie (die Parzellenbauern, R. L.) voneinander, statt sie in wechselseitigen Verkehr zu bringen. (…) Ihr Produktionsfeld, die Parzelle, lässt in seiner Kultur keine Teilung der Arbeit zu, keine Anwendung der Wissenschaft, also keine Mannigfaltigkeit der Entwicklung, keine Verschiedenheit der Talente, keinen Reichtum der gesellschaftlichen Verhältnisse. (…) So wird die große Masse der französischen Nation gebildet durch einfache Addition gleichnamiger Größen, wie etwa ein Sack von Kartoffeln einen Kartoffelsack bildet.«¹ Die Bauern bildeten keine Klasse, die zu politischer Aktion fähig sei: »Sie können sich nicht vertreten, sie müssen vertreten werden.«² Nämlich von einem Parvenü wie dem Bonaparte-Neffen Napoleon III.

Marx sah durchaus, dass die Wurzel dieser Entwicklung der Fortschritt des Kapitals war: »Im Laufe des 19. Jahrhunderts trat an die Stelle der Feudalen der städtische Wucherer, an die Stelle der Feudalpflichtigkeit des Bodens die Hypothek. (…) Die Parzelle des Bauern ist nur noch der Vorwand, der dem Kapitalisten erlaubt, Profit, Zinsen und Rente von dem Acker zu ziehen und den Ackerbauer selbst zusehen zu lassen, wie er seinen Arbeitslohn herausschlägt.«³

Etwas unfair war diese sarkastische Beschreibung des französischen Landlebens aber schon. Die Zustände dort waren die Form, in der das, was Marx später im »Kapital« am englischen Beispiel als »ursprüngliche Akkumulation« beschrieb, auf französischem Boden ablief: die Enteignung der unmittelbaren Produzenten zugunsten des Kapitals, das »aus allen Poren blut- und schmutztriefend«⁴ seine eigene Produktionsweise geschaffen habe.

Briefe an Sassulitsch

Erst gegen Ende seines Lebens wurde Marx damit konfrontiert, dass der von ihm am britischen Beispiel skizzierte Entwicklungsweg vielleicht nicht der einzig mögliche sein könnte. In Russland war 1861 die Leibeigenschaft formal aufgehoben worden, aber die Dorfgemeinde blieb als Haftungsgemeinschaft für die an die Gutsbesitzer zu leistenden Abfindungszahlungen und für die Rekrutierung zum Militär zunächst bestehen. Das veranlasste russische Sozialisten wie Wera Sassulitsch zu der brieflichen Anfrage bei Marx, ob diese bäuerliche Dorfgemeinschaft ebenso zum Untergang verurteilt sei wie das Bauerntum in England und Frankreich, oder ob sie ein Ausgangspunkt eigener Art für einen künftigen Sozialismus in Russland sein könnte.

Marx machte es sich mit der Antwort nicht einfach. Er ließ sich mehrere Monate Zeit und verfasste insgesamt vier Versionen seines Antwortschreibens an Sassulitsch, der letztlich abgeschickte Text ist der kürzeste und am wenigsten konkrete von allen: Was er im »Kapital« beschrieben habe, sei die Entwicklung in Westeuropa. »Die im ›Kapital‹ gegebene Analyse enthält also keinerlei Beweise – weder für noch gegen – die Lebensfähigkeit der Dorfgemeinde; aber das Spezialstudium, das ich darüber getrieben habe (…), hat mich davon überzeugt, dass diese Dorfgemeinde der Stützpunkt der sozialen Wiedergeburt Russlands ist; damit sie aber in diesem Sinne wirken kann, müsste man zuerst die zerstörenden Einflüsse, die von allen Seiten auf sie einstürmen, beseitigen und ihr sodann die normalen Bedingungen einer natürlichen Entwicklung sichern.«⁵

