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Aus: Ausgabe vom 23.02.2026, Seite 6 / Ausland
Vereinigte Staaten

Hoffnung lebendig halten

Jesse Jackson war ein unermüdlicher Vorkämpfer für Gerechtigkeit, weit über die USA hinaus. Ein Nachruf
Von Volker Hermsdorf
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Einen Tag vor Beginn des US-Angriffs auf Irak rief Jackson zu einer Friedensdemo auf (Washington, D. C., 15.1.1991)

Reverend Jesse Jackson ist tot. Der Baptistenpastor starb am 17. Februar im Alter von 84 Jahren. Er war weit mehr als ein unermüdlicher Kämpfer und eine Stimme der US-Bürgerrechtsbewegung. Jackson war ein Aktivist, der den Kampf der Afroamerikaner in den USA konsequent mit den antikolonialen Befreiungsbewegungen der Völker des globalen Südens verband. Als ein – oft unbequemer – Verbündeter der internationalen Linken trat er auch der imperialistischen Politik Washingtons entgegen. Sein Leben war geprägt vom Einsatz gegen Rassismus, Armut, Kriegspolitik und koloniale Unterdrückung.

Geboren 1941 im Süden der »Jim Crow«-USA, wuchs Jackson in einer Gesellschaft auf, in der Rassismus und Entrechtung den Alltag bestimmten und schwarze Menschen systematischer Gewalt und Einschüchterung ausgesetzt waren. Früh schloss er sich der Bürgerrechtsbewegung der 1960er Jahre an und wurde Mitstreiter von Martin Luther King jr. – an dessen Seite er stand, als der Friedensnobelpreisträger 1968 ermordet wurde. Aus dieser Erfahrung erwuchs die Vision einer allumfassenden sozialen Bewegung, die Rassengrenzen, Klassenunterschiede und politische Spaltungen überwinden sollte.

Jackson ließ sich durch den Mord an King nicht einschüchtern, sondern machte die Kanzel zur politischen Tribüne. Den Kampf um Gleichheit verstand er nie als Frage allein der Hautfarbe. Mit der »Operation PUSH«, kurz für: People United to Save Humanity, und der »Rainbow Coalition« baute er eine politische Kraft auf, die weit über die traditionelle Bürgerrechtsagenda hinausging. Sie verband den Kampf gegen rassistische Unterdrückung mit der sozialen Frage: Arbeitslosigkeit, niedrige Löhne, schlechte Gesundheitsversorgung und mangelhafte Gewerkschaftsrechte. Jackson stand bei Streiks an den Werkstoren und auf den Straßen – solidarisch mit Arbeitern, Migranten, Frauen und der LGBTQ-Bewegung.

Die Parole »Keep hope alive« war für Jesse Jackson keine Phrase, sondern politisches Programm, das auf Mobilisierung setzte. Seine Präsidentschaftskandidatur und die Wahlkampagnen 1984 und 1988 brachten die Demokratische Partei unter Druck und öffneten Millionen von bis dahin ausgegrenzten Menschen den Weg in die Politik. Jackson zwang die Partei, sich mit den als »links« geltenden Forderungen nach sozialer Gerechtigkeit, fairen Arbeitsbedingungen und demokratischer Teilhabe auseinanderzusetzen. Dass Barack Obama später Präsident werden konnte, war auch ein Ergebnis dieser Vorarbeit – auch wenn das Parteiestablishment lange versuchte, Jackson an den Rand zu drängen.

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Jesse Jackson besuchte auch das sozialistische Kuba und traf dort Fidel Castro (Havanna, 25.6.1984)

Doch sein Engagement reichte weit über die USA hinaus. Als Regierungen des Westens noch mit dem Apartheidregime im Pretoria kooperierten, gehörte er zu den ersten prominenten Stimmen in der US-Politik, die den Befreiungskampf in Südafrika offen unterstützten. Auch sein Einsatz für die Rechte des palästinensischen Volkes brachte ihn wiederholt in Konflikt mit der Parteiführung. Trotz deren Missfallens wandte er sich gegen Aufrüstung, Atombewaffnung und die Kriege Washingtons – von Zentralamerika bis in den Nahen Osten. »Waffen und Krieg zersetzen die Demokratie«, sagte Jackson und meinte damit nicht nur die Opfer im Ausland, sondern auch die Verrohung im Innern.

Kuba und Venezuela konnten ebenfalls auf Jacksons Solidarität zählen. Bereits 1984 reiste er nach Havanna, traf dort Fidel Castro und prangerte die seit Jahrzehnten bestehende US-Blockade als Relikt des Kalten Krieges und »historische Schande« an. In den folgenden Jahren baute er auch Beziehungen zu Venezuela auf: Er suchte den Austausch mit Hugo Chávez, unterstützte einen politischen Dialog und nahm später an Chávez’ Beisetzung teil. In seinen internationalen Auftritten stellte er sich konsequent gegen die Dämonisierung progressiver Regierungen in Lateinamerika.

Reverend Jackson war kein Prediger der bloßen Versöhnung, sondern ein Aktivist des konsequenten Widerstands gegen Rassismus, Kapitalmacht und imperiale Gewalt. Seine Stimme wird fehlen, doch sein Vermächtnis bleibt. »Keep hope alive« – das war für ihn kein Trostwort, sondern ein Auftrag: Bündnisse zu schmieden, Widerstand zu organisieren und Hoffnung nicht nur zu predigen, sondern zu erkämpfen.

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