Zum Inhalt der Seite
Rassismus

Eine rassistische Kampagne

Der britische Soziologe Jason Arday ist tot. Vor seinem Suizid war er von der Presse wochenlang regelrecht gejagt worden. Dabei wurde ihm die Eignung als Professor abgesprochen. Dahinter steht ein rechtes Netzwerk

Von Faheem Hemboum
Foto: ZUMA Press Wire/IMAGO
Protest und Trauer. Menschen versammeln sich zu Ehren von Jason Arday am Trafalgar Square in London (17.8.2026)

Am Freitag, den 14. August, wird Jason Arday, zum Zeitpunkt seiner Berufung der jüngste nichtweiße Professor der Universität Cambridge, leblos aufgefunden. Auch wenn die offizielle Todesursache zu diesem Zeitpunkt nicht bekannt ist, steht für die Öffentlichkeit fest, dass Arday Suizid begangen hat. Am 5. August hatte er seine Professur aufgegeben, nachdem bekannt geworden war, dass die Universität Vorwürfe, er habe in seiner Dissertation plagiiert, erneut überprüfen wolle. Zu diesem Zeitpunkt war bereits eine Medienkampagne in vollem Gange, die auch mit Ardays Rücktritt nicht endete. Bis zu seinem Tod erschienen immer weitere Zeitungsartikel – ganze 188 allein in den letzten neun Tagen.

Der seit März zum deutschen Axel-Springer-Konzern gehörende ­Telegraph veröffentlichte seit dem 24. Juli insgesamt 42 Artikel, in denen Arday im Einklang mit anderen Boulevardmedien zum »Diversity Posterboy« erklärt wurde, während die Daily Mail ihn in der Zeit zwischen Rücktritt und Tod mit drei Artikeln pro Tag als »Professor Plagiat« verunglimpfte und einen Psychiater ohne nähere Kenntnisse über mögliche Pathologien spekulieren ließ. Die Times ließ unterdessen auch nach Ardays Tod die Reichweite ihrer Texte durch bezahlte Werbung erhöhen.

Der englische Black-Studies-Professor Kehinde Andrews und der bekannte US-amerikanische Rassismusforscher Ibram X. Kendi sprechen von medialem Lynchmord. Auch die bekannte englische Kommentatorin Kelechi Okafor macht den Medien, besonders dem Guardian, schwere Vorwürfe und spricht von unethischem Verhalten. Der Guardian hatte das Thema als eines der ersten seriösen Medien aufgegriffen. Dessen Meinungsartikel seien durchaus ausgewogen und nuanciert gewesen, schreibt Jo Maugham vom Good Law Project, das Arday im Laufe der Kampagne vertreten und auf seiner Homepage dessen Rücktrittserklärung veröffentlicht hat. Jedoch hätten die Nachrichten oft Argumente der rechten Presse übernommen und Arday vorschnell als schuldig präsentiert. Laut Maugham habe ein am 1. August im Guardian erschienener Artikel aus dem bis dahin rechten Kulturkampf gegen einen schwarzen Professor eine seriöse Nachricht gemacht. Zur gleichen Zeit äußerten mehrere Personen aus Ardays näherem Umfeld ihre Sorge um dessen mentale Gesundheit und wiesen eindringlich auf die Gefahren weiterer Veröffentlichungen hin.

Koordination der Rassisten

Die Gegner der »Wokeness« – wobei in diesem Fall jede Art linker, gesellschafts- und herrschaftskritischer Wissenschaft gemeint ist – feixten derweil triumphierend und feierten ihre gelungene Kampagne. So etwa der US-Amerikaner Nathan Cofnas, Anhänger von Rassentheorie und Eugenik, in einem Gespräch mit dem konservativen britischen Historiker David Starkey am 9. August. Cofnas hatte nach einem internen Hinweis aus Cambridge mit der Software Copyleaks mutmaßlich kopierte Passagen in Ardays 2015 eingereichter Dissertation ausfindig gemacht. Starkey war in den vergangenen Jahren mehrmals durch rassistische Kommentare aufgefallen, bis die Canterbury-Christ-Church-Universität deshalb seinen Vertrag 2020 beendete und er außerdem einen Buchvertrag mit Harper-Collins sowie ein Fellowship am Cambridge Fitzwilliam College verlor.

Cofnas und Starkey bewegen sich im Umfeld eines rechten Netzwerkes, das unter dem Deckmantel von Wissenschafts- und Meinungsfreiheit moderne Varianten lange widerlegter Rassentheorien propagiert. Dass Cofnas Arday von Beginn an als »DEI hire« bezeichnete, also eingestellt aufgrund von Diversitätskriterien, und ihm sowohl Intelligenz als auch Qualifikation absprach, zählt dabei noch zu den weniger extremen Äußerungen.

Anzeige

Wie der Journalist Nafeez Ahmed in mehreren Recherchen im englischen Magazin Byline Times bereits 2021 aufgedeckt hat, zielt das vom rechten Techmilliardär Peter Thiel unterstützte Netzwerk seit mehr als einem Jahrzehnt darauf ab, an englischen Universitäten Rassismus und weiße Vorherrschaft zu normalisieren. Ideologisch zentral sind ultrarechte Medienplattformen wie Quillette und Aporia, für die auch Cofnas schreibt. Das Magazin Aporia gilt als Sprachrohr des Human Diversity Fund, der seit 2025 als Polygenic Scores LLC firmiert und in der Tradition des 1937 gegründeten Pioneer Fund steht, der die Verbreitung faschistischer Eugenik zum Ziel hatte. Kaum überraschend, dass auch Verbindungen in den deutschsprachigen Raum zu AfD und FPÖ bestehen.