Worin aber sollte diese »natürliche Entwicklung« der Dorfgemeinschaft bestehen? Marx hat dem Gedanken eines genossenschaftlich organisierten Weges zum Sozialismus in Russland auf Basis der Dorfgemeinde offenbar einiges abgewinnen können. In einem der nicht abgeschickten Entwürfe des Sassulitsch-Briefs etwa heißt es: »Einerseits differenziert die bewegliche Habe (…) allmählich das Vermögen der Gemeindemitglieder und ermöglicht dadurch einen Interessenkonflikt, besonders unter dem fiskalischen Druck des Staats; andererseits geht die ökonomische Überlegenheit des Gemeineigentums als der Basis der genossenschaftlichen und kombinierten Arbeit verloren. Es darf doch nicht vergessen werden, dass die russischen Bauern bei der Nutzung der ungeteilten Wiesen bereits die kollektive Arbeitsweise durchführen (…), dass die physische Beschaffenheit des russischen Bodens zu einer kombinierten maschinellen Bearbeitung in großem Maßstab geradezu einlädt, und dass schließlich die russische Gesellschaft, die so lange auf Kosten und zu Lasten der Dorfgemeinde gelebt hat, ihr die ersten notwendigen Vorschüsse für diese Umwandlung schuldet.«⁶

Eine Konstante aller vier Entwürfe für den Sassulitsch-Brief ist allerdings der Hinweis, dass für eine gedeihliche Entwicklung der russischen Dorfgemeinde die Entmachtung ihrer prokapitalistischen Feinde nötig sei. Im ersten Entwurf schreibt Marx kurz und bündig: »Um die russische Gemeinde zu retten, ist eine russische Revolution nötig.«⁷

Marx’ Tod hat diese Überlegungen zunächst abgebrochen, obwohl Engels mit seiner wohl für die Bauernagitation geschriebenen Arbeit über »die Mark« als frühe Form bäuerlichen Gemeineigentums in Deutschland erkennbar an sie angeknüpft hat, als er für eine Wiederbelebung der ländlichen Gemeinwirtschaft in neuer, technisch moderner Form warb: »… eine solche Erneuerung der Bodengemeinschaft, dass diese den kleinbäuerlichen Genossen nicht nur alle Vorteile des Großbetriebs und der Anwendung der landwirtschaftlichen Maschinerie zuwendet, sondern ihnen auch die Mittel bietet, neben dem Ackerbau Großindustrie mit Dampf- oder Wasserkraft zu betreiben, und zwar für Rechnung nicht von Kapitalisten, sondern für Rechnung der Genossenschaft.«⁸

Erkennbare praktische Folgen hat dieser Appell von Engels nicht gehabt. Seine Schrift lag zwar seit 1882 veröffentlicht vor⁹, aber die Editionsgeschichte des Sassulitsch-Briefwechsels ist widersprüchlich.¹⁰ Angeblich ist er bereits in russischen Nachrufen auf Marx zitiert worden. Dem sowjetischen Marx-Biographen David Rjasanow hat der Text offenkundig Anfang der 1920er Jahre vorgelegen, denn in seiner 1923 in Moskau erschienenen Biographie von Marx und Engels schrieb er: »Ich weiß bis heute nicht, ob Sassulitsch und Plechanow diese Antwort erhalten haben. Ich habe die ins Unreine geschriebene Version des Briefes gefunden und kann nur vermuten, dass dies nicht der Fall war. Die Antwort trägt deutliche Spuren von Marxens nachlassender Schaffenskraft: Er setzte sich mehrmals an die Arbeit, strich Passagen durch und fügte sie wieder ein und ließ den Brief schließlich wahrscheinlich unvollendet liegen.«¹¹ Marx hatte sich für die Verzögerung seiner Antwort an Sassulitsch selbst mit Gesundheitsgründen entschuldigt.¹²

