»Die Revolution ermöglichte ihnen ein Leben in Würde«
Über die Geschichte schwarzer Menschen in Kuba und die afrikanische Diaspora. Ein Gespräch mit der Dokumentarfilmerin Gloria Rolando
Gibt es hier in Kuba noch Rassismus und Diskriminierung schwarzer Menschen?
In Kuba wurde die Sklaverei erst 1886 abgeschafft – neben Brasilien war Kuba das letzte Land auf dem amerikanischen Doppelkontinent. Auf die Sklaverei folgten Jahrzehnte der Ungleichheit, Diskriminierung und fortgesetzter Rassismus. Die Revolution von 1959 hat Wichtiges in Richtung sozialer Gleichstellung erreicht. Ich bin aus einer armen Arbeiterfamilie. Die Revolution hat uns große Bildungsmöglichkeiten gegeben – nicht nur uns, auch anderen schwarzen Menschen in Kuba. Daher bin ich nicht einverstanden mit der klischeehaften Darstellung der Schwarzen in der heutigen Tourismusindustrie in Kuba. Das ist unwürdig und repräsentiert nicht die schwarze Bevölkerung. Dieses Thema habe ich in meinem Dokumentarfilm »Diálogo con mi abuela« (Dialog mit meiner Großmutter, jW) auch aufgegriffen. Er erschien 2016 und handelt von den Erfahrungen als arme, schwarze Arbeiterin vor der Revolution. Dazu nutzte ich noch vorhandene Audioaufnahmen mit der Stimme meiner Großmutter und stellte ihr Leben dar. In meiner neuen Dokumentation »Mi guerra« (Mein Krieg, jW) über die Buffalo Soldiers nutze ich dagegen keine Interviews. Sie basiert nur auf Artikeln und Dokumenten aus jener Zeit.
Wer waren diese »Buffalo Soldiers«?
Sie kämpften im sogenannten spanisch-US-amerikanischen Krieg 1898 auf seiten der USA gegen die spanische Kolonialherrschaft. Ich sage »im sogenannten spanisch-US-amerikanischen Krieg«, weil es in Wirklichkeit ein spanisch-kubanisch-US-amerikanischer Krieg war. Kuba wird aber in den Büchern, Interviews und Dokumenten über den Krieg unterschlagen.
Von Oktober 2024 bis Oktober 2025 war ich zur Recherche in den USA, unter anderem in Tampa in Florida, von wo aus damals die US-Soldaten nach Kuba verschifft worden waren. Manche dieser schwarzen Soldaten, die für die Unabhängigkeit Kubas von Spanien kämpften, gefiel es in Kuba, und sie blieben hier im Westen des Landes. Sie erlebten hier weniger Rassismus als in den USA. Es gab selbstverständlich auch in Kuba Rassismus, aber in den USA herrschte damals noch die Rassentrennung.
Sie haben seit 1991 bislang 14 Dokumentarfilme gemacht. Worum geht es Ihnen?
Um die Geschichte schwarzer Menschen in Kuba und die afrikanische Diaspora in Kuba. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts kamen viele Menschen aus Jamaika, Barbados, Trinidad und Tobago nach Kuba, um für die Zuckerindustrie zu arbeiten. Nach 1914 gab es eine weitere Migrationswelle von schwarzen Arbeitern, die nach der Fertigstellung des Panamakanals ohne Arbeit dastanden und hierherkamen, um ebenfalls in der Zuckerindustrie zu arbeiten.
Für die Dreharbeiten mussten wir Havanna verlassen und mit unseren damaligen geringen Ressourcen in anderen Landesteilen recherchieren. Wir reden über den Beginn der 1990er Jahre. Ein anderes wichtiges Thema habe ich in meinem Dokumentarfilm »Reembarque« (Rückverschiffung, jW) bearbeitet. Darin geht es um die Arbeiter aus Haiti, die ebenfalls zur Arbeit in der Zuckerindustrie nach Kuba kamen. Haiti ist das Land der ersten erfolgreichen Rebellion von Sklaven und daher sehr wichtig für den Kontinent. Diese Seite der Geschichte soll ausgelöscht und Haiti bis heute für diesen Aufstand bestraft werden. Mittlerweile wird über Haiti nur im Kontext von Gewalt, Kriminalität und Korruption gesprochen.
Die Arbeiter aus Haiti, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts nach Kuba kamen, wurden hier in grausamer Weise ausgebeutet. Kuba war mit der Zuckerindustrie neben Panama mit dem Kanal und Costa Rica mit der Bananenindustrie ein Zentrum, wo mit billiger Arbeitskraft der Reichtum nordamerikanischer Konzerne geschaffen wurde. Die Arbeiter aus Haiti arbeiteten nur saisonweise in Kuba. Nach der Ernte wurden sie stets zurückgeschickt. Daher kommt der Titel der Dokumentation. Die Revolution von 1959 machte Schluss mit dieser Praxis, Fidel Castro kannte das Leid haitianischer Arbeiter von der Finca seines Vaters persönlich. Nach der Revolution wurde den Arbeitern die Möglichkeit gegeben, dauerhaft in Kuba zu bleiben. Den älteren Arbeitern zahlte die revolutionäre Regierung eine Rente. 2003 konnte ich Interviews mit gebürtigen Haitianern machen, die vor 1959 nach Kuba gekommen waren. Heute sind natürlich fast alle verstorben, aber die Revolution ermöglichte ihnen ein Leben in Würde.
