Im Schatten
Die Filmhistorikerin Rosemarie Killius legt die erste Biographie des von den Nazis in den Tod getriebenen Schauspielers Joachim Gottschalk vor
Als UFA-Star Ilse Werner vor mehr als 20 Jahren ins Filmmuseum Potsdam eingeladen wurde, wünschte sie sich den Film »Die schwedische Nachtigall«, der 1941 zu der Zeit entstand, da sie noch nicht als Kunstpfeiferin bekannt war. Der Film idealisiert eine Liebesgeschichte zwischen der schwedischen Primadonna Jenny Lind und dem dänischen Dichter Hans Christian Andersen. Was auffiel: Im Vorspann fehlte der Name des Hauptdarstellers. Ein Fehler einer alten Filmkopie? Nein. Es war eine Anweisung des Nazipropagandaministeriums. Die Nazis hatten Joachim Gottschalk – so sein Name – mit seiner Familie in den Tod getrieben. Er war damals ein Publikumsliebling, und von dem Suizid sollte kein Signal ausgehen. Gottschalk sollte, so das Ziel der Nazis, für immer vergessen werden.
Ein moderner Schauspieler
Das ist nicht gelungen. Schon 1947 entstand bei der Defa in Erinnerung an Joachim Gottschalk und seine Frau der Film »Ehe im Schatten«. Ihn inszenierte Defa-Mitbegründer Kurt Maetzig, den das Schicksal der Gottschalks persönlich betraf, da seine jüdische Mutter aus dem Leben schied, nachdem ihr die Deportation angekündigt worden war. Grundlage des Films, der 1948 mit einem »Bambi« ausgezeichnet wurde, war die Filmnovelle »Es wird schon nicht so schlimm« von Hans Schweikart. Der hatte 1940 den vorletzten Film mit Joachim Gottschalk inszeniert. »Das Mädchen von Fanö« entstand nach einer Vorlage von Günther Weisenborn, von dem zur Drehzeit noch nicht bekannt war, dass er die »Rote Kapelle« genannte Widerstandsgruppe unterstützte.
Joachim Gottschalk war ein Theaterstar, ein moderner, unpathetischer Schauspieler. Gerade deshalb wurde er für den Film entdeckt. Dass er trotz seiner Hauptrollen in immerhin sieben Kinofilmen und einem Fernsehspiel heute fast vergessen ist, hat die Frankfurter Filmhistorikerin Rosemarie Killius schon vor Jahren auf den Plan gerufen. Sie hat Gottschalk stetig ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zurückgeholt. Nun hat sie nach jahrelanger Arbeit ein Buch über das Schicksal des Schauspielers und seiner Familie herausgebracht.
Dabei konnte sie sich – neben der einschlägigen Memoirenliteratur – auch auf bisher unbekannte Quellen stützen, um das künstlerische Umfeld des Ehepaars Gottschalk zu erhellen. Sie wertete Briefe und Tagebücher aus, die bisher noch nicht an die Öffentlichkeit gelangt waren. Beispielsweise suchte Rosemarie Killius die in Kalifornien lebende, damals schon hochbetagte Schauspielerin Anneliese Uhlig auf, die Joachim Gottschalk noch aus dem gemeinsamen Engagement an der Berliner Volksbühne kannte. Sie bezeugte, wie abweisend sich der damalige Intendant Eugen Klöpfer verhalten hatte. Auch an den aufgeweckten kleinen Sohn Michael Gottschalk wird hier authentisch erinnert, denn die Autorin konnte mit Michaels Kindheitsfreund George Will sprechen.
Filmverbot
Der Lebensweg des Arztsohns Joachim Gottschalk begann im April 1904 in Calau in der Niederlausitz. Er war das jüngste von fünf Geschwistern und legte 1922 in Cottbus das Abitur ab, ging dann aber zur See. Bei der Rückkehr in die Heimat mit 22 Jahren konnte er mit familiärer Hilfe in Berlin die Schauspielausbildung beginnen.