»Land und Frieden«

In Russland war die Entwicklung in den auf die Bauernbefreiung folgenden Jahrzehnten durch zwei Tendenzen gekennzeichnet: Einerseits wuchs durch die anlaufende Industrialisierung die Nachfrage nach Arbeitskräften, andererseits dauerte es genau wegen der nie völlig abgerissenen Bindungen der zu städtischen Proletariern gewordenen ehemaligen Bauern relativ lange, bis die Trennung von Land und Stadt sich durchsetzte. Noch Anfang des 20. Jahrhunderts kam es nicht selten vor, dass Industriearbeiter nur in den Wintermonaten, in denen auf dem Lande sowieso nichts zu tun war, in die Städte gingen, um im kommenden Frühjahr wieder in ihre Heimatdörfer zu ziehen, um dort erstens bei der Aussaat und Ernte zu helfen und zweitens genau durch diese Beteiligung den Anspruch ihrer Familie auf Anteil an der Dorfgemeinschaft und ihren Umverteilungsmechanismen zu wahren.

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Dieses sozial gemischte System trug dazu bei, dass in der ersten russischen Revolution 1905–1907 auch Bauern massenhaft gegen die Herrschaft der Gutsbesitzer rebellierten. Vor allem im Herbst 1905 und 1906 gingen Hunderte von Gutshäusern auf dem Lande in Flammen auf. Das war der politische Erfahrungshorizont, vor dem der zaristische Ministerpräsident Piotr Stolypin beschloss, die Auflösung der Agrargemeinschaft auf dem Lande und die Trennung der Landbevölkerung in wohlhabende Bauern, die sich auf dem Markt reproduzieren konnten, und »Dorfarmut«, der mangels Erwerbsgelegenheiten auf dem Lande nichts blieb, als in die Städte zu gehen, zu forcieren. Ob Stolypin den »18. Brumaire« gelesen hatte, ist nicht bekannt. Aber es ging ihm darum, in Russland genau jenes Parzellenbauerntum zu etablieren, dessen staatstragende und gesellschaftsstützende Funktion Marx Anfang der 1850er Jahre am Beispiel des französischen Bonapartismus festgestellt hatte. Er setzte für diesen Umwandlungsprozess der ländlichen Produktionsverhältnisse 20 Jahre »inneren und äußeren Friedens« voraus, aber die historische Entwicklung hat ihm diese Zeit nicht eingeräumt.

Die Sozialisten der II. Internationalen und insofern auch Wladimir I. Lenin und Rosa ­Luxemburg, die in ihr sozialisiert worden waren, setzten zunächst nicht auf die Bauern, sondern auf das industrielle Proletariat, das aus dem großen Bauernlegen hervorgegangen war und noch hervorgehen sollte. Aber in Russland, wo die große Mehrheit der Bevölkerung landlose oder landarme Bauern waren, stellte sich mit den Umwälzungen am Ende des Ersten Weltkrieges die »Bauernfrage« wieder neu. Die reformistischen Menschewiki sahen keine Alternative dazu, dass der Sozialismus die vorherige Herrschaft des Kapitals voraussetzte; Wera Sassulitsch, die durch ihre Anfrage an Karl Marx dessen Überlegungen über die russischen Agrarverhältnisse angestoßen hatte, zählte in ihren letzten Lebensjahren zu ihnen.

Anders dagegen die Bolschewiki: Sie dachten revolutionspraktisch. Als das Zarenreich 1917 unter dem Einfluss von zwei Revolutionen zusammenbrach und die Bauern massenhaft aus der Armee desertierten, um sich zu Hause ihren Anteil an dem umverteilten Land der Aristokratie zu sichern, nahmen sie das als Chance der proletarischen Revolution – obwohl die Ziele beider Bewegungen durchaus diametral entgegengesetzt waren. Die von den Bolschewiki propagierte Parole »Land und Frieden« war politisch enorm zugkräftig und sicherte Lenin und seinen Genossen die politische Führungsrolle in den Bewegungen des Jahres 1917. Aber es war von Seiten der Bolschewiki eine Strategie, die sich darauf beschränkte, der städtischen Revolution die wenigstens stillschweigende Duldung durch die Landbevölkerung zu sichern. Rosa Luxemburg hat schon in ihrem zu Lebzeiten unveröffentlichten, Anfang 1918 abgeschlossenen, Manuskript zur russischen Revolution darauf hingewiesen, dass die Bolschewiki mit der Duldung der kleinbäuerlichen Landnahme sich eine Klasse ihrer erbitterten Gegner heranzuziehen im Begriff waren.¹³