Eine weitere Dokumentation trägt den Titel »1912 – das Schweigen brechen«. Was geschah 1912?
1908 wurde eine Partei der schwarzen Bevölkerung für die Unabhängigkeit in Kuba gegründet. Diese Partei wurde von der liberalen Regierung für illegal erklärt. 1912 kam es zu einem Massaker, dem 6.000 schwarze Kubaner zum Opfer fielen. Für diese Dokumentation mussten wir mehr als zehn Jahre recherchieren.
Sie haben 1997 eine Dokumentation über das Leben von Assata Shakur gedreht. Die 1947 in New York geborene Aktivistin der revolutionär-militanten Black Panther Party war 1979 aus dem Gefängnis befreit worden und lebte seit 1984 in Kuba. Im September 2025 ist sie hier in Havanna gestorben. Wie ist der Film über sie entstanden?
Der Film ist ein langes Interview mit ihr, an verschiedenen Orten aufgenommen. Assata erzählt von ihrem Leben und ihrem Kampf in den USA. Die Phase ihrer gelungenen Befreiung aus der Haft und wie sie nach Kuba kam hat sie ausgeklammert. Sie nennt dazu aus verständlichen Gründen keine Details. So fehlen in diesem Dokumentarfilm zwar viele Dinge, aber er handelt auch von der menschlichen Seite im Leben von Assata. Viele betrachten politische Führungspersönlichkeiten ausschließlich unter dem Gesichtspunkt ihrer politischen Arbeit und vergessen dabei das Menschliche. Assata mochte zum Beispiel kubanische Musik sehr gerne.
Der Film geht aber auch der Frage nach: »Wo sind die kämpferischen Frauen?« Bei Assata spiegelte sich ihr Kampfgeist in ihren Augen, daher auch der Titel des Films: »The Eyes of the Rainbow« (Die Augen des Regenbogens, jW). Ich bin Dokumentarfilmerin, aber vor allem Humanistin. Das wollte ich in diesem Dokumentarfilm besonders hervorheben. Ich wollte zeigen, dass selbst in einer politisch schwierigen Geschichte die Poesie bestehen bleibt. Im Jahr 2003 haben wir diesen Film in etwa 20 Städten in Deutschland gezeigt. Das war eine sehr wichtige Erfahrung.
Kuba macht durch die Anfang des Jahres verhängte Totalblockade der USA die wahrscheinlich schwerste Krise des Landes seit der Revolution von 1959 durch. Was müssen die Regierung und das kubanische Volk tun, um auch diese Krise zu überwinden?
Die Regierung hat reagiert und eine Reihe von Maßnahmen verkündet. So soll die Wirtschaft dynamisiert und die ökonomische Entwicklung vorangebracht werden. Vielleicht hätten diese Maßnahmen früher kommen müssen, dann hätte uns die Verschärfung der Blockade vielleicht nicht so hart getroffen. Ich bin weder Statistikerin noch Ökonomin, aber ich höre das von vielen Menschen. Es kostet viel Arbeit in allen Sektoren der Gesellschaft, in der staatlichen wie in der privaten Wirtschaft, auch in der Frage der Öffnung für ausländische Investitionen. Die Regierung zeigt die Bereitschaft, hier voranzukommen und auch neue Wege zu gehen. Es gibt Menschen in Kuba, die nicht warten wollen und das Land verlassen. Das ist zu bedauern, aber es ist ihre Entscheidung.
Trifft die Totalblockade der USA die schwarze Bevölkerung besonders?
Ich habe keine genauen Zahlen, aber ich lebe in einem Stadtviertel in Havanna mit einem hohen Anteil Schwarzer und Mestizen, aber auch Weißer. Gerade bereiten sich die Menschen bei uns im Viertel auf den Schulanfang an diesem Dienstag vor. Das vergangene Schuljahr endete früher als üblich, wegen der Lage in Kuba durch die verschärfte Blockade und die schwierige Lage mit der Energieversorgung. Die Menschen versuchen gerade alles, damit die Kinder in guten Schuluniformen und mit Stiften, Heften und Materialien ausgestattet in die Schule gehen können. Da gibt es große Solidarität in der Familie und unter den Familien, den Nachbarn usw. Ich habe einige Spenden bekommen und Kinder aus der Nachbarschaft kommen jeden Tag und fragen, wann die Schule anfängt.
Alles ist schwerer geworden. Den Menschen fehlt heute Reis, morgen Öl, und übermorgen wissen sie nicht, wie sie einen wichtigen Besuch machen können, weil es keinen Transport gibt oder sie sich das Fahrgeld nicht leisten können. Aber sie helfen sich gegenseitig. Gleichzeitig sind wir weiter stolz auf unsere künstlerischen und kulturellen Erfolge und Leistungen im Land. Manche Menschen sagen: »Warum tanzt ihr und singt, wenn das Essen fehlt?« Ja, das sind die mysteriösen und im positiven Sinne merkwürdigen Dinge Kubas.
Die afrokubanische Filmemacherin und Drehbuchautorin Gloria Victoria Rolando Casamayor kam am 4. April 1953 in Havanna zur Welt. Sie war über 35 Jahre lang als Regisseurin am Kubanischen Institut für Filmkunst und -industrie (ICAIC) tätig und leitete zudem die unabhängige Filmgruppe »Imágenes del Caribe«, die sie 1990 gegründet hatte.
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