Er hatte Glück, dass ihn Detlef Sierck (später als Douglas Sirk ein berühmter Hollywood-Regisseur) nach Württemberg holte. Bereits in diesem ersten Engagement lernte er die Kollegin Meta Wolff kennen, die er nach kurzen Jahren der Trennung 1930 heiratete. Killius hat auch ihre jüdische Familiengeschichte erforscht. Nur wenigen Familienmitgliedern gelang es, den Nazis zu entgehen.
Gottschalk wurde ein vielbeachteter Theaterschauspieler, der sich in Leipzig, Frankfurt am Main und ab 1938 an der Berliner Volksbühne bewährte. Nach den Nazigesetzen war seiner Frau Meta jedoch keine Arbeit in ihrem Beruf mehr erlaubt.
»Von den schlimmsten Demütigungen, die andere Juden zu dieser Zeit erlebten, blieb Meta allerdings vorläufig verschont, denn sie lebte ja in einer sogenannten Mischehe. Sie brauchte keinen Judenstern zu tragen und bekam die gleichen Lebensmittelkarten wie ihr Mann. Doch täglich musste sie mitansehen, wie übel ihren Verwandten und Freunden mitgespielt wurde.« Das berichtete Schauspieler Gustav Knuth, der sich mit den Gottschalks angefreundet hatte, in seinen Erinnerungen. Knuth organisierte und bezahlte trotz offiziellen Verbots die Beerdigung der Familie auf dem Südwestkirchhof in Stahnsdorf.
Zu der Tragödie war es gekommen, nachdem Meta Gottschalk im April 1941 an der Filmpremiere von »Die schwedische Nachtigall« teilgenommen hatte. Auch Propagandaminister Joseph Goebbels war gekommen. Er küsste Meta – wie die anderen Damen auch – die Hand und plauderte mit ihr. Erst später wurde ihm zugetragen, dass es sich um eine Jüdin handelte. Gottschalk erhielt ein Filmverbot, und auch der Volksbühnenintendant wurde angehalten, ihn nicht mehr in großen Rollen herauszustellen. Killius schildert detailliert die Demütigungen, die folgten. Als die Deportation von Frau und Kind ins KZ Theresienstadt drohte und Gottschalk zum Fronteinsatz vorgesehen war, entschloss sich das Paar zum Suizid und wollte auch den achtjährigen Michael nicht einem schlimmen Schicksal überlassen. Gemeinsam nahmen sie sich in ihrer Wohnung in Berlin-Grunewald mit Gas das Leben.
»Vorbehaltsfilme«
Zu den umfangreichen Recherchen der Autorin kommen ihre Überlegungen, was es heißen mag, das eigene Kind mit in den Tod zu nehmen, oder ob eine Emigration in die Schweiz für die Familie die Rettung bedeutet hätte. Dabei ist die von ihr zitierte Zeitzeugin Hertha Thiele (die sie versehentlich ein Jahrzehnt älter macht) das Gegenbeispiel. Ihr gelang es in der Schweizer Emigration nicht, in ihrem Beruf Fuß zu fassen.
Dass Joachim Gottschalks Name heute in der breiten Bevölkerung nicht mehr präsent ist, hängt zwar direkt mit Goebbels und den Nazis zusammen, aber auch indirekt. Seine Filme waren deutlich Kinder ihrer Zeit. Auch wenn die Autorin schreibt: »Ein Film mit nationalsozialistischer Tendenz oder Propaganda ist nicht darunter«, gelten Filme wie »Aufruhr in Damaskus« und »Flucht ins Dunkel« als »Vorbehaltsfilme«, die wegen ihrer faschistischen Tendenz nur eingeschränkt öffentlich gezeigt werden dürfen. Man hätte Gottschalk gewünscht, dass er in einer besseren Zeit gelebt und gearbeitet hätte.
Rosemarie Killius: Die tödliche Freiheit des Schauspielers Joachim Gottschalk, Verlag Frank & Timme, Berlin 2025, 246 Seiten, 36 Euro
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