Ihre Diagnose erwies sich als prophetisch. Das Klassenbündnis der Arbeiter und Bauern zerbrach im Zuge des russischen Bürgerkrieges, als den Bolschewiki als auf das städtische Proletariat gestützter Kraft keine andere Möglichkeit blieb, ihr eigenes Überleben in politischer Hinsicht – und das der städtischen Arbeiterklasse in physischer – durch eine in die Geschichte als »Kriegskommunismus« eingegangene Politik zu sichern. Sie reduzierte sich darauf, dass Kommandos städtischer Arbeiter aufs Land kamen und bei den Bauern alles konfiszierten, was diese produziert hatten – auch das, was sie für das Überleben der eigenen Familien und die Aussaat beiseitegelegt hatten. Dass die Geldwirtschaft im Bürgerkrieg zusammengebrochen war und insofern Papierrubel keinen Wert mehr hatten und die Industriebetriebe gleichzeitig den bestehenden Bedarf an Produktionsmitteln und anderen Produkten der Städte nicht decken konnten, führten drei Jahre des Raubbaus an den Ressourcen des flachen Landes dazu, dass es zu regelrechten Bauernaufständen gegen die Bolschewiki kam. Diese zögerten nicht, diese Aufstände auch mit dem Einsatz von Giftgas niederzuschlagen, aber Lenin verstand, dass das keine Lösung auf Dauer sein konnte.

Die Rache des Wertgesetzes

Die »Neue Ökonomische Politik«, die Lenin im Frühjahr 1921, gerade noch rechtzeitig vor der Aussaat auf dem Lande und gewarnt durch den Aufstand der Matrosen von Kronstadt im Februar (die unter anderem Neuwahlen zu den Sowjets gefordert hatten), ins Leben rief, war ökonomisch ein Zugeständnis an die spontan entstandene Klasse der Kleineigentümer auf dem Lande. Kurzfristig war sie durchaus ein Erfolg. Die landwirtschaftliche Produktion wuchs rasch, der Hunger auf dem Lande verschwand, und die Versorgung der Städte besserte sich. Aber das waren nicht die primären Ziele der Bolschewiki. Ihnen ging es um das Nachholen der »ursprünglichen Akkumulation« in Russland. Dabei wurde der Hinweis von Marx, er habe im entsprechenden Kapitel des »Kapitals« nur die Entwicklung in Westeuropa dargestellt, gezielt ignoriert – der Inhalt des Sassulitsch-Briefs war, wie gesagt, in der UdSSR im Prinzip bekannt. Aber anderes war wichtiger geworden. Stalin formulierte es auf dem 14. Parteitag 1925 so: »Es gibt zwei Generallinien: Die eine geht davon aus, daß unser Land noch lange ein Agrarland bleiben müsse, daß es landwirtschaftliche Erzeugnisse ausführen und Maschinen einführen, daß es dabei bleiben und sich auch in Zukunft in der gleichen Bahn weiterentwickeln müsse. (…) Diese Linie bedeutet eine Abkehr von den Aufgaben unseres Aufbaus. Das ist nicht unsere Linie. Es gibt eine andere Generallinie, die davon ausgeht, daß wir alle Kräfte aufbieten müssen, um unser Land zu einem wirtschaftlich selbständigen, unabhängigen, auf dem inneren Markt basierenden Land zu machen, zu einem Land, das als ein Anziehungsfeld für alle anderen Länder dient, die nach und nach vom Kapitalismus abfallen und in die Bahnen der sozialistischen Wirtschaft einlenken werden. Diese Linie erfordert maximale Entfaltung unserer Industrie.«¹⁴