Die Ansichten dieser Bewegung wurden einem größeren Publikum 1994 durch das Buch »The Bell Curve« bekannt. Die vom Pioneer Fund unterstützte pseudowissenschaftliche Recherche zielte darauf ab, genetische Unterschiede als Ursache geringerer Intelligenz schwarzer Menschen auszumachen, und wurde von der Fachwelt schnell als Scharlatanerie entlarvt. Ein anderes Werk aus diesem Umfeld heißt »The Origins of Woke«. Ein Bild aus dem Jahr 2024 zeigt Cofnas neben dem Autor Richard Hanania und außerdem neben Curtis Yarvin, dessen Softwarefirma von Thiel finanziert wurde. Yarvin hat mehrmals geäußert, schwarzen Menschen würde es unter Versklavung besser gehen.

Es war nun indessen nicht so, dass dies keinen Einfluss auf Cofnas akademische Karriere hatte. Wie die englische Newswebsite Canary exklusiv berichtete, hatten Wissenschaftler der Universität Gent, von der Cofnas nun suspendiert wurde, bereits im Mai dieses Jahres in einem 19seitigen Dokument dessen fehlende Eignung, sein rassistisches Weltbild und wissenschaftliches Fehlverhalten dokumentiert.

Tödlicher Kulturkampf

In all dem wird das Ausmaß deutlich, das der Kulturkampf erreicht hat, den Rechte in den USA, in England und auch hierzulande führen. Tatsächliche Plagiate, sexualisierte Gewalt und Machtmissbrauch anderer Professoren sorgen oft nur für Schulterzucken und vereinzelte Texte in ein paar wenigen Medien. Dass neben Ardays wissenschaftlicher Integrität auch seine Person so extrem angegriffen wurde, zeigt, wie weit der Diskurs bereits nach rechts verschoben worden ist.

Autobiographische Angaben, Arday habe im Alter von drei Jahren eine Autismusdiagnose erhalten, bis zum zwölften Lebensjahr nicht gesprochen und erst mit 18 Jahren richtig lesen und schreiben gelernt, wurden dabei ebenso in Frage gestellt wie die Information, hinter ihm liege eine semiprofessionelle Fußballkarriere, er habe in kürzester Zeit mehrere Marathonläufe absolviert und Spendengelder für gemeinnützige Zwecke gesammelt. Mit der Legitimität der Person Jason Arday, so das offensichtliche Kalkül, würde auch die Legitimität von Diversitäts- und Inklusionspolitik fallen, anschließend würde man sich endlich auch unliebsamer Fächer wie Gender Studies und Rassismusforschung entledigen können.

Die Plagiatsvorwürfe bezogen sich zunächst auf seine Dissertation an der John-Moores-Universität in Liverpool. Dort kam man im Zuge einer Untersuchung zu dem Schluss, dass in der Doktorarbeit von 2015 zwar stellenweise Zitate aus der Arbeit der Bildungsforscherin Paula Zwozdiak-Myers aus dem Jahr 2009 nicht richtig kenntlich gemacht worden seien, da jedoch diese sowie eine folgende Arbeit der Autorin an anderen Stellen korrekt zitiert und auch im Literaturverzeichnis aufgeführt wurden, stufte man den Zitierfehler als »ehrlich und nachvollziehbar« ein. Zwei Artikel aus der Anfangszeit von Ardays Karriere erhielten nach ihrer Veröffentlichung Korrekturen. Das ist im wissenschaftlichen Betrieb nichts Ungewöhnliches und schon gar nicht der große Skandal, als den ihn die Medien unisono verkauft haben.

Die Kampagne gegen Arday war eine von Rassismus befeuerte Hetze, deren Initiatoren selbst über keinerlei wissenschaftliche Integrität verfügen und die an empirisch widerlegten Theorien festhalten, die zur Verharmlosung von Kolonialismus und Sklaverei beitragen und die auch heute noch imperialistischen Krieg und neokoloniale Ausbeutung legitimieren sollen. Zum anderen müssen sich auch linksliberale Medien die Frage stellen, welche Haltung sie in dieser Frage einnehmen. Einzig Dalia Gebrial und Ash Sarkar haben sich bei Novara Media selbstkritisch gezeigt. Auch dort hatte man über die Person Jason Arday berichtet, anstatt die Struktur hinter der Kampagne in den Blick zu nehmen. Die Krise, in der sich Universitäten heute vielerorts befinden, wurde nicht durch Diversitätspolitik ausgelöst, sondern resultiert aus den Kürzungen und Sparprogrammen, wie Gebrial anmerkt. »Wokeness« sei zur Projektionsfläche geworden, Missstände würden anhand rassistischer Kategorien personalisiert werden können.

In den am meisten beachteten Veröffentlichungen von Jason Arday geht es um die strukturellen Benachteiligungen und das Machtungleichgewicht im Bildungssystem. Die ethisch fragwürdige Berichterstattung der vergangenen Wochen hat die Aufmerksamkeit zugunsten der Vertreter rechter Pseudowissenschaften weg von dieser kritischen Perspektive gelenkt.

→ Sie können uns auch mit einer Spende unterstützen
Erschienen in der Ausgabe vom 25.08.2026, Seite 9, Schwerpunkt

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Pressefreiheit schützen, Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Revision möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!