Und diese »maximale Entfaltung« der Industrie erforderte Mehrprodukt, das unter den gegebenen Umständen nur die Landwirtschaft hervorbringen konnte. Sowjetische Ökonomen jener Zeit wie Jewgeni Preobraschenski schrieben offen, dass dem russischen Dorf Bedingungen ungleichen Tausches aufgezwungen werden mussten, um die Industrialisierung zu ermöglichen. Damit war die Entscheidung zur auch zwangsweisen Kollektivierung vorgezeichnet, die dann ab 1928 umgesetzt wurde: unter enormen Opfern unter der Landbevölkerung und mit zweifelhaftem wirtschaftlichem Erfolg. Auf der einen Seite setzte die Kollektivierung jene Millionen Arbeitskräfte frei, die für die sowjetische Industrialisierung gebraucht wurden; auf der anderen Seite blieb die Landwirtschaft die ganze sowjetische Periode über ein Zuschussgeschäft für den Staatshaushalt. Trotz aller Subventionen schaffte sie es nicht, das Land aus eigener Kraft zu ernähren. Insofern kann man sagen, dass sich das Wertgesetz an denjenigen rächte, die es in den zwanziger Jahren hatten außer Kraft setzen wollen.

Wieder anders verlief die Entwicklung in China. Dort war die industrielle Arbeiterklasse eine noch kleinere Minderheit, als sie es in Russland gewesen war. Nachdem der Versuch, im industrialisierten Shanghai eine Revolution nach sowjetischem Vorbild zu organisieren, 1926 gescheitert war, setzte Mao Zedong die Entscheidung durch, die künftige Revolution ganz auf die Landbevölkerung zu stützen und einen »langen Marsch« von der Provinz in die Zentren des Landes zu beginnen. Das Problem war, dass die ländlichen Kleinproduzenten äußerst unproduktiv arbeiteten und mit Mühe ihre Familien ernähren konnten. Dieses Dilemma blieb letztlich erhalten, bis Deng Xiaoping mit der Zulassung bäuerlichen Privateigentums an die Ansätze der sowjetischen »Neuen Ökonomischen Politik« aus den frühen 1920er Jahren wieder anknüpfte.

Heute ist die »Bauernfrage« einerseits ein objektiv abgeschlossenes Kapitel. Die Landwirtschaft trägt – einschließlich Forstwirtschaft und Fischerei – nur noch etwa ein Prozent zum deutschen Sozialprodukt bei.¹⁵ Die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe wird auf etwa 250.000 beziffert. Aber die halbvergessenen Überlegungen von Friedrich Engels über die Neubelebung der Allmende haben metaphorisch – wenn man sie auf den Gegensatz von »Technofeudalismus« (Yanis Varoufakis) und »Wissensallmende« überträgt – ihre Aktualität nicht verloren.

Anmerkungen

1 Karl Marx: Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte, MEW 8, Berlin 1960, S. 198

2 Ebd. An dem Gedanken der politischen Subjektlosigkeit der Bauernschaft haben Marx und Engels offenbar über die Jahre festgehalten. Noch 30 Jahre nach der Veröffentlichung des »18. Brumaire« beginnt Friedrich Engels eine historische Abhandlung über die Grundbesitzverhältnisse in Deutschland mit der Bemerkung: »In einem Lande wie Deutschland, wo noch gut die Hälfte der Bevölkerung vom Landbau lebt, ist es notwendig, dass die sozialistischen Arbeiter und durch sie die Bauern erfahren, wie das heutige Grundeigentum (…) entstanden ist.« (Engels: Die Mark, MEW 19, S. 317, Hervorhebung R. L.)

3 Ebd., S. 201

4 Karl Marx: Das Kapital, I, MEW 23, Berlin 1975, S. 788

5 Karl Marx: Brief an V. I. Sassulitsch, MEW 19, Berlin 1962, S. 243. Die nicht abgeschickten Versionen ebd., S. 384 ff.

6 Brief an V. I. Sassulitsch, zweiter Entwurf, MEW 19, S. 399

7 Ebd., erster Entwurf, MEW 19, S. 395

8 Friedrich Engels: Die Mark, MEW 19, S. 330

9 Als Anhang zur »Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft«, vgl. MEW 19, S. 316

10 http://az.lib.ru/z/zasulich_w_i/text_1881_­pismo_marksa.shtml. Die Seite reproduziert eine Veröffentlichung aus dem Archiv des Menschewisten Akselrod, die 1924 in einem Berliner Emigrationsverlag veröffentlicht wurde. Der editorische Hinweis der MEW-Herausgeber, die gesamte Korrespondenz mit Sassulitsch sei dort »nach der Handschrift« publiziert worden, ist zumindest irreführend, indem er suggerieren soll, dass das Manuskript zuvor nicht bekannt gewesen sei. Das Gegenteil ist der Fall. Aber schon die Abqualifizierung des Textes durch Rjasanow zeigt, dass Auffassungen wie die 40 Jahre zuvor von Marx geäußerten damals in der Sowjetunion politisch nicht mehr erwünscht waren. Insbesondere der Gedanke von der Notwendigkeit, dem Dorf für seine Transformation »Vorschüsse« von Seiten der Gesellschaft zu gewähren, war das schiere Gegenteil der von den Bolschewiki betriebenen Landwirtschaftspolitik.

11 »Я до сих пор не знаю, получили ли Засулич и Плеханов этот ответ. Я могу только предполагать, что нет. Мне удалось найти черновик этого ответа. Он носит явные следы надорванной работоспособности. Маркс несколько раз принимался за работу, черкал и перечеркивал, да так и бросил, вероятно, письмо неоконченным« (ebd., zit. n. D. B. Rjasanow: Marks i Engel’s, Moskwa 1923, S. 236)

12 MEW 19, S. 242

13 https://www.rosalux.de/stiftung/rosa-luxemburg-1/manuskript-zur-russischen-revolution

14 Josef Stalin, Werke Bd. 7, Berlin 1952, S. 259 f., zit. n. https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/izpb/sowjetunion-i-1917-1953-322/189565/stalinismus

15 https://de.statista.com/infografik/30278/beitrag-der-landwirtschaft-zum-bip-in-europa

→ Reinhard Lauterbach schrieb an dieser Stelle zuletzt am 22. Juni 2026 über den deutschen Angriff auf die Sowjetunion vor 85 Jahren: »In jeder Hinsicht beispiellos«.

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Erschienen in der Ausgabe vom 27.08.2026, Seite 12, Thema

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→ Leserbriefe
  • Onlineabonnent*in Heinrich H. aus S. 27. Aug. 2026 um 21:22 Uhr
    Dieser Artikel benennt endlich Ross und Reiter: Das Wertgesetz und dessen Schinder. Es wird höchste Zeit, die Watte der Gefühlsduselei und den realen Gang der Geschichte zu trennen. Mit liebgewonnenen Illusionen wird kein Blumentopf in der Zukunft gewonnen, da ist historischer Materialismus angesagt. Das führt dieser Text an der »Bauernfrage« exemplarisch durch. Meine Lektüreempfehlung: »Die Weltenschicksale des Kapitalismus werden gegenwärtig am Gelben Meer entschieden«, Wie die Entwicklung in China Rosa Luxemburgs Verständnis des imperialistischen Zeitalters und der kapitalistischen Akkumulation veränderte. (Z., Seite 156, Nr. 145, juni 2026, Z-Vertrieb, Postfach 700346, 60553 Frankfurt/Main). Darin geht Michael Brie anhand von Luxemburg-Zitaten auch auf das Versagen der deutschen Sozialdemokratie im Kampf gegen den Imperialismus ein.
    • Onlineabonnent*in Franz S. aus R. 31. Aug. 2026 um 11:53 Uhr
      Anfrage bei Google: »Welche Rolle spielte Michael Brie bei der Konterrevolution« KI antwortet - im Sinne der Bourgeoisie - politisch korrekt: »Michael Brie spielte keine Rolle bei einer ›Konterrevolution‹, da die historischen Ereignisse des Jahres 1989 in der DDR wissenschaftlich und offiziell als Friedliche Revolution eingestuft werden. Nur orthodoxe Kreise der SED-Führung und des Staatsapparats bezeichneten die Demokratiebewegung im Herbst 1989 intern als ›Konterrevolution‹, um die Proteste zu delegitimieren.(…) «Michael Brie gehörte damals jedoch zu den reformerischen Kräften innerhalb der SED (...) Seine tatsächliche Rolle in dieser Umbruchsphase lässt sich wie folgt zusammenfassen: Reformtheoretiker und das Projekt ›Moderner Sozialismus‹ (…) ●Kritik am System: Brie geriet in der DDR wegen seiner Thesen und Veröffentlichungen (z. B. zu Eigentumsfragen im Sozialismus) mehrfach unter Revisionismus-Verdacht durch die dogmatische Partei- und Staatsführung» Was ist denn nun «Moderner Sozialismus»? Wieder KI im antikommunistischen Jargon: «›Moderner Sozialismus‹ bezeichnet ein Reformkonzept von Intellektuellen und Reformern innerhalb der SED in der späten DDR (ab Ende 1988/1989), das den autoritären Staatssozialismus durch eine demokratische und modernisierte Gesellschaftsordnung ersetzen wollte. Kernmerkmale des Konzepts Demokratisierung: Ersetzung der SED-Diktatur durch eine pluralistische Parteiendemokratie und politische Mitsprache. Wirtschaftsreform: Übergang von der strengen Planwirtschaft zu einer regulierten Marktwirtschaft mit mehr Eigenverantwortung für Betriebe» Tolle Idee «pluralistische Parteiendemokratie»: Da ist die Konterrevolution schon einprogrammiert. Brie zur Konterrevolution 1989: «Es war eine Befreiung, auch und gerade für mich.» (Aus «Die Lehren von 1917 und 1989 dürfen nicht vergessen werden!») Fazit: Die 20 € für die beiden Einzelhefte der «Marxistischen Erneuerer», die Sie uns empfehlen, kann man sich sparen.
  • Onlineabonnent*in Franz S. aus R. 27. Aug. 2026 um 13:42 Uhr
    Der Artikel hat meine »Erwartungen« erfüllt. Die Bolschewiki – die Großartiges für die Menschheit geleistet haben – werden dargestellt wie eine schlimme, inkompetente Bande von Revolutionären, die keinerlei Sympathie für die Bauern hatten und deren Politik nur darauf aus war, die Menschen zu ärgern. Beispiele: »Sie [die Politik der Bolschewiki] reduzierte sich darauf, dass Kommandos städtischer Arbeiter aufs Land kamen und bei den Bauern alles konfiszierten, was diese produziert hatten – auch das, was sie für das Überleben der eigenen Familien und die Aussaat beiseitegelegt hatten. (…) Diese [die Bolschewiki] zögerten nicht, diese Aufstände auch mit dem Einsatz von Giftgas niederzuschlagen (…). Damit war die Entscheidung zur auch zwangsweisen Kollektivierung vorgezeichnet, die dann ab 1928 umgesetzt wurde: unter enormen Opfern unter der Landbevölkerung und mit zweifelhaftem wirtschaftlichem Erfolg (…) Trotz aller Subventionen schaffte sie [die Landwirtschaft] es nicht, das Land aus eigener Kraft zu ernähren.« Aber zum Schluss hat der Autor doch noch einen Kommunisten aus dem Hut gezaubert, von dem er nichts Negatives zu berichten hat: Deng Xiaoping, der »mit der Zulassung bäuerlichen Privateigentums an die Ansätze der sowjetischen ›Neuen Ökonomischen Politik‹ aus den frühen 1920er Jahren wieder anknüpfte«. Damit wird verschwiegen, dass die NÖP in der Sowjetunion eine notwendige Übergangsphase war, die abgelöst wurde durch Industrialisierung und Kollektivierung, Voraussetzung für den Sieg über den Faschismus. Das ist der Unterschied zu China: Dort werden Reform und Privatisierung idealisiert und geradezu als Modell eines »erneuerten« Sozialismus dargestellt. Xi Jinping 2012: »Die Politik der Reform und Öffnung ist eine ständige Aufgabe und wird nie [!] enden.«
    • Onlineabonnent*in Peter S. aus B. 29. Aug. 2026 um 22:40 Uhr
      Dem stimme ich zu, mir fiel das auch auf. Hinzuzufügen wäre noch, dass die bäuerliche Bevölkerung in der Zeit der Kriege gegen die ausländischen Interventionsarmeen eben nicht (!) Opponenten der Bolschewiki war, sondern im Gegenteil sehr große Anteile der Roten Armee stellte. Denn die Bauern hatten verstanden, dass die Interventen auch ihre alten Unterdrücker aus dem ehemaligen russischen Landadel und den Großgrundbesitzern waren, die sich das an die Bauern verteilte Land zurückholen wollten. Sie kämpften also auch um ihren eigenen Besitz und ihre eigene Existenz. Somit war die Leninsche Bodenreform einer der Eckpunkte des Überlebens der Oktoberrevolution und des Leninschen Entwicklungsweges. Ganz klar war die niedrige Arbeitsproduktivität in der Landwirtschaft ein dauernder Problempunkt, der nur durch die Überwindung der kleinbäuerlichen Produktionsweise gelöst werden konnte. Aber die Kollektivierung verlief nicht durchgängig gewaltsam. Das sollte Lauterbach bei einigem Literaturstudium auch bemerkt haben.
  • Onlineabonnent*in André M. aus B. 27. Aug. 2026 um 12:37 Uhr
    Ein sehr guter Text! Die Geschichte der Landwirtschaft in der SU ist eine echt tragische. Es ist dort nie gelungen, Aufwand und Ertrag auch nur in ein Gleichgewicht zu bringen, von den Hässlichkeiten zwischen 1928 und 1931 ganz zu schweigen. Bis 1941 war die Entwicklung jedoch eher positiv (auch mittels neuer aus den USA abgeguckter Technik für die Großraumlandwirtschaft, die es z. B. in Dtl. so nicht gab). Der Nachkrieg brachte wieder Jahre des Hungers, denn auch zu dieser Zeit musste quasi wieder eine ursprüngliche Akkumulation erfolgen, auf Kosten der Landwirtschaft. Nebenbei: Die Landbevölkerung wurde zur Stalinzeit durch ein Kennkartensystem dazu gezwungen, auf dem Land zu bleiben. Ein großer Teil wäre sicher gern den Widrigkeiten entflohen. Die DDR ist ganz bewusst nicht den sowjetischen Weg in der Landwirtschaft gegangen, sondern setzte letztendlich erfolgreich auf ein eigenes, ausdifferenziertes Genossenschaftsmodell. Die anderen sozialistischen Länder taten eher gar nichts, wie Polen. Ungarn und die CSSR jedoch hatten auch ein Genossenschaftsmodell, dieses war jedoch nicht so ausdifferenziert und erfolgreich wie in der DDR.
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